> > > Christoph Graupner: Fagottkantaten: Sergio Azzolini, Kirchheimer BachConsort, Florian Heyerick
Montag, 10. Mai 2021

Christoph Graupner: Fagottkantaten - Sergio Azzolini, Kirchheimer BachConsort, Florian Heyerick

Kantatenpfund


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Graupner enttäuscht nicht, vielleicht sogar nie: Diese überaus gelungene Einspielung mit sechs Kantaten des von Florian Heyerick geleiteten, im Grunde vom Bassisten Dominik Wörner getragenen Kirchheimer BachConsort macht das aufs Gelungenste deutlich.

Gelegenheit macht Besetzungen – so könnte man anhand der auffälligen Häufung eines teils virtuos geführten solistischen Fagotts in Kantaten des Darmstädters Christoph Graupner seit 1736 sagen. Hintergrund war die Verpflichtung des Fagottisten Johann Christian Klotsch an den Darmstädter Hof, dem Graupner, instrumentalen Eigenheiten und Neuerungen ohnehin nicht abgeneigt, in nicht weniger als insgesamt 95 Arien mit obligatem Fagott herausfordernde Partien auf den Leib schrieb. Dieses Instrument, nicht eben gerühmt für seine solierenden Qualitäten, hatte auch Vivaldi, Zeitgenosse Graupners, zu konzertanten Höhen geführt. Doch blieb es neben diesen wenigen Ausnahmen vielfach lediglich bei der üblichen Verwendung im Basso continuo. Dass offenkundiges Können nicht zwangsläufig glücklich machen muss, zeigt der Weg Klotschs in Darmstadt beklagenswerter Weise auch: Immer wieder musste er gegenüber der Administration der Hofkapelle um eine halbwegs pünktliche und vollständige Bezahlung nachsuchen, drohte mit Fortzug, wurde mit – wie sich herausstellte – reichlich leeren Versprechungen zum Bleiben bewegt, konnte gar, wie eine seiner Eingaben deutlich macht, seine ältere Tochter nicht konfirmieren lassen, weil ihm die Mittel zur angemessenen Einkleidung fehlten. Ursula Kramer weist in ihren anregenden Einführungstexten darauf hin, dass es nicht sehr viele Gelegenheiten gibt, Aspekte der persönlichen Lebensumstände subalterner Hofangestellter, wie es auch jeder noch so begabte Musiker war, auf diese Weise auszuleuchten. Neben dem Bedauern für Klotschs Lebensunglück stehen diese wertvollen Einsichten als Gewinn der Lektüre des Booklets.

Potenter Textdeuter

Das Programm der Doppel-CD umfasst sechs Kantaten, die einen schnellen Gang durch weite Teile des Kirchenjahres bieten: Am Beginn steht die 1740 entstandene Kantate 'Hebt eure Augen auf gen Himmel' zum zweiten Advent, dann folgt 'Jauchzet, ihr Himmel, freue dich, Erde' zum ersten Weihnachtstag 1743, bevor 'Jesu, mein Herr und Gott allein' zu Neujahr 1737 die erste 'Portion' Graupner beschließt. Die zweite Platte eröffnet mit 'Kehre wieder, du abtrünnige' für Palmsonntag 1743, danach 'Ach, bleib' bei uns, Herr Jesu Christ' zu Ostermontag 1746 und schließlich, in dieser Reihung gewissermaßen als Schritt zurück im Kirchenjahr, 'Wir werden Ihn sehen' zu Mariä Reinigung am 2. Februar 1749. Alle diese Kantaten sind – Fagott hin oder her – zuallererst Juwelen der Satzkunst jener Zeit. Christoph Graupner zeigt sich hier hochindividuell in der Invention, formal flexibel, als ein extrem potenter Textdeuter auf allen Ebenen, weit entfernt von jeder Formelhaftigkeit, vielmehr innovativ, voller überraschender Lösungen von sprühender Originalität.

Natürlich sind die Fagott-Soli nicht einfach obligat, sondern enorm herausfordernd: Reiche Figuration, rasende Skalen, arpeggierte Figuren, schroff abgerissene Gesten und weite Sprünge beweisen, dass Klotsch wirklich ein herausragender Künstler gewesen sein muss. Graupner kombiniert diesen Anteil mit weiteren instrumentalen Spezialitäten wie verschiedenen Chalumeaus in Alt-, Tenor- und Basslage – Holzblasinstrumenten mit einfachem Rohrblatt, aus denen die klanglich eng verwandte Klarinette hervorging, nicht aber zu verwechseln mit der Schalmei –, die von eigentümlichem Charme sind. Nicht zu sprechen von Arien teils gewaltigen Ausmaßes, emotional starken Chorälen und wendungsreichen, harmonisch kühnen Rezitativen.

Großartige Instrumente, ideale Vokalisten

Der Bass Dominik Wörner hat mit dem von ihm gegründeten Kirchheimer BachConsort schon mehrfach vernehmlich und nahezu perfekt für Graupner plädiert. Auch die vorliegende Doppel-CD gerät eindrucksvoll. Das solistisch besetzte BachConsort spielt subtil, im typisch durchbrochenen Graupner-Duktus mit mürber Geste, auch funkelnd, mit Hörnern und Pauken selten auftrumpfend. Klingende Köstlichkeiten wie die Chalumeaus werden gelungen integriert, dabei in ihrem fast schüchternen Klang doch nie verdeckt – in der Summe einfach ein delikates Ensembleideal, das da gepflegt wird. Der Italiener Sergio Azzolini auf dem Barockfagott nimmt Johann Christian Klotschs Legat an: Technisch agiert er unwiderstehlich, die Partien klug disponierend und gestaltend; Linien werden lebendig, das Fagott singt und erweist sich als erstaunliche lyrische Begabung. Azzolini bewältigt die gelegentlich fast konzertanten Partien vollkommen souverän – das Fagott ist, obwohl in Graupners zeitlichem Kontext in dieser Rolle ein Exot, keiner Rechtfertigung bedürftig, wenn Azzolini es spielt. Und dass er als Fagottprofessor in Basel fairer entlohnt wird als der arme Klotsch Jahrhunderte zuvor, darf man beruhigt annehmen.

Das Vokalquartett dieser im Januar 2020 entstandenen Aufnahme ist erstrangig zu nennen: Sopran singt Monika Mauch, Altus Franz Vitzthum, Tenor Georg Poplutz und Bass – natürlich, möchte man sagen – Dominik Wörner. Monika Mauch verfügt über eine vielfach erprobte, gestisch starke, behände Stimme, gleichermaßen präsent in allen Registern, ungemein beweglich, technisch herausragend, mit einer klaren Diktion. Franz Vitzthums feiner Altus ist lyrisch begabt; auch er verfügt über eine natürliche Sprachgestalt sowie eine leichte, beinahe feminine Höhe. Dass Christoph Graupner seinen Tenören offenbar nicht recht traute – vor allem Sopran und Bass tragen die vokalen Lasten –, zeigt der vergleichsweise schmale Anteil, den Georg Poplutz zu gestalten hat. Er tut das gewohnt souverän, mit fließender Klanggestalt, ungemein sprachmächtig und präzis. Schließlich Dominik Wörner, den man mit seinen Mitteln als vokalen Souverän bezeichnen kann – die Musik mit ihren Herausforderungen scheint wie für ihn gemacht: Seine pralle Basspräsenz, seine idealtypische, plastische Sprachgestalt – nach allen, durchaus üppigen Qualitäten der anderen Vokalisten meint man, Wörner hörend, dies sei nun noch einmal eine Steigerung – unterstreichen, wie hörbar wohl er sich bei und mit Graupner fühlt.

Dynamische Feinzeichnung

Florian Heyerick, Graupner-Experte, mit einer anderen, ebenfalls bei cpo erschienenen Reihe zur Musik dieses Komponisten sehr erfolgreich, leitet das Geschehen zu maßvollen Tempi an, die ganz auf das Ausmusizieren konzentriert sind und damit das explizieren, was bei Graupner Wirkung macht. Dynamische Feinzeichnung prägt die Szene; auch das ganz der Anlage und Idee der Musik entsprechend. Alle Akteure, auch die instrumentalen, vertrauen sich vollkommen der Sprache an, einen natürlichen Zugang zur musikalischen Artikulation etablierend, der in diesen Kantaten deutlich zum Ziel führt. Intoniert wird hervorragend, nicht der kleinste Makel offenbart sich in dieser Hinsicht – für eine Live-Aufnahme ein bemerkenswerter Befund. Auch das Klangbild reiht sich ein, ist überzeugend gelungen, geprägt von Klarheit, Plastizität, Strukturreichtum und Charme aus den Klangfarben, die komplett transportiert werden.

Graupner enttäuscht nicht, vielleicht sogar nie: Diese hervorragend gelungene Einspielung mit sechs Kantaten des von Florian Heyerick geleiteten, im Grunde vom Bassisten Dominik Wörner getragenen Kirchheimer BachConsort macht das aufs Gelungenste deutlich. Sehr zu empfehlen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Christoph Graupner: Fagottkantaten: Sergio Azzolini, Kirchheimer BachConsort, Florian Heyerick

Label:
Anzahl Medien:
cpo
2
Medium:
EAN:

CD
761203535323


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Graupner, Christoph


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Dirigent(en):Heyerick, Florian
Orchester/Ensemble:Kirchheimer BachConsort
Interpret(en):Azzolini, Sergio


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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