> > > Richard Wagner: Der fliegende Holländer: Arnold Schoenberg Chor, Les Musiciens du Louvre, Marc Minkowski
Samstag, 30. Mai 2020

Richard Wagner: Der fliegende Holländer - Arnold Schoenberg Chor, Les Musiciens du Louvre, Marc Minkowski

Der Teufel trägt nichts


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der 'Fliegende Holländer' am Theater an der Wien unter der Leitung von Marc Minkowski und in der Inszenierung von Olivier Py kommt als düsterer Gespensterthriller daher, ohne jegliche Rücksicht auf Wagnersche Romantik.

In Zeiten, in denen hauptsächlich Dirigenten wie Christian Thielemann die Wagner-Expertise für sich zu beanspruchen scheinen, kann die Aufführung des 'Fliegenden Holländer' am Theater an der Wien, die im November 2015 Premiere feierte, als radikale Gegenthese zur aktuellen Wagnerkultur verstanden werden. Dass diese Produktion aus der vermeintlich so konservativ gearteten Musikmetropole Wien nun vom Label Naxos auch als DVD veröffentlicht wird, ist durchaus schlüssig, zumal sowohl die Inszenierung als auch die musikalische Realisation allein aufgrund ihres antiromantischen Ansatzes eine Originalität erzeugen – ob das einem nun gefällt oder nicht.

Wagners Urfassung

Klar ist, dass jeder, der im 'Holländer' eine gefühlsbetonte Oper mit essentieller Erlösungsbotschaft sieht, vermutlich besser die Finger von dieser Produktion lassen sollte. Denn Olivier Py zeichnet mit seiner albtraumhaften und dauernebligen Inszenierung ein Opernszenario, in dem jede Person am Ende verliert. Dass hierbei auf Wagners Urfassung ohne Erlösungsschluss (und mit kleineren Namensänderungen der Charaktere) zurückgegriffen wurde, ist nur konsequent.

Die Inszenierung zielt augenscheinlich aufs Spektakel, allerdings sind Pys Ansätze gleichzeitig auch sehr vage, wobei es sich der Regisseur leicht zu machen scheint, durch eine Vielzahl an Deutungsmöglichkeiten, Logik- und Verständnislücken seiner Inszenierung zu kaschieren. Pys Symbolsprache ist hier und da etwas plakativ, wenn ein Modellhaus die Sehnsucht nach Donalds vorhandener bzw. des Holländers nicht vorhandener Heimat suggerieren soll, teils jedoch auch herrlich schaurig, wenn sich der Regisseur einer Vielzahl von Totengräbern oder eines riesigen Totenschädels bedient.

Splitternacktes Schaukeln

Haupteinfall der Inszenierung ist ferner die Integration der Figur des Satans (Pavel Strasil), die mit schwarzer Farbe bemalt als stumme Pantomime immer wieder als eigentlicher Strippenzieher zwischen den Sängern agiert. Auch wenn der Einsatz dieses Zusatzcharakters anfangs etwas forciert erscheint und zunächst scheinbar nur von der konventionell gehaltenen Personenregie abzulenken versteht, überzeugt die Teufelsrolle speziell im letzten Akt. So sorgt die Tanzeinlage im feierlichen Chor 'Steuermann, lass die Wacht' für ein exzellentes Walpurgisnachtflair, wohingegen sich das Bild, wie Satan splitternackt auf einer Schaukel stehend zum Geisterchor der Mannschaft des Holländers hin und her wippt, jedem konservativen Zuschauer langfristig ins Gedächtnis einbrennen wird.

Die Frage, die sich am Ende stellt, ist jedoch, worauf das Ganze wirklich zielen möchte. Dem im Booklet beigefügten Interview mit dem Regisseur zufolge basiert die Inszenierung hauptsächlich auf der Idee des Theaters im Theater. Wahrhaftig: Satan schminkt sich während der Ouvertüre an einem Theaterschminktisch, das Bühnenportal deutet den Rahmen eines Bildes an, wodurch das Bildnis des Holländers zur eigentlichen Inszenierung wird, und auch die Damen singen das Lied 'Summ und brumm, du gutes Rädchen' als einstudierte Chornummer. Diese Andeutungen dienen gleichwohl kaum dazu, die Thematik vom Theater im Theater wirklich ausreichend zu beleuchten. Vielmehr ist die das innere und äußere eines Schiffes andeutende Bretterfassade, die mit einer etwas zu häufig in Bewegung gesetzten Drehbühne klaustrophobisch inszeniert wird, überzeugender in ihrer atmosphärischen Wirkung. Das Ambiente ist perfekt, die Aussage bleibt eher unverständlich.

