> > > Tüür, Erkki-Sven: Symphony No. 8 und Instrumentalkonzerte
Donnerstag, 20. Februar 2020

Tüür, Erkki-Sven - Symphony No. 8 und Instrumentalkonzerte

Auf dem Weg zum Klassiker


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die musikalischen Landschaften, die Erkki-Sven Tüür imaginiert, sind stets eine Entdeckung wert.

Man mag es bei einem Blick auf die Playlist dieser Platte aus dem Hause Ondine kaum glauben, aber hier ist mit dem estischen Komponisten Erkki-Sven Tüür ein ehemaliges Mitglied einer progressiven Rockgruppe mit dem vieldeutigen Namen In Spe am Werk. Ein gutes Argument, um etwas auf den Punkt zu bringen, was der im letzten Sommer verstorbene Literaturtheoretiker Peter Bürger mit viel Süffisanz festgestellt hat: Die Avantgarde hält sich mehr für die Avantgarde als es zu sein. Erkki-Sven Tüür auf die Seite einer Avantgarde zu schieben, ist schlicht falsch. Dennoch hat seine Musik nicht nur ein hohes Innovationspotential, sondern weist sich schon heute mit dem Potential zum Klassiker aus. Seine Kompositionen zeichnen sich durch einen Reichtum aus, der keine kuriosen Titel oder Programme braucht, die lange Zeit auf wundersame Weise einen guten Ruf genossen. Aber auch die Rede von absoluter Musik wäre unpassend.

Die vorliegende Platte bringt drei Schöpfungen von Erkki-Sven Tüür aus dem ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts zu Gehör, die von Lawrence Power, Genevieve Lacey, der Tapiola Sinfonietta unter der künstlerischen Leitung von Olari Elts musiziert werden. Man spürt im Falle des Orchesters, das auch Espo City Orchestra genannt wird, dass es sich zu einem Schwerpunkt seiner Tätigkeit gemacht hat, sich mit Neuer Musik auseinanderzusetzen. Es ist das zu spüren, was viele andere Gruppierungen vermissen lassen: die Kombination von Experimentierfreude und Spiellust, die hier dokumentiert ist. Das ist auch Olari Elts zu danken, der durch die Feingliedrigkeit seiner farbenreichen Interpretation den Raum dafür schafft.

Zwei Instrumentalkonzerte gehen auf dieser Einspielung dem heimlichen Höhepunkt voraus: nämlich der Achten Sinfonie des Komponisten aus dem Jahr 2010. Bei allen drei Stücken wird deutlich, dass wir hier bereits auf etwas zurückblicken, denn wie man an 'Sow the wind...' für Orchester aus dem Jahr 2015 hört, hat sich das vektorale Komponieren, wie es Tüür seit 2003 sich zu eigen gemacht hat, längst weiterentwickelt. Und doch sein 'Illuminatio' für Viola und Orchester (2008) wie auch 'Whistles and Whispers from Uluru für recorders and string orchestra' (2007) sind gute Beispiele dafür, was vektorales Komponieren bedeuten kann. Tüürs Vektoren stellen Grundfiguren dar, an denen es aber weder interessant ist, sie herauszufiltern noch sich auf sie zu kaprizieren. Auf sie bauen die Kompositionen auf, indem sie sich in ihnen aufheben.

So ist die zunächst düstere 'Illuminatio' ein wahres Farbenspiel für Solo-Viola und Orchester (ergreifend-virtuos von Lawrence Power dargeboten), wohingegen 'Whistles and Whispers from Uluru' einen klugen Umgang mit verschiedenen Flöten und Elektronik beweist (schlicht berückend: Genevieve Lacey). Vor allen Dingen setzt Tüür Elektronik nicht nur um ihrer selbst Willen ein, sondern ähnlich klug wie z.B. Pierre Boulez in 'Dialogue de l'ombre double'.

Was macht nun schließlich die Achte Sinfonie zu einem Höhepunkt? Die Antwort ist simpel: Ihre Simplizität in mehrerlei Hinsicht. Die dreisätzige Sinfonie für Kammerorchester, die ohne Unterbrechung gespielt wird, stellt nichts dar und dennoch spitzt sie ein uraltes Thema des Musikgeschichte zu: die Dialektik von Kontinuität und dauerhaftem organischen Entwickeln. Eine Einladung für eine Entdeckungsreise: Zugreifen, unbedingt!     


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tüür, Erkki-Sven: Symphony No. 8 und Instrumentalkonzerte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
09.02.2018
Medium:
EAN:

CD
0761195130322


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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