> > > Prokofieff, Sergej: Complete Symphonies & Concertos: Orchestra & Chorus of the Mariinsky Theatre, Valery Gergiev
Samstag, 24. August 2019

Prokofieff, Sergej: Complete Symphonies & Concertos - Orchestra & Chorus of the Mariinsky Theatre, Valery Gergiev

Beeindruckendes Gesamtporträt


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Fast non-stop dirigierte Valery Gergiev 20 der bedeutendsten Werke von Prokofjew in Moskau und St. Petersburg. Ein Filmteam schnitt mit und produzierte zusätzlich eine TV-Doku. So entstand ein umfassendes Prokofjew-Porträt.

Elfeinhalb Stunden Musik von Prokofjew, verteilt auf zwei Tage und zwei Orte, gab es im April 2016 zum 125. Geburtstag des Komponisten. Am Pult des Orchesters des Mariinsky Theaters stand Valery Gergiev, scheinbar unberührt von den Strapazen, die ein solcher Marathon mit sich bringt. Alle Symphonien und ebenso viele Solokonzerte, dazu das Symphonie-Konzert für Cello und Orchester und die bedeutendsten chorsinfonischen Werke, Suiten, Kantaten und Oratorien. Ein Filmteam begleitete diesen Marathon, Mitschnitte wurden erstellt, ein 90-minütiger Doku-Film zusätzlich gedreht, um Prokofjew in seiner Musik wie im Bild umfassend darzustellen. So entstand in russisch-französischer Kooperation zwischen dem Mariinsky Theater, der Produktionsfirma Telmonids und dem französischen Mezzo TV Kanal eine beachtliche DVD Produktion wahlweise als DVD oder Blu-Ray Disc.

Angepasst oder mutig?

Beschäftigt man sich mit Sergej Sergejewitsch Prokofjew, so sieht man sich unweigerlich mit zwei Positionen konfrontiert: der Bewertung seines Schaffens in der Sowjetunion und im westlichen Ausland. Die einen sehen ihn als angepassten Traditionalisten, der demütig die Forderungen des sozialistischen Realismus erfüllt. Andere erkennen in ihm den mutigen Neuerer, der alle bis dahin verbindlichen Normen über Bord wirft. 1891 auf einem Landgut in der Ukraine geboren, stürzt sich Prokofjew mit knapp 13 Jahren in das Abenteuer Komposition und avanciert in kürzester Zeit zum mutigsten wie radikalsten Vertreter der russischen Moderne. Seine Vorlieben für ausdrucksstarke Melodien, exzessive Motorik, eigenwillige Rhythmen, scharfe Dissonanzen und irrwitzig groteske Zwischentöne kennzeichnen seinen individuellen Kompositionsstil.

Gemäßigte Moderne

Ein Avantgardist wird er dennoch nie. Zu deutlich sind die Spuren in seinen Werken, die auf Bach und Scarlatti, Haydn, Beethoven und Mozart, Brahms, Grieg, Reger und sogar Mendelssohn hinweisen. Immer wieder bedient sich Prokofjew solcher Anklänge, die er mit antiromantischen Stilmitteln zu einem unentwirrbaren Geflecht zusammenführt oder scharf kontrastiert gegenüberstellt. Auf diesem Grad der Gegensätzlichkeit vollführt er einen Drahtseilakt zwischen einer Tradition, aus welcher er hervorging, und der Neigung zur Überwindung und Negierung dessen.

Als Pianist gefeiert

Prokofjew war kein politischer Mensch. Doch der Umstand, in revolutionären Zeiten nicht ungestört komponieren zu können, veranlasst ihn 1918 zur Emigration. Als Pianist feiert er rund um den Globus Erfolge. In Amerika lernt er seine Frau kennen, doch niederlassen wird er sich 1923 in Paris. Er arbeitet mit Sergej Diagilew zusammen. Die Pariser Gesellschaft feiert Prokofjew vor allem als Ballettkomponisten. In Komponistenkreisen kursieren Gerüchte, er schaffe nichts Neues. Als Diagilew stirbt und sich darauf die Ballets Russes auflösen, zieht Prokofjew Bilanz. Die wirtschaftliche Rezession in Westeuropa trifft vor allem die freie Künstlerszene. Konzertanfragen werden weniger, Prokofjew kann den aufwendigen Pariser Lebensstil nicht mehr finanzieren. In Amerika, dem ‚Jahrmarkt künstlerischer Eitelkeiten‘, kann er langfristig nur als Interpret überleben. Der Konkurrenzdruck in Paris, als zeitgenössischer Komponist sich zu behaupten, wirkt auf ihn erdrückend. Sein Heimatland lockt mit der Aussicht darauf, einen festen Stellenwert im gesellschaftlichen Gefüge der Sowjetunion zu erhalten, was einer gesicherten wirtschaftlichen Position gleichkommt. So entscheidet Prokofjew 1936, endgültig in die noch junge Sowjetunion zurückzukehren.