Dunkles Barockmusizieren

Im Bühnengraben versucht sich derweil Alte-Musik-Spezialist Marc Minkowski mit seinem Originalklangorchester Les Musiciens du Louvre an Wagner, was ebenfalls Vor- und Nachteile bietet. Zum einen stellt das kompromisslose, eher aus der Barockszene gewohnte Dirigat mit sparsamen Vibrato und schmetterndem Blech eine ideale Grundlage für das angestrebte dunkle Ambiente; zum anderen bleiben durch diese Lesart Humor und schwelgende Romantik zu sehr auf der Strecke. Die fehlende Herzlichkeit erzeugt so ungewollt auch eine Distanz zu den Charakteren, mit denen man kaum eine Beziehung aufbauen möchte.

Bleicher Holländer

Samuel Youn, der den Holländer bereits in Bayreuth gesungen hat, bleibt in dieser Produktion klar unter seinen Möglichkeiten und wirkt sowohl gesanglich als auch darstellerisch etwas abwesend. Im Piano glänzt Youn mit seinem warmen Bassbariton; die Höhen beherrscht er, die Forte-Ausbrüche nicht wirklich. Youn ist offensichtlich zu sehr bemüht, gegen den schmetternden Orchestergraben anzusingen, sodass wenig Möglichkeit besteht, den Schmerz der Titelfigur überzeugend zu artikulieren.

Ingela Brimberg hinterlässt als Senta ein ähnliches Wechselbad der Gefühle. Einerseits kann ihr phasenweise mehr an Elektra erinnernder Gesang ideal die psychologischen Seiten einer in dieser Inszenierung durchaus vom Wahn befallenen Figur aufdecken; den sanften und warmen Zügen der Senta kommt die kaum textverständliche schroff vibrierende Stimme nur unzulänglich entgegen. Lars Woldt als Vater Donald (sonst Daland) überzeugt da schon deutlich mehr und drängt mit seiner voluminösen und durchschlagskräftigen Stimme auch mal den Holländer in den Hintergrund. Manuel Günther als Steuermann und Ann-Beth Solvang als Mary machen derweil einen soliden Job, ohne dabei bestrebt zu sein, ihren Nebenrollen gesanglich eine relevantere Wirkung zu verleihen.

Glänzender Georg

Ganz anders hingegen Bernard Richter als Georg alias Erik, der die erfreulichste Überraschung der gesamten Produktion darstellt. Mühelos übertrumpft Richters strahlender Tenor die Gesangskollegen, wobei der manchmal gar als unnötig empfundene Charakter des Nebenbuhlers zu ungeahnter Größe in der Oper aufsteigt. Man erkennt sofort die Hilflosigkeit des Pantoffelhelden, wenn Richter bei seinem ersten Auftritt den Namen ‚Senta‘ nie ohne einen Schluchzer herausbekommt, zugleich packt einen jedoch auch der energische Tonfall, mit dem er Senta verdeutlicht, dass diese in der Vergangenheit durchaus wahres Interesse an Georg gezeigt hat. Der bisher eigentlich eher als Mozartsänger in Erscheinung getretene Richter bewirbt sich damit in jedem Fall für größere Rollen; da auch Volumen und Durchschlagskraft in dieser DVD-Produktion stimmen, mag man gar von einem kommenden Lohengrin sprechen.

Und so hat dieser 'Fliegende Holländer' am Ende durchaus seine Vorzüge, obgleich er sicherlich nicht jedem zusagen wird. Dass die DVD abgesehen von dem etwas schwammigen Interview mit Py im Booklet kein Zusatzmaterial bereithält, trübt den Eindruck zusätzlich. Einer so vieldeutigen Inszenierung hätten mehr Informationen in jedem Fall gutgetan. So bleibt dieser 'Holländer' schlussendlich eine abwechslungsreiche und schaurige Gespenster-Oper. Dass Wagners Werk jedoch deutlich mehr Facetten birgt, ist ebenso klar.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Richard Wagner: Der fliegende Holländer: Arnold Schoenberg Chor, Les Musiciens du Louvre, Marc Minkowski

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
1
Medium:
EAN:

DVD
74313563753


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Wagner, Richard


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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