> > > The liberation of the Gothic: Graindelavoix, Björn Schmelzer
Montag, 22. Juli 2019

The liberation of the Gothic - Graindelavoix, Björn Schmelzer

Typisch englisch


Label/Verlag: Glossa
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Graindelavoix-Platte, die interessant und zugänglich gleichermaßen ist. Das Ensemble balanciert gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen Spezialität und allgemeiner Schönheit.

Björn Schmelzer und sein Ensemble Graindelavoix stellen auf ihrer neuen Platte zwei englische Komponisten in den Mittelpunkt, die ebendort seltener als andere zu finden sind: Thomas Ashwell (um 1478 – um 1527) und John Browne (um 1480 – 1505), zwei zentrale Figuren der frühen Renaissance, deren Musik nicht unbedingt umfangreich rezipiert wird. Browne begegnet man immerhin gelegentlich dank seiner vernehmlichen Präsenz im Eton Choir Book. Hier ist er mit zwei ausgreifenden Sätzen vertreten, die jeweils knapp zwanzig Minuten umfassen: Einem 'Salve Regina' und einem 'Stabat mater'. Dazu erklingt die fabelhafte Missa Ave Maria von Ashwell. Allesamt sind das typische Sätze jener Zeit – geprägt von dichtem Kontrapunkt und einem stark konstruktiven Zug; ein Satz mit weitem Klangumfang, mit oft sehr tiefem Bass und außergewöhnlich hohem Treble, dazu einer Fülle charakteristischer Querstände, die in dieser Intensität außerhalb der englischen Renaissance kaum je zu hören sind.

Björn Schmelzer – seine musikalischen Konzepte durchdacht zu nennen, wäre eine maßlose Untertreibung – findet in diesem englischen Programm zu einer stimmigen und nachvollziehbaren gedanklichen Verankerung, indem er das musikalische Geschehen in fruchtbare Beziehungen zur Architektur der Lady Chapel der Kathedrale von Ely und der sich damit verbindenden marianischen Frömmigkeit setzt.

Eigenwillige Könner

 

Auch der Gesang des ansonsten sehr auf einen individuellen Zugang abseits des üblichen professionellen Wohlklangs orientierten Formation Graindelavoix wirkt hier etwas herkömmlicher: Natürlich sind auch hier Verschleifungen und lineare Accessoires zu hören, die für das Ensemble typisch sind, aber doch nicht überbordend und nachvollziehbarer im Sinne einer subtilen Deutung. Damit ist die Formation zweierlei: gewohnt explorativ und intellektuell ambitioniert einerseits. Und phasenweise einfach ein exzellentes Ensemble, dem ein interpretatorischer Ansatz im Rahmen des eher Üblichen auch zur Verfügung steht.

Natürlich kosten die Vokalisten die vielen Querstände geradezu lustvoll aus, gewinnen ihnen mehr Potenzial ab als andere Interpretationen. Doch dosieren sie die üblichen Explikationen zurückhaltender. Die Einzelstimmen sind von klarem Charakter, der Zusammenklang ist unverwechselbar; beispielhaft steht Arnout Malfliet, der ein herausragender elegisch-düsterer Bass ist.

Natürlich ist die Intonation ungemein vielfarbig, durchaus erstklassig im herkömmlichen Sinne, dazu mit all den Spezialitäten einer besonderen Sphäre. Schmelzer lässt das Gewebe sehr verhalten fließen, oft gar dezidiert langsam. Die Vokalisten begreifen die Musik in ihrer architektonischen Größe – ausgreifend, strukturklar, mit himmelwärts strebender Größe, dabei filigran und leicht. Das Klangbild ist klar, von feiner Räumlichkeit, elegant und lebendig, präzis und stimmungsvoll.

Eine Graindelavoix-Platte, die interessant und zugänglich gleichermaßen ist. Das Ensemble balanciert gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen Spezialität und allgemeiner Schönheit.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    The liberation of the Gothic: Graindelavoix, Björn Schmelzer

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Glossa
1
07.09.2018
Medium:
EAN:

CD
8424562321151


Cover vergössern

Ashewell, Thomas


Cover vergössern

Glossa

Spaniens renommiertestes Klassiklabel wurde 1992 von Carlos Céster und den Brüdern José Miguel und Emilio Moreno gegründet. Sein "Hauptquartier" hat es in San Lorenzo del Escorial in den Bergen nahe Madrid. Zahlreiche herausragende Künstler und Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik (z.B. Frans Brüggen und das Orchestra of the 18th Century, La Venexiana, Paolo Pandolfo, Hervé Niquet und sein Concert Spirituel u.v.a.) finden sich im Katalog des Labels. Doch machte GLOSSA von Anfang an auch wegen der innovativen Gestaltung und Produktionsverfahren von sich reden. Zu nennen wären hier die Einführung des Digipacks auf dem Klassikmarkt und dessen konsequente Verwendung, der Einsatz von Multimedia Tracks oder die Platinum-Serie mit ihrem avantgardistischen Design. Innerhalb der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte konnte GLOSSA so zu einem der interessantesten Klassiklabels auf dem Markt avancieren. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch dem Spiritus rector und Gesicht des Labels, Carlos Céster.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Glossa:

  • Zur Kritik... 'Indianer'-Triptychon: Die vorliegende Einspielung von Rameaus 'Les Indes galantes' bringt fürs Kennenlernen alles mit, was man sich wünscht: hörbaren Spaß an barocker Theatralik und bei aller Schönheit einen hohen Unterhaltungswert. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Spannender 'Macbeth' mit eklatanter Schwäche: Gäbe es in einer zentralen Partie keinen Totalausfall, müsste man diesen 'Macbeth' dringend empfehlen. So bleibt er ein Dokument für historisch Interessierte oder eingefleischte Fans einzelner Künstler. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Liebender Feldherr: Countertenor Raffaele Pe interpretiert mit La Lira di Orfeo meisterhaft Arien aus fünf verschiedenen Vertonungen des Lebens des Feldherrn Julius Caesars. Weiter...
    (Silke Meier-Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Glossa...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Inspiriert: Das United Continuo Ensemble befreit Johann Erasmus Kindermann gemeinsam mit Ina Siedlaczek und Jan Kobow aus seinem Schicksal einer bloß historischen oder papierenen Größe: inspirierte Musik, köstlich gesungen und gespielt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Transferleistung: Rachel Podger begeht kein Sakrileg – Cellisten in Abwehrhaltung mögen das Votum verzeihen: Bachs Musik lädt zweifellos zu vielfältigem Transfer, zu intensiver Aneignung auch auf unerwarteten Pfaden ein. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Aus ferner Zeit: Guillaume Dufay und das Orlando Consort – das ist eine wunderbare Partnerschaft auf Augenhöhe. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Britische Chorkunst: Diese Sammlung zeigt: Für britische Kirchenmusik ist der britische Kathedralchor immer noch die erste Wahl. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Rauschhafte Entmystifizierung: Nach dem Genuss dieser Doppel-DVD ist man restlos erledigt, aber selig. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Klangliche Wärme: Die beiden Brahms-Streichquintette in einer Einspielung mit großer klanglicher Wärme. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich