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Dienstag, 19. November 2019

Sturm - Ensemble Musikfabrik, Jean Deroyer

Tendenzen zeitgenössischer Musik


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Kölner Ensemble Musikfabrik präsentiert Werke von Schleiermacher, Saariaho und Wertmüller.

Als fünfzehnte Folge mit dem Kölner Ensemble Musikfabrik, einer Initiativprojekt der Kunststiftung NRW, publizierte Wergo in diesem Jahr unter dem Titel 'Sturm' drei Liveaufnahmen. Seit der Gründung 1990 zählt das Ensemble Musikfabrik zu den führenden Klangkörpern für zeitgenössische Musik mit durchschnittlich 80 Konzerten im In- und Ausland. Das Ensemble wird inzwischen international von renommierten Komponisten und Dirigenten zeitgenössischer Musik nachtgefragt. Die Werke auf 'Sturm' wurden zwischen 2009 und 2014 im Klaus-von-Bismarck-Saal des NRW Funkhauses in Köln aufgenommen. Der CD-Titel verweist bereits auf die akustische Klangvehemenz der einzelnen, sehr unterschiedlichen Kompositionen.

Steffen Schleiermacher setzt sich mit dem Paradox der tosenden Ruhe auseinander. Kaija Saariaho bezieht sich auf die literarische Vorlage von Shakespeares Drama 'Der Sturm'. Michaele Wertmüllers Titelbezug ergibt sich aus dem stürmischen Zusammentreffen von Free Jazz und Neuer Musik. Außer der thematischen Zuordnung haben die drei Werke allerdings keinerlei Überschneidungen, so dass sich der Hörer mit drei sehr unterschiedlichen Tendenzen der zeitgenössischen Musik auseinandersetzten kann.

Als übereinander gelagerte Klangebenen könnte man Schleiermachers Werk beschreiben. Er zählt weltweit zu den führenden Interpreten für zeitgenössische Klaviermusik, u. a. von Stockhausen und Cage. Mit 'Das Staunen des tosenden Echos' präsentiert er sich jetzt als vielschichtiger Komponist der zeitgenössischen Musik. Ohne tonale Phrasierungen präsentiert sich das Werk, mit 17 Instrumenten besetzt, als ineinandergreifende Folge von Einzeltönen oder minimalistischen Tonfolgen von der Tuba untermauert, der Piccoloflöte überstrahlt, akzentuiert von anderen Instrumenten. Wuchtige Klangwolken zerlegen sich in fragile Tonspiele, gezupft, klirrend, flirrend, sonor langgezogen. Töne werden zum Abenteuer, kaum folgt man man einem, kreuzt schon der nächste. Eine unerwartet lange Stille überrascht im Tosen der Klänge, wonach die Töne sphärischen Glanz entwickeln, um schnell wieder von hektischen Klangstrukturen unterbrochen und, von Klavierakkorden aufgewühlt, auf Peitschengeräusche reduziert zu werden und schließlich ganz zu verstummen. Mit dem Wissen, dass Steffen Schleiermacher vom buddhistischen Gesang der Mönche in Luang Prabang in Laos inspiriert wurde, ist 'Das Tosen des staunenden Echos' durchaus als akustische Metapher für großstädtische Hektik und ritualisierte Verinnerlichung erleb- und interpretierbar.

Traumhafte und reale Welten

Unheimlich balsamisch wirkt daraufhin Kaija Saariahos 'The Tempest Songbook' (1993-2004), ein melancholischer Liederzyklus für weibliche und männliche Stimme, von Mezzo Olivia Vermeulen und dem Bariton Peter Schöne sehr schlank und klangrein in subtiler Expression und Harmonie mit den fünf Instrumenten Flöte, Klarinette, Harfe, Gitarre, Mandoline gesungen. Das 'Songbook' entstand zunächst sukzessive über elf Jahre hinweg als lose Folge vokal-instrumentaler Stücke, 'Caliban‘s Dream' zuerst, vier Jahre später 'Miranda‘s Lament' und weitere Werke auf Shakespare-Texte. Shakespeares Wechselspiel von traumhaften und realen Welten spiegelt sich in den Gesangsstimmen mit fließenden Übergängen von Singen, Sprechen und Atmen. Dabei ist ‚der kleinste Übergang‘ für Saariaho von größtem Interesse und Ausdruck für das Naturhafte der Musik, die sich genau in diesen Grenzsituationen des verlangsamten Augenblicks organisch entwickelt und aus Tonfolgen Metamorphosen wunderbar tiefgreifender Stimmungen erzeugt.

Die größte Hör-Herausforderung auf der CD ist Michael Wertmüllers halbstündiges 'Antagonisme Contrôlé' (2013/14). Als Komponist und Schlagzeuger ist Michael Wertmüller durch sein wuchtiges, brachiales Spiel bekannt. Aber in diesem Werk beweist er das Gegenteil. Sein vehementes Crossover von Free Jazz und zeitgenössischer Musik, das sich jeglicher Kategorisierung entzieht, beweist im Mittelteil, wie Wertmüller selbst sagt, dass ‚Energie auch mental‘ ist und an ‚wahnsinnig leisen Stellen zum Vorschein‘ kommen kann. Peter Brötzmanns jazziges Saxophon kreiert völlig unerwartet lyrische Stimmungen, die, mehr im konventionellen Bereich angesiedelt, im akustischen Umfeld wohltuend harmonisch wirken, dann voll, wenn auch relativ leise, in dissonanten Höhengewittern eskalieren, die wie vibrierende Nerven irrlichtern und sich zu musikalisiertem Lärm und Krach hochschaukeln. Das ist bis zum letzten Ton ein Spiel mit akustisch provozierenden Antagonismen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sturm: Ensemble Musikfabrik, Jean Deroyer

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
01.03.2019
Medium:
EAN:

CD
4010228686821


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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