> > > Beethoven, Ludwig van: Cellosonaten Nr.1-5 : Manuel Fischer-Dieskau, Connie Shih
Dienstag, 20. November 2018

Beethoven, Ludwig van: Cellosonaten Nr.1-5 - Manuel Fischer-Dieskau, Connie Shih

Musikalische Liebeserklärung


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Selten erlebt der Hörer ein so gelungenes Zusammenspiel von technischer Brillanz, künstlerischer Meisterschaft und hörbar nachvollziehbarer Spielfreude wie bei dieser Interpretation von Beethovens Cellosonaten. Ein einzigartiges Hörerlebnis!

Es gibt musikalische Interpretationen, die sich auch dem aufgeschlossensten Hörer nicht auf den ersten Eindruck erschließen, sondern erst nach intensiver Beschäftigung und mehrfachem aufmerksamen Lauschen, und es gibt jene, mit denen sich die beteiligten Künstler unmittelbar ins Herz der Hörer spielen. Die beim Label MDG erschienene Einspielung der Cellosonaten Beethovens, interpretiert von Manuel Fischer-Dieskau (Violoncello) und Connie Shih (Klavier), lässt sich eindeutig der zweiten Rubrik zuordnen. Schon im ersten Satz der Cellosonate op. 5 Nr. 1 in F-Dur eröffnen die Musiker dem Zuhörer nahezu ihr gesamtes Spektrum an spieltechnischer Brillanz, Ausdruckstiefe und einer von Anfang an schier unglaublichen klanglichen Frische. Bemerkenswert ist es, wie Manuel Fischer-Dieskau und Connie Shih die enorme Virtuosität, die für Beethoven so charakteristisch ist, einerseits so temperamentvoll und mühelos präsentieren, dass es dem Hörer den Atem verschlägt vor Staunen, sie aber zu keinem Zeitpunkt nur um ihrer selbst willen benutzen oder zur eigenen Selbstdarstellung missbrauchen. So paradox es klingen mag: Wie sehr der Zuhörer sich auch vom Können der Musiker begeistern und beeindrucken lassen kann – im Mittelpunkt der Interpretation steht weder Manuel Fischer-Dieskau noch Connie Shih, sondern einzig und allein Beethoven. Wenn sich eine so tief empfundene Zuneigung zur Musik eines bestimmten Komponisten, wie sie Fischer-Dieskau im – ebenso interessant geschriebenen wie wissenschaftlich informativen – Booklettext äußert, auch so hörbar in der Interpretation der Werke niederschlägt, weiß man, dass man eine ganz besondere Aufnahme gefunden hat. Eine schönere Liebeserklärung klanglicher Art ist schwer vorstellbar.

Ein Feuerwerk der Kommunikation

Ein Aspekt, der insbesondere zur hohen Gesamtqualität dieser Aufnahme beiträgt, ist die Vielseitigkeit sowohl in der Spieltechnik als auch im Ausdruck, die zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkommen lässt und den Zuhörer, selbst wenn er die Werke bereits gut kennt, mit etlichen Überraschungsmomenten versorgt. Cello und Klavier stehen in permanentem Dialog miteinander, feuern sich gegenseitig an, überbieten sich, fallen sich auch schon mal gegenseitig ins Wort, argumentieren, zweifeln, grübeln, klagen, singen gemeinsam – zu keinem Zeitpunkt allerdings agieren sie gegeneinander, sondern stets miteinander, wodurch sich ein perfekt ausbalanciertes Zusammenspiel ergibt, bei dem die Beteiligten genau wissen, was sie tun, ohne dem Zuhörer vorab zuviel zu verraten. Darüber hinaus schaffen sie es, nicht nur die charakteristischen Seiten ihres Instruments hervorzulocken, sondern auch diesbezüglich eine klangliche Gleichberechtigung herzustellen.

Zweifellos ist der Gesang ohne Worte nicht ohne Grund ein Charakteristikum, das unter allen Instrumenten besonders dem Cello zugeordnet wird und das Manuel Fischer-Dieskau hier in geradezu meisterlicher Weise umsetzt – in dieser Interpretation ist es jedoch nicht nur der Cellist, sondern auch die Pianistin, die mit ihrem Instrument zu singen scheint und dem Zuhörer die Illusion eines Vibrato verschafft, obwohl technisch keines möglich ist. Fischer-Dieskau dagegen überzeugt durch einen vollen, warmen und jederzeit gut ausbalancierten Klang, bei dem er das Vibrato gekonnt als Ausdrucksmittel einsetzt, ohne die Musik damit zu überfrachten und ihr das Etikett künstlerischer Selbstdarstellung anzuheften. Die virtuosen Passagen, die beide Stimmen in hoher Zahl zu verzeichnen haben, seien es halsbrecherische Skalenläufe, wilde Arpeggien oder witzige Kapriolen anderer Art, perlen mit einer solchen Leichtigkeit herab, dass es eine wahre Freude ist, zuzuhören.

Alles in allem ist dies eine rundum gelungene Interpretation, die nicht nur Beethoven-Liebhabern gefallen dürfte, sondern auch Freunde der Kammermusik begeistern wird. Es bleibt zu hoffen, dass die beiden Interpreten ihre Zusammenarbeit fortsetzen und dem Zuhörer auf diese Weise noch etliche weitere musikalische Glücksmomente bescheren werden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    Beethoven, Ludwig van: Cellosonaten Nr.1-5 : Manuel Fischer-Dieskau, Connie Shih

Label:
Anzahl Medien:
MDG
2
EAN:

760623206769


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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