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Mittwoch, 12. August 2020

Beethoven: The six piano concertos - Gottlieb Wallisch, Orchester Wiener Akademie, Martin Haselböck

Beethovens sechs Klavierkonzerte


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gottlieb Wallisch und der Wiener Akademie widmen sich Beethovens Klavierkonzerten.

Jenseits der kanonischen fünf Klavierkonzerte gibt es verschiedenerlei Konzertkompositionen Ludwig van Beethovens für Klavier und Orchester, die auch von jenen, die ‚Gesamtaufnahmen‘ intendieren, ggf. nicht oder nur teilweise berücksichtigt werden. Das ist zum einen das Rondo B-Dur WoO 6, der wohl 1794/5 eliminierte originale Schlusssatz des Zweiten Klavierkonzerts op. 19, zum anderen die Klavierfassung des Violinkonzerts D-Dur op. 61. Wesentlicher noch, auch weil vollständig im zeitgenössischen Druck überliefert, ist die Fantasie c-Moll op. 80 für Klavier, Chor und Orchester – vergleichbar mit und nicht selten auch als Vorstufen angesehen zu der Neunten Sinfonie. Spielt ein Dirigent in der ‚Gesamteinspielung‘ der Sinfonien alle Neune ein, so gibt es keine schlüssige Argumentation, bei einer entsprechenden Einspielung der Klavierkonzerte die Chorfantasie wegzulassen. Jedoch hat von den Dirigenten, die Beethovens Klavierkonzerte auf historischen Instrumenten eingespielt haben, einzig Roger Norrington mit den London Classical Players auch die Chorfantasie eingespielt – dagegen Rondo und Violinkonzertfassung weggelassen, deren Druck Beethoven nicht mehr erlebt hatte. Man könnte auch darüber diskutieren, ob nicht sämtliche Kadenzen Beethovens zu seinen eigenen Klavierkonzerten vollgültig hierher gehören – zum ersten Satz des Konzerts C-Dur op. 15 sind das nicht weniger als drei. Viele werden diesen Gedanken als akademisch verwerfen – doch erschließt sich sonst die Berücksichtigung der ‚Variante‘ des Violinkonzerts nicht, übrigens gleichfalls mit drei alternativen Finalkadenzen.

Mindestens ein weiteres

Andere Forscher gehen aber noch von mindestens einem weiteren Klavierkonzert aus – dem frühen Konzert Es-Dur WoO 4 von 1784, das aber nur im Klavierauszug mit zahlreichen Orchesterhinweisen überlebt hat, aber seither mehrfach orchestriert worden ist, unter anderem von Willy Hess (diese Fassung war schon 1977 von Eva Ander und dem Kammerorchester Berlin unter Peter Gülke auf Schallplatte eingespielt worden), Ronald Brautigam, Howard Shelley, Philippos Tsalachouris und Ulf-Guido Schäfer. Als Gegenstück vervollständigte Nicholas Cook zusammen mit Kelina Kwan schon 1987 einen ähnlich hinterlassenen Konzertsatz D-Dur Hess 15 aus den Jahren 1814/15, dessen Beginn zwar von Beethoven orchestriert wurde, dessen Rest aber nur als Skizze vorliegt. Im Supplement zu dieser alten Beethoven-Gesamtausgabe erschien in den 1960er-Jahren die Romanze e-Moll Hess 13 für Klavier, Flöte, Fagott und Orchester, die gleichfalls nur als Fragment erhalten ist und die sich im Grunde für Komplettisten ergänzend zu den beiden Konzerten ohne Opuszahl und dem Rondo WoO 6 anbietet.

Das Orchester Wiener Akademie unter seinem Gründungsleiter Martin Haselböck befasst sich auf Tonträger mindestens seit dem Aufführungsmitschnitt eines 'Fidelio' 2009 intensiv mit der Musik Beethovens. Leider musste die problematische Quellenwertung seit damals immer wieder ein Punkt der kritischen Auseinandersetzung mit Haselböcks Interpretationen sein. Auch das Konzept ‚Re-Sound Beethoven‘ – Beethoven-Aufführungen an Originalschauplätzen – hat sich im Lauf der bisherigen Veröffentlichungen immer wieder als diskutabel bis bedenklich erwiesen.

Schließlich sei noch ein Punkt angesprochen: Das Vierte Klavierkonzert sowie das Klavierkonzert nach dem Violinkonzert op. 61 (die Opuszahl 61a ist eine Erfindung der modernen Vermarktung), von Wallisch und der Wiener Akademie bereits 2017 eingespielt, erschienen schon 2018 auf Einzel-CDs bei dem Label Alpha, damals gekoppelt mit der Vierten bzw. Achten Sinfonie. So scheint die vorliegende Veröffentlichung zwar den Schlusspunkt des Projekts Klavierkonzert zu markieren, überzeugt dennoch keineswegs rundum. Auch ist bedauerlich, dass in der Dokumentation im Booklet die Nennung der Orchestermitwirkenden bei den einzelnen Werken weggelassen wurde – bei Veröffentlichungen der Historisch informierten Aufführungspraxis eigentlich heutzutage die Regel.

Zu den Interpretationen

Nun aber zu den Aufführungen. Das Orchester Wiener Akademie spielt mit großer Klarheit und Prägnanz, farbig gut abgestimmt, im Raum gut platziert (die Raumakustik ist in jeder Aufführung durchaus wahrnehmbar, wenn auch hier eine Entscheidung für die SACD noch überzeugender gewesen wäre). Haselböcks Tempi tendieren zum ‚Normalen‘ – da gibt es kein unnötiges Gehetze (auch keine wirklich überschwänglichen Finalrondi), aber auch kein bedeutungsschwangeres Getrödel. Der Graf-Hammerflügel aus dem Beethovenhaus in Baden bei Wien von ca. 1818 (Konzerte 1 und 2 sowie Rondo WoO 6) verströmt elegante Wärme, verfügt aber auch über eine je nach Bedarf profunde oder sonore Tiefe und über äußerst ansprechende Piani, die die Klangfarben des Orchesters harmonisch bereichern.

