> > > Graun, Bach, Telemann: Wer ist der, so von Edom kömmt: Concerto Vocale, Sächsisches Barockorchester, Gotthold Schwarz
Montag, 15. Juli 2019

Graun, Bach, Telemann: Wer ist der, so von Edom kömmt - Concerto Vocale, Sächsisches Barockorchester, Gotthold Schwarz

Passions-Pasticcio


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Es ist eine verdienstvolle, wenn auch mit Blick auf den chorischen Part nicht maßstabsetzende Einspielung des Graun-Pasticcios. Wer Vorurteile gegenüber der Gattung über Bord zu werfen bereit ist, wird mit interessanter Musik belohnt.

Das musikalische Pasticcio, also die Zusammenführung von Arbeiten verschiedener Hände zu einem neuen Ganzen, hat in der Gegenwart keinen sehr guten Leumund: Zu sehr klingt das nach Mischmasch, nach mangelnder eigener Inspiration, ja nach kompositorischer Faulheit. Doch hatten andere Zeiten in dieser Hinsicht auch andere Wahrnehmungen: Es gab Pasticci im Barock als selbstverständlich akzeptierte, keineswegs minderwertige Form. Natürlich konnte Arbeitsökonomie eine Rolle spielen. Doch werfe ein Rezipient der Gegenwart den ersten Stein angesichts der Fülle regelmäßig wiederkehrender Aufgaben, die jeder Kapellmeister oder Kantor einer Hauptkirche zu bewältigen hatte. Heute genügen die nachschöpferischen musikalischen Pflichten, um als intensiv beschäftigt oder ausgelastet zu gelten. Bei Bach und Zeitgenossen kam selbstverständlich der kreative Teil dazu, oft Woche für Woche, mit enormem Produktionsdruck, mit kaum weniger ausgeprägten Ansprüchen an die Qualität – und all das oft in vielen Gattungen parallel. Doch gab es weit mehr Gründe, ein Pasticcio nicht geringzuschätzen. Denn auf diesem Wege erwies man geschätzten Kollegen seine Reverenz, drückte Achtung und Interesse gegenüber dem Schaffen anderer aus. Und es war eine unkomplizierte Möglichkeit, dem eigenen, heimischen Publikum Novitäten aus anderen Kontexten zu präsentieren und diese in fruchtbaren Austausch mit dem eigenen Schaffen zu bringen.

Musikpraktische Vielfalt des 18. Jahrhunderts also, aktuell am Beispiel des Passionsoratoriums 'Wer ist der, so von Edom kömmt' aus den Aufführungsbeständen von Johann Sebastian Bach bei cpo vorgelegt. Von dem sind vor allem Choräle und Chöre integriert, die den zweiten Teil durchziehen und hörbar substanzreiche Beiträge leisten. Den Eingang liefert Telemann in gewohnt hochklassiger Manier, gleichwohl geprägt von ihm seltener zugeschriebener, für sein Werk gleichwohl prägender Ernsthaftigkeit. Den Kern macht schließlich das Passionsoratorium 'Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld' von Carl Heinrich Graun aus. Das erlangte, entstanden um 1730, rasch einige Beliebtheit und veranlasste schließlich auch Bach, diese Musik – um die angesprochenen Teile eigener und Telemannscher Hand erweitert – in Leipzig aufzuführen. Grauns Musik ist leichthändig und affektsicher gesetzt, gesegnet mit wahrhaft konzertanter Anmutung und fast schon vorklassischer Eleganz. Die vokalen Soli sind deutlich herausgefordert, sich zu zeigen und ihr stimmliches Vermögen zu explizieren, in teils ausgreifenden Arien. Die Rezitative sind zwar grundsätzlich schlicht gehalten, entfalten ihre Wirkung aber punktgenau und sprachsensibel. Dazu kommen einfühlsam harmonisierte Choräle und schlichte, pointierte Chöre.