Neoklassizistischer Neuerer

Prokofjew beugt sich scheinbar widerstandslos dem Diktat des ‚Sowjetischen Realismus‘. Dabei offenbart er seine lange vor der Rückkehr entwickelte innere Verwandtschaft zu ‚neuer Einfachheit‘ im klassischen Stil. Diese und weitere Widersprüchlichkeiten, resultierend aus seiner scheinbar freiwilligen Rückkehr in ein unfreies Land, irritieren die westliche Welt und drücken dem bekennenden neoklassizistischen Neuerer die Marke der ‚Vereinigung des Unvereinbaren‘ auf. Trotz aller Anpassungsbereitschaft gerät auch Prokofjew zwischen die Räder des Systems. Der Umgang mit ihm wird zum lebensbedrohlichen Unterfangen. Als er am 5. März 1953 stirbt, ist die russische Bevölkerung auf der Straße, um das Ableben Stalins zu betrauern.

Komponistenstil im dreifachen Wandel

Diese Lebensphasen bilden die Struktur der Zuordnung der Werke in der DVD-Box, überschrieben mit den Titeln ‚Der junge Prokofjew‘ (1891–1918), ‚Die Amerikanische Periode‘ (1918–1932)“ und ‚Die Heimkehr und Versöhnung‘ (1932–1953). Regisseurin Anna Matison lenkt in der Filmdokumentation den Blick auf die Psyche des Komponisten und Pianisten, je nach Situation dargestellt von Valery Gergiev oder Konstantin Khabensky. Als Quelle diente ihr Prokofjews Tagebuch, begonnen am 3. September 1907, nach 1934 nicht mehr weitergeschrieben. Die Szenen spielen im Winter in seiner Datscha in unbeheizten Räumen.

Hervorragende Interpretationen

Diese Konzentration und Fülle an Informationen sind vorbildlich. Dass es dazu gelingt, bei diesen Festival-Live-Mitschnitten in zeitlich äußerster Dichte mit Qualität zu überzeugen, zeichnet dieses Projekt im Besonderen aus. Jedes Werk für sich erklingt in einer packenden Wiedergabe, ohne die Details zu überspielen. Dafür sorgen Chor und Orchester des Mariinsky-Theaters unter der Leitung von Gergiev. Bei den Solokonzerten sind es die Künstler, die durch ihr hochvirtuoses und emotional mitreißendes Spiel belegen, wie intensiv sie sich mit Prokofjews musikalischer Ausdrucksweise beschäftigt haben. Die Klavierkonzerte interpretieren die Solisten Denis Koshukhin, Denis Matsuev, Daniil Trifonov, Sergei Redkin und Vadym Kholodenko, die Violinkonzerte Leonidas Kavakos und Kristóf Baráti, Solist des Symphonie-Konzerts für Cello ist Alexander Ramm.

Diese durchweg hervorragende Präsentation wird durch ein Begleitbuch abgerundet, das dreisprachig (Englisch, Französisch, Deutsch) Hintergründe zum Prokofjew-Festival, Werkerläuterungen und Künstlerbiographien bereit stellt. Die Darstellung aus russischer Sicht ist hier wie im Film nicht zu übersehen. Dass allerdings eine russische Textversion fehlt, verleitet zur Annahme, dieses umfassende DVD-Porträt sei eigens für den Westen produziert, Kunst als kulturpolitischer Botschafter, um indirekt zu korrigieren, was nicht korrigiert werden kann. Denn Versöhnung mit der Heimat war Prokofjew nicht vergönnt.


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    Prokofieff, Sergej: Complete Symphonies & Concertos: Orchestra & Chorus of the Mariinsky Theatre, Valery Gergiev

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
6
01.07.2018
Medium:
EAN:

DVD
4058407093299


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Prokofieff, Sergej


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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