> > > J.S.Bach: Sonatas & Partitas: Leila Schayegh, Violine
Dienstag, 28. September 2021

J.S.Bach: Sonatas & Partitas - Leila Schayegh, Violine

Gipfel


Label/Verlag: Glossa
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Leila Schayegh bewältigt den berühmten Bach-Sechser für Violine solo makellos, enorm lebendig, ohne alles Äußerliche. Die Musik ist hier so rein und wirksam wie vermutlich seit dem ersten Tag ihrer Existenz.

Wenn immer wieder und zurecht die Größe und Monumentalität des berühmten ‚Sechsers‘ von Sonaten und Partiten für Violine solo BWV 1001 bis 1006 von Johann Sebastian Bach beschworen wird, trifft man damit sicher Rang und Größe im musikhistorischen Vergleich, übersieht aber eventuell das Intrikate des wunderbaren Satzes, die Finesse und Klarheit, auch das schlicht, aber weithin Leuchtende dieser Kompositionen. Bach hat sich mit diesem Beispiel früher Meisterschaft auf einem Feld der kompositorischen Praxis seiner Zeit herausragend profiliert, dem gleichzeitig und später in anderen Gattungen so viele weitere Beispiele zur Seite traten: Ihm ist ein Meilenstein gelungen, der auf Dauer Wirkung entfaltet.

Klingende Wunderkammer

Die Violinistin Leila Schayegh hat sich nun beim Label Glossa der Herausforderung gestellt, diese Wunderkammer in über zwei Stunden Spielzeit zu erkunden und zu explizieren, jenseits von Zirzensik und Bestenermittlung, soviel kann vorweggenommen werden. Man hat diesen Schritt als beinahe logische Konsequenz erwarten können, nachdem Schayegh von einigen Jahren gemeinsam mit dem Cembalisten Jörg-Andreas Bötticher eine hochgelobte Einspielung der 'Sei Suonate à Cembalo certato è Violino Solo' BWV 1014 bis 1019 vorgelegt hat.

Und sie folgt auch hier dem unverwechselbaren Idiom Bachs, das die sechs Sonaten und Partiten zu der Musik für solistische Violine schlechthin gemacht hat – ein heikles Zusammenwirken von Rhythmus, melodischer Linie, kontrapunktischer Einbindung und harmonischer Blüte. Natürlich ragt die Ciaconna der zweiten Partita an Bekanntheit heraus, allein: Sie wird hier selbstverständlicher Teil eines Ganzen, ist nicht überbetont oder in Wucht und Überwältigung erzwungen. Dieser interpretatorische Weg gibt einen Hinweis auf Leila Schayeghs Spiel, das nie effekthaschend oder vordergründig ist.

Herausragende Könnerin

Es ist komplette Violinistik zu erleben, auf der Basis stupender Technik, eingebettet in eine unerhörte Musikalität: Keine einzige der Höchstschwierigkeiten erscheint hörend als solche, keine einzige wird aber auch durch die Interpretin als solche demonstriert und in den Vordergrund gestellt – das gilt auch für die großen und vertrackten Fugen der Sonaten oder die schon angesprochene Ciaconna. Leila Schayegh glänzt mit Technik, will aber erkennbar nie nur auf diesem Gebiet überzeugen, zu sehr ist dafür die Substanz der Kompositionen durchdrungen, zu gelungen sind die Charakterisierungen der gerade in den Partiten ungemein verschieden konturierten Sätze. Rhythmisch lässt sich nicht die kleinste Nachlässigkeit hören, keine verschwimmende Punktierung. Im Gegenteil gerät gerade dieser Aspekt beglückend, werden Sätze wie die einleitende Allemanda der ersten Partita zu einem luziden Klangfest. Schayegh verleiht der Musik eine Wirkung von fast irrealer Leichtigkeit.

Dazu verhilft ihr natürlich auch das Instrument: Eine Guarneri-Geige von 1675, die enorm ausgeglichen in der Wirkung ihrer Register ist, brillant, aber nicht grell in den Höhen, sonor in den tieferen Lagen. Alle erstrebten Klänge werden ohne Force entfaltet. Im Zusammenspiel mit dem ebenfalls aus Cremona stammenden Bogen erweist sich das Instrument als komplett und auffallend leichtgängig. So singt und sprudelt die Violine sinnlich, erweist sie sich der Strukturliebe der Interpretin genauso gewachsen wie deren Sinn für Architektur. Doch wird keine dieser Sphären überhöht: Bachs Instrumentalkunst wird hier weder locker vertanzt noch zur monumentalen Superstruktur überhöht.

Makellos

Dieser Befund wird auch von den glänzend disponierten Tempi mitgetragen, von den feinen Proportionen im Kontext des jeweiligen Gesamtwerks. Gerade die langsameren Sätze musiziert Schayegh mit Mut zum dichten Aussingen, mit großem Vertrauen in den Klang des Instruments und die eigenen Gestaltungskräfte. Die Intonation ist durchgehend makellos, gar beglückend, auf eine selbstverständliche Weise von freier Resonanz getragen. Das von Markus Heiland (Tritonus) produzierte Klangbild ist nobel, von matt glänzendem Licht erhellt, bei atmender Größe und Räumlichkeit, in manchen Schlussklang hineinhörend: Besser kann diesem edlen Instrument und seiner Spielerin wohl nicht Geltung verschafft werden.

Leila Schayegh bewältigt den berühmten Bach-Sechser für Violine solo makellos, enorm lebendig, ohne alles Äußerliche. Die Musik ist hier so rein und wirksam wie vermutlich seit dem ersten Tag ihrer Existenz.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    J.S.Bach: Sonatas & Partitas: Leila Schayegh, Violine

Label:
Anzahl Medien:
Glossa
2
Medium:
EAN:

CD
8424562242050


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Bach, Johann Sebastian


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Glossa

Spaniens renommiertestes Klassiklabel wurde 1992 von Carlos Céster und den Brüdern José Miguel und Emilio Moreno gegründet. Sein "Hauptquartier" hat es in San Lorenzo del Escorial in den Bergen nahe Madrid. Zahlreiche herausragende Künstler und Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik (z.B. Frans Brüggen und das Orchestra of the 18th Century, La Venexiana, Paolo Pandolfo, Hervé Niquet und sein Concert Spirituel u.v.a.) finden sich im Katalog des Labels. Doch machte GLOSSA von Anfang an auch wegen der innovativen Gestaltung und Produktionsverfahren von sich reden. Zu nennen wären hier die Einführung des Digipacks auf dem Klassikmarkt und dessen konsequente Verwendung, der Einsatz von Multimedia Tracks oder die Platinum-Serie mit ihrem avantgardistischen Design. Innerhalb der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte konnte GLOSSA so zu einem der interessantesten Klassiklabels auf dem Markt avancieren. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch dem Spiritus rector und Gesicht des Labels, Carlos Céster.


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