Gemischte Bilanz

Anfang der 1990er Jahre haben Hermann Max und seine Rheinische Kantorei dieses Pasticcio schon einmal eingespielt, durchaus maßstäblich. Jetzt tritt der Thomaskantor Gotthold Schwarz mit seiner Deutung dazu. Allerdings nicht mit dem Thomanerchor, sondern mit dem von ihm gegründeten Concerto Vocale und dem Sächsischen Barockorchester. Das Orchester nimmt in schmaler Streicherbesetzung, dazu mit verschiedenen Flöten, Oboen und Fagotten durch sein elegantes, leicht federndes Spiel für sich ein; Strukturen werden hochpräzis abgebildet – gerade in dieser Hinsicht wirken sich die Vorzüge der kleinen Besetzung sehr glücklich aus. Lyrische Schönheiten werden behutsam entfaltet, auf der Basis eines knapp artikulierenden Bassregisters. Gotthold Schwarz lässt in durchaus fließenden Tempi musizieren, vielleicht ohne die ganz großen Akzente und Differenzen – da wäre schon ein noch lebendiger differenziertes Tableau denkbar gewesen. Das Concerto Vocale ist als Kammerchor zunächst eine charmante chorale Größe: Diese Sphäre wird intensiv ermessen. In den Chören erweisen sich die Frauenregister als deutlich geschlossener; der Tenor ist zwar präsent, wirkt aber heterogen, die Bässe lassen eine präzise Kontur vermissen. Manch freier Einsatz, manch bewegte Passage gerät in Gefahr, auch intonatorisch sind die Befunde allenfalls durchschnittlich. Sprachmächtig agiert der Chor, in guter gemeinsamer Diktion, doch schließt das auch einige organisatorische Schwächen bei Absprachen und in der Konsonantenbehandlung insgesamt ein.

Stimmliche Autorität

Das Solistenquartett besteht aus der Sopranistin Gesine Adler, der Altistin Klaudia Zeiner, dem Tenor Tobias Hunger und dem Bass Tobias Berndt. Alle vier agieren mit stimmlicher Autorität von erfreulichem Format, gestalten mit Geschmack und Abwechslung, bei durchaus verschiedenem Ansatz: Während Gesine Adler dem erfreulich klaren Stimmstrahl frönt, strömt die schöne Altstimme von Klaudia Zeiner mit einem erheblichen Vibrato. Tobias Hungers Tenor dagegen ist schlank und elegant, mit einer leichten und freien Höhe, dazu voll Sprachmacht und mit schöner linearer Entfaltung. Schließlich Tobias Berndt mit seiner ungemein ausgeglichenen Stimme, präsent in allen Registern und vorzüglich in der Diktion; auch ein leichter Edelknödel in mancher Wendung trübt den positiven Eindruck nicht. Der Klang der in der mächtigen romanischen Klosterkirche von Thalbürgel entstandenen Aufnahme bietet ein harmonisches Bild, günstig für die Struktur und Ästhetik der Musik, dazu den Raum gekonnt bändigend und zum Mitklingen bringend.

Es ist eine verdienstvolle, wenn auch mit Blick auf den chorischen Part nicht maßstabsetzende Einspielung des Graun-Pasticcios. Solche Werke sind heute schwer an den Mann oder die Frau zu bringen. Da steht die heutige Musikrealität wohl dagegen, romantisch geprägt und von der einzig wahren Autorschaft großer, aufführungswürdiger Werke überzeugt. Wer solche Vorstellungen über Bord zu werfen bereit ist, wird mit interessanter Musik belohnt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Graun, Bach, Telemann: Wer ist der, so von Edom kömmt: Concerto Vocale, Sächsisches Barockorchester, Gotthold Schwarz

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203527021


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Bach, Johann Sebastian
Graun, Carl Heinrich
 - Fürwahr, er trug unsere Krankheit -
 - So steigt mein Jesus in Geduld -
 - Ihr Trophen, fallt auf meine Brust -
 - Ich weiß, was die ihr selbst gelassene Vernunft... -
 - Wir aber hielten ihn für den... -
 - Herzlichster Jesus, was hast Du verbrochen? -
 - Da Dich Dein Jünger selbst verrät -
 - Was an Strafen ich verschuldet -
 - Er ist um unserer Missetat willen verwundet -
 - Du trägst die Strafen meiner Schuld -
 - Harte Marter, schwere Plagen -
 - Jetzt werd ich stark durch Christi Leidenskampf -
 - Nimmst Du die Kron der Dornen an -
 - Ja, ja, es geht mir, wie es will -
 - Er war der Allerverachtetste und Unwertetste -
 - O Haupt voll Blut und Wunden -
Telemann, Georg Philipp
 - Wer ist der, so von Edom kömmt -
 - Christus, der uns selig macht -


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Dirigent(en):Schwarz, Gotthold
Orchester/Ensemble:Sächsisches Barockorchester
Interpret(en):Adler, Gesine
Berndt, Tobias


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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