> > > Kozeluch, Leopold Anton: Moisè in Egitto
Sonntag, 26. Juni 2022

Kozeluch, Leopold Anton - Moisè in Egitto

Mehr als historische Interessenbefriedigung


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Einer, der es wissen musste, nämlich der Musikschriftsteller Charles Burney schrieb im Jahr 1789 über Leopold Anton Kozeluch (1747–1818): ‘Seine Schöpfungen … sind generell ausgezeichnet und mit gediegener Beschaffenheit, gutem Geschmack und korrekter Harmonik im Überfluss ausgestattet und die Imitationen Haydns sind weniger häufig als bei jedem anderen Meister dieser Schule.’ Und in der Tat: Nachdem im Jahr 2001 das Alte-Musik-Ensemble ‘Concerto Köln’ vier Symphonien von Kozeluch eingespielt hat (erschienen bei Teledec), stellen nun Hermann Max, die ‘Rheinische Kantorei’ und das ‘Kleine Konzert’ die Könnerschaft Kozeluchs erneut unter Beweis. Gleichzeitig erweisen sie sich – wie zuvor ‘Concerto Köln’ – dem Meister als ebenbürtig: Ihre nun vorgelegte Interpretation des Oratoriums ‘Moisè in Egitto’ verdient es, ausführlich gewürdigt zu werden.

Kurz vor dem Ausbruch der Französischen Revolution, nämlich 1787 erhielt Kozeluch von der Wiener Tonkünstlersozietät den Auftrag, ein Oratorium zu schreiben. Der Wiener Komponist stand damals auf dem Höhepunkt seiner Karriere, die 1792 durch die Ernennung zum Kammer-Kapellmeister und Hofcompositeur des Kaisers gekrönt werden sollte. Kozeluch wählte ein italienisches Libretto, und sein Oratorium stellte wohl in Wien der letzte große Erfolg eines Oratoriums in italienischer Sprache dar. Noch im Jahr 1787 – übrigens ein Jahr vor Haydns Uraufführung der ‘Schöpfung’ – erfolgte die erste Aufführung in Wien. Das Libretto geht auf das Buch Exodus aus dem Alten Testament zurück, also jenem Buch, das den Auszug (‘Exodus’) aus Ägypten erzählt. Allerdings wird nicht die ganze Geschichte erzählt, sondern lediglich eine Episode, die zusätzlich noch psychologisierend umgedeutet und verdichtet wird. Letztlich geht es um einen Mutter-Sohn-Konflikt: Moses muss sich zwischen der Liebe zur Mutter und dem Auftrag Gottes entscheiden. Genug Stoff für ein Oratorium, bei dem eine vorwärts schreitende Handlung nicht unbedingt erforderlich ist. Kozeluchs Oratorium bietet vielmehr ein Stimmungsbild, das mit textlichen und musikdramatischen Mitteln ausgedeutet wird. Die beiden Hauptpersonen werden unterstützt durch Aaron, eine eher blasse Rolle, und durch den großen Widersacher, der Pharao.

Kozeluch geht bei der musikalischen Dramatisierung bis an das Äußerste; nicht umsonst spricht das Booklet davon, dass das Oratorium eine ‘Affinität zur biblischen Oper’ habe. Schon die Ouverture erinnert mehr an eine Operneinleitung als an ein geistliches Drama. In der Interpretation von Hermann Max und ‘Das Kleine Konzert’ gerät diese Ouverture zu einem ersten, packenden Höhepunkt. Voller Leidenschaft und kämpferisch werden die musikalischen Konflikte ausgetragen. Bemerkenswert ist auch die Begleitung der Rezitative: Secco-Rezitative kommen in dem Oratorium nicht vor, sondern das Orchester setzt den Text- und Affektausdruck wirkungsvoll um. Die vier Solisten stehen dem Orchester in Nichts nach. Allen voran ist Simone Kermes zu erwähnen, die der Mutter Moses, Merime, Leben und Leidenschaft einhaucht. Ein Glanzpunkt besonderer Art kann Kermes in der zweiten Hälfte des Oratorium mit ihrer Koloraturarie ‘Colpo di vento alpestro’ setzen. Kozeluch hat den allegorischen Text ‘Ein starker Windstoß? / Zerstört die alte Eiche, / Verschont das mit Algen bedeckte Schiff’ hochvirtuos vertont. Die Sopranistin kann genauso kantabel gestalten wie vertrackte Koloraturen ausführen. Die Höhen sind dabei leicht und glanzvoll, und was in der Kadenz geboten wird, ist in der Tat atemberaubend! Linda Periollo (Sopran) in der Rolle des jungen Aaron überzeugt genauso wie Tom Sol (Bass), der den hochmütigen ägyptischen König darstellt. Wie die anderen Sänger ist der Tenor Markus Schäfer ein großer Gestalter, der die Affekte gut umsetzen kann, auch wenn ab und zu der Stimme der Glanz fehlt (Teil I, Koloratur-Arie: ‘Cede il furor tiranno’).

Interessant dürfte ein Vergleich von Kozeluchs Werk mit dem 1769 entstandenen Oratorium ‘Die Israeliten in der Wüste’ von Carl Philipp Emanuel Bach sein. Auch wenn man die unterschiedlichen ästhetischen und religiösen Voraussetzungen berücksichtigt, fällt der Vergleich zugunsten des Wieners aus: Leopold Anton Kozeluch ist es gelungen, eine spannungsreiche Musik zu komponieren, die nicht nur – wie so oft bei ‘Wieder’- oder ‘Neuentdeckungen’ – das historische Interesse befriedigt, sondern auch ästhetisch ansprechend ist. Zu wünschen bleibt nur noch, dass Kozeluchs ‘Moisè in Egitto’ in das Oratorienrepertoire aufgenommen wird und bald auch konzertant erklingt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Kozeluch, Leopold Anton: Moisè in Egitto

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
cpo
2
05.07.2004
1:43:55
2002
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
0761203994823
999 948-2


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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