> > > Graupner, Christoph: Passionskantaten Vol.2: Ex Tempore, Mannheimer Hofkapelle, Florian Heyerick
Mittwoch, 21. November 2018

Graupner, Christoph: Passionskantaten Vol.2 - Ex Tempore, Mannheimer Hofkapelle, Florian Heyerick

Fragile Kunst


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kantaten aus dem riesigen Werk Christoph Graupners vorzustellen, ist wirklich verdienstvoll – Florian Heyerick und seine Ensembles leisten eine wichtige Arbeit. Das klingende Ergebnis überzeugt, auch wenn es mitunter nicht ganz homogen wirkt.

Der 2018 bei cpo erschienene zweite Teil einer kleinen Reihe mit Passionskantaten von Christoph Graupner (1683–1760) wartet mit fragiler Kunst auf: Ganz mit den Texten von Johann Conrad Lichtenberg und deren Theologie verschmolzen, oft in karger Besetzung und ebenso reduzierter expressiver Anmutung entfaltet sich die Musik. Drei Kantaten sind zu hören: 'Das Leiden Jesu von seinen Freunden' GWV 1122/41, dann 'Die gesegnete Vollendung der Leiden Jesu' GWV 1127/41 und schließlich 'Die schmähliche Verspottung' GWV 1170/41. Die vordergründig wenig wirksamen Werke laufen Gefahr, affektiv monochrom zu wirken: Vielleicht sollte man sie am besten portionsweise zu den dazugehörigen Tagen des Kirchenjahrs hören.

Diese vermeintlich einschränkende Warnung berührt die Qualität der Kompositionen nicht, im Gegenteil: Graupner ist hier als harmonisch und linear durchaus experimentierfreudiger Komponist zu erleben, in manchem Detail geradezu idealtypisch für beredten Tonsatz. In der Sopran-Arie 'Weine über Jesu Schmerzen' etwas anderes zu hören als herzergreifendes Schluchzen und Zagen, ist kaum möglich. Oder die famose, gleichfalls fragile Bass-Arie 'Alles ist vollendet!' mit ihren Jesus zitierenden Rufen 'Es ist vollbracht' als immer wiederkehrender Aufstieg ins Kopfregister, damit Auferstehung und Himmelfahrt sinnfällig vorzeichnend – das ist schon großartige Kunst. Graupner wird gelegentlich zum Vorwurf gemacht, dass seinen Arien die formale Strenge der Da-capo-Form manchmal etwas schwer wird – dass das nicht ganz von der Hand zu weisen sein mag, ist auf dieser Platte mit ihrer affektiv wenig varianten Haltung zumindest zu erahnen.

Gemischte Bilanz

Die Mannheimer Hofkapelle spielt die instrumentalen Anteile mit zartem Zugriff, wirkt maßvoll klangfreudig, vor allem behände und stark darin, sich im vielfach durchbrochenen und strukturell kargen Satz zu behaupten. Das tut sie mit Geschmack und Dezenz, ohne jedoch ein darüber hinausgehendes, wirklich eigenständiges Profil zu gewinnen. Das mag, es wurde angedeutet, an den in dieser Hinsicht nicht sehr ergiebigen Kompositionen liegen. Vokal wird die Szenerie von Dominik Wörner positiv geprägt: Welch gewaltige stimmliche Autorität er entfaltet, wie souverän er seine blitzsaubere, höchst natürliche Diktion in die Waagschale wirft, die der Nachvollziehbarkeit der durchaus vertrackten Texte sehr zugutekommt – das macht Eindruck. Dazu der hinlänglich bekannte, noble Stimmkern als klug entfaltete Basis.

Wie oft bei Graupner, kommt neben dem Bass dem Sopran eine herausgehobene Stellung zu: Annelies Van Gramberen wird dem hohen Anspruch der Partien mit ansprechender Linearität gerecht, technisch dabei unangefochten. Freilich: Ihr teils eklatanter Mangel an plastischer Sprachgestalt fällt arg ins Gewicht, zumal neben dem gerade in dieser Hinsicht famosen Dominik Wörner. Alt und Tenor sind lediglich rezitativisch und in einem Duett gefordert: Marnix de Cat und Lothar Blum entledigen sich ihrer Aufgaben den Erfordernissen entsprechend, hinterlassen darüber hinaus jedoch keinen bleibenden Eindruck. Schließlich der selten und vor allem in verhaltenen Chorälen geforderte Chor, der ein achtstimmiges Ensemble unter Einbeziehung der Solisten ist: Er singt mit Delikatesse und schlichter Anmutung, wirkt freilich nicht perfekt balanciert; Dominik Wörner nicht herauszuhören, ist schwerlich möglich.