Das harmonische Ganze ist jedoch insgesamt deutlich wichtiger als die ‚Profilschärfung‘, die Betonung des Revolutionären der Musik auch schon vom ersten Konzert an; so wird das ganze, von Beethoven vorgeschriebene dynamische Spektrum nicht in jeder Möglichkeit umfassend ausgelotet. Dies mag auch der Grund sein, dass bei aller Farbigkeit von Wallisch/Wiener Akademie andere Einspielungen noch facettenreicher, im Detail überraschender sind. Überall musizieren die Wiener souverän und technisch über jeden Zweifel erhaben – doch dürfen wir dies bei diesem Repertoire auch als selbstverständlich voraussetzen. Natürlich klingt das alles voller Wärme und Verständnis für die Musik, durchdrungen im Großen wie im Kleinen – doch auf das letzte Bisschen ‚Eigenprofil‘, das diese sehr gute Einspielung zu einer Referenzproduktion machen würde, wartet der Rezensent vergebens.

Dass Wallisch/Haselböck in Details einen neueren Notentext nutzen, ist hörbar, fällt im Gesamtvergleich aber kaum ins Gewicht. Auch das Rondo WoO 6, immerhin das ursprüngliche Finale eines frühen Klavierkonzerts ist im Verhältnis viel zu ‚ordentlich‘, zu wenig energiegeladen gespielt (dafür hört man herrlich differenzierte Phrasierung auf dem Hammerflügel, der bei ‚schärferem‘ Tempo verloren gehen kann). Das hat nichts mit dem Tempo zu tun – Kurt Sanderling mit Sviatoslav Richter oder Robert Levin unter John Eliot Gardiner wissen der Musik weitaus mehr Verve zu verleihen und brauchen doch deutlich länger als Haselböck und Wallisch.

Die Konzerte 3 und 5 spielt Wallisch auf einem Graf-Hammerflügel von ca. 1823/4 aus der Wiener Sammlung Hecher – klanglich deutlich vielfältiger als der frühere Graf-Flügel, mithin von zusätzlichen reizvollen Couleurs, die abermals bestens mit dem Orchester harmonieren (besonders reizvoll etwa der Beginn des zweiten Satzes des Dritten Konzerts). Leider will sich im Kopfsatz des Dritten Konzerts nicht so recht echtes überspringendes Brio (alla breve!) einstellen, obschon sich Wallisch/Haselböck (wie schon Melvyn Tan/Roger Norrington 1988) exakt an Czernys überlieferte Metronomangaben halten; es ist halt nicht nur eine Frage des Tempos, sondern auch der interpretatorischen Innenspannung, die hier ruhig bis kurz vorm Bersten stehen dürfte (tut sie bei Norrington gleichfalls nicht – wohl aber bei Ronald Brautigam unter Andrew Parrott mit dem Norrköpings Symfoniorkester, die allerdings etwas schneller sind als Czerny vorgibt); auch das Finalrondo hat man anderswo lebhafter gehört.

Elegante Wärme

Wie anders beginnt dann das Fünfte Konzert – hier scheinen die Musiker wie ausgewechselt, Lebhaftigkeit paart sich mit eleganter Wärme, mit strahlendem Prunk – auch wenn die Akustik des Casinos Baumgarten hier der Musik nur bedingt zuträglich ist (beispielsweise stechen hier – sonst ungewohnt bei der sorgfältigen Austarierung des Orchesterklangs – die Hörner überraschend hervor). Leider beginnt das Finalrondo im Vergleich zu anderen Interpretationen viel zu verhalten – auch gehen in der Raumakustik zahllose Orchesterdetails verloren.

Das Klavierkonzert 4 (im Palais Lobkowitz aufgenommen) und die Klavierfassung des Violinkonzerts (aus dem Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften) spielt Wallisch auf einem Hammerflügel von Franz Beyer von ca. 1825, gleichfalls aus der Sammlung Hecher. Dieses Instrument verfügt über eine besonders reiche Menge an Klangfarben, die auch das Orchester zu feinsten Schattierungen inspiriert. Leider beeinträchtigt die hallige Akustik des Palais Lobkowitz etwas den Gesamteindruck – dennoch bleibt die Interpretation eine der überzeugendsten des Werks auf historischen Instrumenten, gerade auch weil das Soloinstrument so vorzüglich mit dem Orchester harmoniert. Zwar wird das Finale abermals eher verhalten genommen, doch nicht über Gebühr so, so dass Beethovens Überschwang sich hinreichend entfalten kann (und hier auch im klanglichen Detail überzeugender als im Kopfsatz). Die raumakustische Problematik entfällt im Falle der Klavierfassung des Violinkonzerts, die wie gesagt auch separat erhältlich ist. Wahrscheinlich ist es eben diese Aufführung, die den wichtigsten Mehrwert der vorliegenden Box darstellt. Ein musikalisch überzeugender Abschluss einer wie gesagt editorisch nicht rundum überzeugenden Veröffentlichung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Beethoven: The six piano concertos: Gottlieb Wallisch, Orchester Wiener Akademie, Martin Haselböck

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Anzahl Medien:
cpo
2
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EAN:

CD
761203532926


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Beethoven, Ludwig van


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
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