> > > Schütz, Heinrich: Kleine geistliche Konzerte II (Gesamteinspielung Vol. 17)
Donnerstag, 1. Oktober 2020

Schütz, Heinrich - Kleine geistliche Konzerte II (Gesamteinspielung Vol. 17)

Zweiter Streich


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein großes Andenken an Rémy und eine schöne Würdigung eines kompositorischen Solitärs im Werk Heinrich Schütz'.

Schon die als siebter Teil der Schütz-Gesamteinspielung bei Carus erschienene erste Folge der 'Kleinen geistlichen Konzerte' hatte zu höchstem Lob Anlass gegeben. Jetzt endlich liegt der 1639 gedruckte zweite Teil vor. Und die Deutung des kleinen Vokal- und Instrumentalensembles unter der Leitung des im vergangenen Juni verstorbenen Ludger Rémy steht der ersten Folge nicht nach. Der Leiter der gesamten Reihe, Hans-Christoph Rademann, würdigt Rémy in einer knappen, klarsichtigen und unsentimentalen Einführung als Musiker, dem Schütz und dessen Musik, Fixsternen gleich, prägend wurden. Rademann beklagt den Verlust des kreativen Freundes als den eines musikalischen Genies. Eines Mannes, dem praktische und theoretische Durchdringung gleichermaßen wichtig waren, dem als forschendem Musiker intellektuelle Türen offenstanden, durch die er als Interpret seine Mitstreiter hindurchleitete.

Beim Blick in die Entstehungszeit und historische Umgebung dieses zweiten Teils der 'Kleinen geistlichen Konzerte' fällt der seit über zwei Jahrzehnten wütende Dreißigjährige Krieg auf, dem Schütz Mitte der 1630er Jahre durch einen längeren Aufenthalt am dänischen Hof in Kopenhagen auswich. Mit der Hauptaufgabe, die königliche Hochzeit mit Musik auszustatten. Doch scheint es auch insgesamt ein inspirierendes Umfeld für Schütz gewesen zu sein – produktiv war er in jener Zeit allemal. Dass Schütz freilich im sächsischen Alltag angesichts des Krieges und auch persönlicher Verluste der bedrängten Lebenslage standhielt, lebensweltlich und vor allem ungebrochen künstlerisch, stabil über viele Jahrzehnte, das ist eine der ganz und gar erstaunlichen Begebenheiten in der Musikgeschichte, die vor Augen zu halten lohnt.

Im Falle der 'Kleinen geistlichen Konzerte' führten der kreative Schub in Dänemark und die überschaubaren Aufführungsmöglichkeiten der Zeit dazu, dass Schütz eine konzentrierte, auf das Wesentliche hin orientierte Kunst schuf. Und das im Zusammenhang zu hören, zu bedenken, zu genießen – klingend und geistig –, ist ein beeindruckendes Erlebnis. Niemand sollte die reiche Substanz, den technischen und strukturellen Gehalt der Konzerte unterschätzen; die nie zu verleugnende, hochstehende Inspiration ohnehin nicht. Schütz agiert im kleinen Format auf der Höhe seiner immer weiter gereiften kompositorischen Möglichkeiten, entfaltet gesättigte Grundlagen in kleinster Form. Sicher: Seine groß besetzen Psalmen Davids oder die 'Symphoniae Sacrae' sind zu Recht populär. Hier, in den 'Kleinen geistlichen Konzerten', ist vieles subtiler, aber keinesfalls weniger eindrucksvoll, wenn man denn nuanciert zu hören bereit ist.

Großartige Konstellation

Angesichts des wunderbar zusammengestellten Vokalensembles lohnt sich das mehr als deutlich. Zu hören sind die Sopranistinnen Gerlinde Sämann, Isabel Schicketanz und Maria Stosiek, der Altus David Erler, die Tenöre Georg Poplutz und Tobias Mäthger sowie die Bässe Tobias Berndt und Felix Schwandtke. Alle sind sie vielfach erprobt in vergleichbarem Repertoire, natürlich auch in Rademanns Schütz-Reihe – ein wunderbar eingesungenes Ensemble. Das Ergebnis ist ein hochidiomatischer Schütz-Gesang ohne Schwächen, im fortwährenden Wechsel von individueller Präsenz und echter Ensemblegeste. Dazu sind formidable Soli zu hören, etwa das berühmte 'Ich liege und schlafe' mit Tobias Berndt, 'O Jesu, nomen dulce' mit Georg Poplutz oder 'Ich will den Herren loben allezeit' mit Gerlinde Sämann. Gerade hier, aber eben nicht nur hier, zeigt sich die veritable sängerische Klasse der Vokalisten: Niemand sollte Schütz‘ Anforderungen und die Möglichkeiten der Interpreten unterschätzen, die sich sämtlich als glänzend natürliche Erzähler erweisen.

Der begleitende Basso continuo ist schmal besetzt: Stefan Maass spielt auf der Theorbe, Matthias Müller auf dem Violone oder der Viola da gamba und Ludger Rémy grundiert schließlich auf der Orgel, gelegentlich auf einem charmant kontrastierenden Virginal. Das ergibt einen sicheren Grund, ein echtes Kontinuum im allerbesten Sinn. Die drei Instrumentalisten erliegen nie der Versuchung, scheinbar fehlendes Instrumentarium kompensieren zu wollen. So wie hier gespielt, luzide und klar, fehlt einfach nichts.

Die Konzerte fließen frei, den Affekten folgend fein binnendifferenziert. Die Intonation ist vokal wie instrumental gleichermaßen fein ausgehört. Die Artikulation ist ein Fest der subtilen Gesten: Natürlich ungemein sprachsensibel, zugleich agil und wach, lebendig und mit prallen Affekten spielend. Das hat trotz schmaler Besetzung nichts Anämisches oder Lebensfernes. Und es wird vom kongenialen Klangbild der im Leipziger Chorprobensaal des MDR entstandenen Aufnahme kräftig unterstützt: Das Ergebnis ist konzentriert, in schöner Balance befindlich, von maximaler Transparenz geprägt – einfach ein rundum edles kammermusikalisches Gesamtbild.

Im Grunde materialisiert sich hier, in den 'Kleinen geistlichen Konzerten', die höchste Schütz-Kunst, vielleicht mehr als in den groß besetzten, vielfarbigen Werken. Ludger Rémy war hörbar ein Meister, diesen verborgenen Reichtum gemeinsam mit seinen vokalen und instrumentalen Mitstreitern subtil zum Strahlen zu bringen. Das ist hier vorbildlich gelungen: Ein großes Andenken an Rémy und eine schöne Würdigung dieses kompositorischen Solitärs im Werk Heinrich Schütz‘.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    Schütz, Heinrich: Kleine geistliche Konzerte II (Gesamteinspielung Vol. 17)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Carus
2
02.02.2018
Medium:
EAN:

CD
4009350832718


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Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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