Das liegt nicht am Klangbild: Es ist eine sehr gesammelte Live-Aufnahme – kaum zu glauben, dass sie in nur einer einzigen Sitzung am 16. März 2017 entstanden sein soll. Jedenfalls ist das Ergebnis unbedingt erstaunlich in Sachen Struktur, plastischem Gepräge und auch mit Blick auf die Balance. Das angesprochene Chorproblem scheint eher nicht technisch, sondern in der Besetzung der Register begründet.

Kantaten aus dem riesigen Werk Christoph Graupners vorzustellen, ist wirklich verdienstvoll – Florian Heyerick und seine Ensembles leisten eine wichtige Arbeit. Das klingende Ergebnis überzeugt, auch wenn es mitunter nicht ganz homogen wirkt. Dominik Wörner ragt heraus.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Graupner, Christoph: Passionskantaten Vol.2: Ex Tempore, Mannheimer Hofkapelle, Florian Heyerick

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
26.03.2018
EAN:

761203517022


Cover vergössern

Graupner, Johann Christoph
 - Das Leiden Jesu GWV 1122/41 - Dictum
 - Das Leiden Jesu GWV 1122/41 - Accompagnato
 - Das Leiden Jesu GWV 1122/41 - Aria
 - Das Leiden Jesu GWV 1122/41 - Recitativo e Accompagnato
 - Das Leiden Jesu GWV 1122/41 - Aria
 - Das Leiden Jesu GWV 1122/41 - Accompagnato
 - Das Leiden Jesu GWV 1122/41 - Choral
 - Das Leiden Jesu GWV 1122/41 - Choral
 - Das Leiden Jesu GWV 1122/41 - Accompagnato
 - Das Leiden Jesu GWV 1122/41 - Aria
 - Das Leiden Jesu GWV 1122/41 - Accompagnato e Recitativo
 - Das Leiden Jesu GWV 1122/41 - Coro. Dictum
 - Das Leiden Jesu GWV 1122/41 - Aria
 - Das Leiden Jesu GWV 1122/41 - Accompagnato
 - Das Leiden Jesu GWV 1122/41 - Choral
 - Das Leiden Jesu GWV 1122/41 - Coro
 - Das Leiden Jesu GWV 1122/41 - Accompagnato
 - Das Leiden Jesu GWV 1122/41 - Aria
 - Das Leiden Jesu GWV 1122/41 - Accompagnato
 - Das Leiden Jesu GWV 1122/41 - Aria
 - Das Leiden Jesu GWV 1122/41 - Accompagnato


Cover vergössern

Dirigent(en):Heyerick, Florian
Orchester/Ensemble:Barockorchester Mannheimer Hofkapelle


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Umgetitelt: Zwei Werke aus Walter Braunfels' später Schaffensphase in vorbildlichen Interpretationen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Mit Leidenschaft: Das Ensemble MidtVest überzeugt mit dem vierten Teil seiner Gesamteinspielung des kammermusikalischen Schaffens von Niels Wilhelm Gade. Weiter...
    (Yvonne Rohling, )
  • Zur Kritik... Sommernachmittag: Ein norddeutscher Komponist des 18. Jahrhunderts in einer zweiten verdienstvollen Produktion aus Georgsmarienhütte. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Sinfonisiert: Gerd Schaller und Bruckner – das ist eine Kombination, die immer wieder Funken schlägt. Schaller hat das Streichquintett sehr behutsam sinfonisiert. Der Bearbeitung wird die Darbietung des Prager Radio-Sinfonieorchesters überaus gerecht. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Bach vielseitig: Ein schönes Bach-Programm, das man sich sehr gut als Konzert vorstellen kann. Instrumental ist es unangefochten, vokal hochklassig und eigenwillig gleichermaßen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Blütenlese: Eine schöne chorische Präsentation des Vocal Concert Dresden: lebendig, blutvoll und frisch. Dem Rang des gelegentlich belächelten, in seiner stilistischen Breite gleichwohl wertvollen Florilegium Portense wird damit entsprochen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Ein Haus eine Welt: Autoritative Ersteinspielungen zweier wichtiger Werke eines der bedeutendsten deutschen Komponisten. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Altenglische Kostbarkeiten: Eine betörende Sammlung von altenglischen Preziosen, kongenial dargestellt. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
  • Zur Kritik... Aufkeimen einer neuen Zeit: Marek Szlezer gibt hier eine ziemlich eindrucksvolle Kostprobe der selten zu hörenden Frühwerke für Klavier von Karol Szymanowski. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12 2018) herunterladen (4200 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Franz Lehár: Kaiserin Josephine - Ich heiße Sie alle ganz herzlich willkommen!

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich