> > > Horvat, Frank: For those who died trying: Mivos Quartet
Donnerstag, 23. Mai 2019

Horvat, Frank: For those who died trying - Mivos Quartet

Erschütternde Portraits


Label/Verlag: Atma classique
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Frank Horvats Streichquartett 'For Those who Died Trying' ist ein musikalischer Aufschrei gegen die ständige Menschenrechtsverletzung in Thailand und ein einfühlsames Portrait von 35 außergewöhnlichen Menschen.

Es ist ein stiller und doch Aufmerksamkeit erregender Protest, als der Fotograf Luke Duggelby 2016 seine Ausstellung 'For Those Who Died Trying' der internationalen Öffentlichkeit präsentiert. Die Serie zeigt 35 Porträts politisch und gesellschaftlich engagierter Thailänder, platziert exakt an den Orten, an denen sie für ihre Courage den Tod fanden. Sie starben, weil sie sich stark gemacht haben gegen unhaltbare Arbeitszustände, weil sie protestiert haben gegen die Allmacht großer Ölkonzerne oder weil sie etwas tun wollten gegen die illegale Mülldeponie in ihrer direkten Nachbarschaft. Jedes dieser 35 Menschenleben fand ein gewaltsames Ende, doch keiner der Morde wurde je offiziell aufgeklärt.

Die von Duggleby ausgewählten Schicksale stehen symbolisch für über 50 ungeklärte Fälle in den letzten 20 Jahren allein in Thailand. Er gab ihnen ein Gesicht, der kanadische Komponist Frank Horvat 2018 schließlich auch wieder eine Stimme. Erschüttert von der im Land still geduldeten und vom Rest der Welt ignorierten Ungerechtigkeit, komponierte er mit 'For Those Who Died Trying' ein Streichquartett, dass jedem der 35 Bilder Dugglebys einen Satz widmet. Für die Uraufführung gewann er das renommierte New Yorker Mivos Quartet. Er hätte keine besseren Partner finden können, denn die vier Musiker widmen sich leidenschaftlich der Aufführung aktueller Musik. In diesem Herzensprojekt geben sie daher 200 Prozent, um jedem der Sätze, Sinnbilder für 35 Menschenleben, gerecht zu werden. Atma Classique präsentiert die Weltpremiere des auch 'The Thailand HRDs' genannten Werkes.

Frank Horvat will in seiner Musik die individuellen Persönlichkeiten widerspiegeln. Die musikalische Sprache des Streichquartetts entwickelte er in jedem Satz aus dem Vor- und Nachnamen eines Verstorbenen. Die darin vorkommenden Töne verband er zu Motiven, welche die tragischen Geschichten ihrer Namensgebers erzählen. Keiner der Sätze ist länger als zweieinhalb Minuten, weshalb sie lediglich Momentaufnahmen sein können. Diese sind dafür umso eindrucksvoller in ihrer tiefgründigen Klanggewalt. Immer wieder schimmert ein Hauch thailändischer Folklore durch das Netz zarter Töne und verwurzelt unaufdringlich die ansonsten universale Musik. Ein gutes Beispiel hierfür ist das fragmentarisch wirkende 'Chaweewan Pueksungnoen', ein stilles Abbild seines menschlichen Vorbildes, das zwischen breit gestrichenen Streichermotiven einzelne Lichtblicke setzt.

Umfassende Sogwirkung

Das Projekt ist durchaus eine Herausforderung an Horvats Kreativität, schließlich ist er in der Wahl seiner kompositorischen Mittel beschränkt, will aber gleichzeitig jedem Satz und damit jedem Opfer seine Individualität zusprechen. Letztendlich ist ihm mit 'For Those Who Died Trying' ein Werk gelungen, das über seinen ernsten Hintergrund hinaus eine umfassende Sogwirkung erzielt. Der Eröffnungssatz 'Ari Songkraw' zeigt bereits, in welche Richtung sich das Streichquartett bewegt. Lebensfreude und tiefste Trauer sind nie weit voneinander entfernt und auch musikalisch in stetem Wechsel durch friedliche Pizzicati und sorgenvolle Streicherlinien.

Die vier Musiker des Mivos Quartetts – Olivia De Prato und Lauren Cauley Kalal (Violine), Victor Lowrie Tafoya (Viola) und Mariel Roberts (Violoncello) – interagieren wunderbar miteinander. Sie musizieren die Sätze mit ergreifender Hingabe und beweisen ein Händchen für dynamische Raffinesse, so auch in 'Somporn Pattaphum'. Problemlos geben sie einander, je nach Bedarf, die Führung ab. Mit dem nahtlosen Übergang von 'Ari Songkraw' in 'Charoen Wat-Aksorn' beispielsweise kann Roberts am Cello zeigen, welche solistische Stärke in ihrem Instrument steckt. Das Quartett entwickelt zusammen einen intensiven Klang, der jedes Einzelschicksal durchleuchtet und die Persönlichkeit hinter der Musik ausmodelliert.

Horvats Streichquartett verbindet die internationale Sprache der Musik mit 35 persönlichen Einzelschicksalen. Jeder Satz vermischt Menschlichkeit mit Verlust und ist doch ein Trost für die Familien der Angehörigen. Oftmals mit melancholischem Anklang, wird die Musik stellenweise auch trotzig und aufrührend, wie es ihr musikalischer Pate vielleicht auch im wahren Leben gewesen ist. Kämpfer waren sie alle, diese mutigen Persönlichkeiten, die sich im Wissen um die Gefahr dafür eingesetzt haben, ihr Leben und das ihrer Mitmenschen ein kleines bisschen besser zu machen. 'For Those Who Died Trying' erzählt ihre Geschichte und will seine Hörer inspirieren, aufzuwachen und vielleicht sogar selbst aktiv zu werden. Es ist ein tiefgründiges, bewegendes und letztendlich zeitloses Album.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Horvat, Frank: For those who died trying: Mivos Quartet

Label:
Anzahl Medien:
Atma classique
1
EAN:

722056278829


Cover vergössern

Atma classique

Das Label ATMA - Seele oder Lebensgeist auf Sanskrit - wurde 1995 gegründet und bietet inzwischen mehr als 200 Aufnahmen von mittelalterlicher bis zu zeitgenössischer Musik mit einem besonderen Schwerpunkt im Barock. Für ihre Aufnahmen umgibt sich Johanne Goyette, Direktorin und zugleich Toningenieurin der Firma, gerne mit wagemutigen Künstlern, um in ihrem Studio Unerhörtes (und Ungehörtes) zu schaffen.
ATMA Classique vertreibt in Kanada, den Vereinigten Staaten, in Europa, Australien und Asien. Das Label erfreut sich zunehmend großen Erfolgs und genießt weltweite Anerkennung für die hohe Produktionsqualität sowohl in aufnahmetechnischer als auch in künstlerischer Hinsicht. Zahlreiche Aufnahmen wurden mit Preisen (Diapason d?or, Goldberg, Prix Opus, Félix, JUNO u.a.) ausgezeichnet.
Im Juni 2004 hat ATMA Classique in Zusammenarbeit mit dem Festival Montréal Baroque den Grundstein zu einem anspruchsvollen Großprojekt gelegt: Über die nächsten fünfzehn Jahre sollen Johann Sebastian Bachs 200 geistliche Kantaten zum ersten Mal im hybriden SACD-Format (Super Audio Compact Disc) mit Surround-Sound aufgenommen werden.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Atma classique:

  • Zur Kritik... Bittersüße Häppchen: Einen Parforce-Ritt durch die Musikgeschichte in Bearbeitungen für Orgel übermittelt Dom Richard Gagné. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
  • Zur Kritik... Anmut und Beweglichkeit: Die kanadische Sopranistin versucht nicht nur ihre divine Seite zu zeigen, sondern verdeutlicht gleichzeitig auch, dass ihr musikalische Vielfalt ein wichtiges Anliegen ist. Weiter...
    (Lorenz Adamer, )
  • Zur Kritik... Auf der Klaviatur tanzen: Meisterhaft gelöst: Beschwingt und gar nicht kraftmeiernd legt Jalbert die halsbrecherischen Ballett-Bearbeitungen von Strawinsky und Prokofjew hin. Weiter...
    (Sebastian Rose, )
blättern

Alle Kritiken von Atma classique...

Weitere CD-Besprechungen von Maxi Einenkel:

  • Zur Kritik... Mit Herz und Verstand: Getreu seinem Namen nimmt sich das Trio Les Esprit der Kammermusik Franz Schuberts an und überzeugt mit klugen und einnehmenden Interpretationen. Weiter...
    (Maxi Einenkel, )
  • Zur Kritik... Ambitionierte Klangwerkstatt: Es ist wieder soweit: Beinahe jährlich veröffentlicht Georg Breinschmid seine neuesten Kompositionen auf einem Tonträger. Nun erscheint sein aktuelles Album mit zahlreichen Titeln, die zwar unterhaltsam sind, aber keinen runden Bogen bilden. Weiter...
    (Maxi Einenkel, )
  • Zur Kritik... Saitos Kosmos: Die Pianistin Miki Aoki erweckt die melodischen Klänge des Filmmusikkomponisten Takanobu Saito zum Leben. Weiter...
    (Maxi Einenkel, )
blättern

Alle Kritiken von Maxi Einenkel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Späth-Romantik: Rita Karin Meier hat eine Platte mit wunderbarer Klarinettenmusik des völlig vergessenen Komponisten Andreas Späth vorgelegt. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Packendes Plädoyer: Jörg Widmann und das Irish Chamber Orchestra widmen sich Mendelssohns Musik mit Hingabe und Kompentenz, wie auch diese weitere Folge ihrer Interpretationsreihe zeigt. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
  • Zur Kritik... Porträt mit Telemann: Diese Platte ist zweierlei: Zunächst ein weiterer Beweis dafür, dass Telemann in allen Gattungen, denen er sich zuwandte, ganz hervorragend zu komponieren verstand und entsprechend reüssierte. Und sie ist ein schönes Recital von Alex Potter. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (5/2019) herunterladen (2900 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Felix Mendelssohn Bartholdy: Sinfonia VIII in D major - Allegro molto - piu Presto

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich