> > > Händel, Georg Friedrich: Brockes-Passion: NDR Chor, Festspielorchester Göttingen, Laurence Cummings
Donnerstag, 26. November 2020

Händel, Georg Friedrich: Brockes-Passion - NDR Chor, Festspielorchester Göttingen, Laurence Cummings

Mitfiebern und mitleiden


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit diesem Göttinger Mitschnitt kann man als Käufer und Hörer nichts falsch machen.

Das frühe 18. Jahrhundert war die Zeit der großen Passionen. Die Leidensgeschichte Jesu trat als musikalisches Ereignis im Zuge von Neudichtungen und Ausschmückungen, die über die Texte der Bibel hinausgingen, oftmals aus den Kirchen heraus. Die Übermacht der Passionen Johann Sebastian Bachs verstellt heute gerne den Blick auf die Vertonungen anderer Komponisten, die nicht weniger bedeutsam oder hörenswert sind. Dass gerade auch von Bachs Zeitgenossen Georg Friedrich Händel eine deutsche Passions-Vertonung vorliegt, vergisst man leicht. Diese 'Brockes-Passion' stammt vermutlich aus dem Jahr 1715 – entstand also vor den großen Bach-Passionen. Die textliche Grundlage lieferte der bedeutende Barock-Dichter Barthold Heinrich Brockes, der sein Libretto eigentlich mit 'Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus' betitelte. 'Brockes-Passion' ist kürzer und geht leichter von den Lippen und unter dieser Bezeichnung finden vereinzelt auch Aufführungen von Händels Passion statt.

Was an der 'Brockes-Passion' – gerade im Vergleich zu den Passionen Bachs – besonders reizvoll erscheint, ist die Drastik der Sprache, der situative, fast dramatische Aufbau. Es ging Brockes eben nicht um das ‚Bedenken‘ der Passion Jesu, sondern um die seelische Erschütterung des Zuhörers durch Mitleid und Reue, wie Magda Marx-Weber in ihrem höchst informativen und detaillierten Beiheftartikel zur vorliegenden Veröffentlichung deutlich macht. Kurze Abschnitte wechseln sich ab, die Arien sind ebenfalls recht knapp gehalten, was den Fluss der Erzählung überaus kurzweilig und temporeich erscheinen lässt.

Spezialisten am Werk

Die beim Label Accent erschienene Doppel-CD basiert auf einem Konzertmitschnitt vom 25. Mai 2017 bei den Göttinger Händel-Festspielen. Hier sind Spezialisten am Werk, das hört man von der ersten Note an. Eine gelungenere 'Brockes-Passion' ist schwer vorstellbar, wenngleich mancher vokale Beitrag wie so oft Geschmacksache bleiben wird. Aber das Ensemble um den Dirigenten Laurence Cummings herum agiert auf hohem Niveau und mit großer Homogenität.

Allein was Cummings aus dem FestspielOrchester Göttingen an Farben und dynamischen Abstufungen herausholt, ist bemerkenswert. Ohnehin scheint das Orchester fast ausschließlich aus Solisten zu bestehen, so persönlichkeitsstark und fesselnd klingen die zahlreichen obligaten Instrumentalbeiträge. Der NDR Chor glänzt ebenfalls in den wenigen, aber umso gewichtigeren Chorpassagen.

Als Evangelist führt Sebastian Kohlhepp durch die Passion – wunderbar nah am Text und mit edlem lyrischen Tenor. Ihm gelingt die perfekte Mischung aus distanziertem Bericht und durchscheinender Expressivität. Wie schade, dass ihm keine Arien zuteilwerden. Das hätte man gerne zusätzlich gehört. Nicht minder eindrucksvoll ist der Jesus von Tobias Berndt, der den Hörer durch seinen balsamischen Ton gepaart mit kraftvollem Ausdruck in die Knie zwingt. Ähnlich wie Kohlhepp meistert er die Gratwanderung zwischen ehrlichem Pathos und gepflegter Deklamation. Die von Händel effektvoll gebaute und von Tobias Berndt magisch gesungene Gethsemane-Szene geht unter die Haut.

Genaue Stilkenntnis

Für das Mitleiden ist in Händels Passion weitestgehend der Sopran zuständig. Johanette Zomer leiht der Tochter Zion hierfür ihre kristalline, instrumental geführte Stimme. Seltsamerweise rühren genau ihre Arien und Passagen weitaus weniger ans Gemüt des Hörers, als es die Rezitative von Kohlhepp und Berndt tun. Das mag an der recht unpersönlichen Note von Zomers Interpretation liegen, aber auch dieses Manko fegt die Künstlerin überraschend mit ihrer Arie 'Die ihr Gottes Gnad‘ versäumet' hinweg. Spätestens hier wird jedem Zuhörer klar, weshalb Zomer eine seit vielen Jahren gefragte Interpretin Alter Musik ist. Sie erzeugt Gefühle durch genaue Stilkenntnis und kunstvoll platzierte Effekte, die sich nahtlos in ihren Vortrag eingliedern, ohne mit dem Etikett ‚Effekt‘ versehen zu sein.

Die direktere und nahbarere Stimme besitzt die zweite Sopranistin des Konzerts: Ana Maria Labin. Mit viel Wärme und Verbindlichkeit verkörpert sie Maria, Johannes und eine gläubige Seele. Als Petrus hat der junge Brite Rupert Charlesworth schöne Momente – fein gesponnene Phrasen, zarte Lyrik ohne zu viel Drama. Die emotionale Tiefe bezieht Charlesworth aus seiner Schlichtheit im Vortrag, wie beispielsweise in der Arie 'Nehmt mich mit, verzagte Schatten'. Den Judas gibt der Countertenor David Erler (auch den Jakobus, einen Kriegsknecht und eine gläubige Seele). Erlers Stimme besitzt ein wenig einschmeichelndes Timbre, dafür ist sie ohne Druck geführt und frei von Schärfe. Der Künstler erfreut zudem mit einer klaren Artikulation und seinen inhaltlich fundierten Gesang. Dieser Judas will gehört werden, will sich mitteilen, in Dialog treten.

Wer sich gerade in Abgrenzung zu Bachs Meisterwerken eine zumindest in Teilen opernnahe Passion zu Gemüte führen will, der ist mit Händels affektgeladener Komposition gut beraten. Und mit diesem Göttinger Mitschnitt kann man ebenfalls nichts falsch machen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Händel, Georg Friedrich: Brockes-Passion: NDR Chor, Festspielorchester Göttingen, Laurence Cummings

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Accent
2
03.05.2019
Medium:
EAN:

CD
4015023264113


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Händel, Georg Friedrich


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Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


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