> > > Rore, Cipriano de: Porträt des Künstlers als ausgehungerter Hund
Montag, 25. Juni 2018

Rore, Cipriano de - Porträt des Künstlers als ausgehungerter Hund

De Rore im Porträt


Label/Verlag: Glossa
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Björn Schmelzer setzt seinen Weg mit Graindelavoix konsequent und unbeirrt fort. Vor allem immer reflektiert und gut begründet. Man weiß eben nicht, wie diese Musik wirklich gesungen wurde. Und Schmelzer kann zeigen, dass es auch so gewesen sein könnte.

Die neue Platte des eigenwilligen belgischen Vokalensembles Graindelavoix bietet ein Programm mit Madrigalen von Cipriano de Rore, unter anderem zeitweilig Kapellmeister an Venedigs Markusdom. De Rore wird im auf den ersten Blick seltsam oder kurios anmutenden Titel der Produktion mit einem ‚Porträt des Künstlers als ausgehungerter Hund‘ gewürdigt. Björn Schmelzer, intellektueller Vorreiter eines anderen Blicks auf die Musik aus Renaissance und Mittelalter und umtriebiger Leiter von Graindelavoix, speist diese Perspektive auf de Rore aus einer vergleichenden Bildbetrachtung: In Albrecht Dürers ‚Melancolia I‘ ist an der Seite einer geflügelten Frau ein ausgemergelter Hund zu sehen, stellvertretend für die körperlichen Sinne, die im Zustand intensiver Inspiration quasi ausgehungert seien und so die Spannkraft hervorbringen, kreativ zu agieren, wahrhaft schöpferisch zu werden. Der bayerische Hofmaler Hans Mielich – jetzt kommt die Verbindung zu de Rore – hat ein Porträt des Komponisten gemalt, das diesen klar mit den Zügen ebenjenes Hundes verschmilzt. Gedanklich ein typischer Schmelzer – im kühnen Gang durchaus nachvollziehbar und schlüssig, aber wie stets auch überintellektuell verrätselt wirkend. Das wird im dreisprachigen, reich bebilderten Booklet von Schmelzer klug kommentiert. Allerdings ist es mit seinen Texten nicht selten so, dass sie im Moment, in dem sie verstanden scheinen, wieder in einem edel verhüllenden Nebel entschwinden.

Jedenfalls betonen die Vokalisten konsequenterweise, wie entschieden de Rore das Madrigal aus seiner früheren Harmlosigkeit riss, um es zu neuen Höhen zu führen – satztechnischen, vor allem expressiven Höhen, hinter die spätere Madrigalkunst nicht mehr zurückkonnte. Mehr noch: Es wird gezeigt, wie selbstbewusst er der aufbrechenden Kompositionskunst jener Zeit den weiteren Weg wies.

Speziell

Graindelavoix ist eine der eigenwilligsten, jedenfalls klar identifizierbaren Formationen im Bereich alter und ältester Vokalmusik, programmatisch, aber vor allem sängerisch klar profiliert. Immer wieder auffallend ist die ästhetische und gedankliche Verwandtschaft zum Ensemble Organum, mit dem Marcel Pérès seit Jahrzehnten abseitiges Repertoire durchmisst, zum Beispiel aus spätantiken und frühmittelalterlichen Sphären: Zu hören sind scharfe, nur maßvoll mischfähige Stimmen, ein gleichsam aufgespreizter, unkonzentrierter, faseriger Klang. Oder auch körnig, wenn man auf den Ensemblenamen Bezug nehmen will. Jedenfalls ein Erlebnis, das weit abseits des üblichen hochglanzpolierten Ideals siedelt. Und ein Bild, in das man sich einhören muss. Schmelzer und seine Mitstreiter ordnen – hier, bei de Rores Madrigalen zumal – alles dem expressiven Gehalt unter, Stimmschönheit wird weder individuell noch in der Gruppe angestrebt. Nicht selten wird gar die Grenze zu exaltiertem, freilich tongebundenem Rufen überschritten.

Man könnte annehmen, dass bei so viel Eigenheiten und Eigensinn – auf die üppige und reiche Verzierungspraxis bis hin zu kleinen Glissandi wurde noch nicht hingewiesen – das gesamte Konstrukt ins Schwanken käme. Doch nichts davon: Jeder Abschnitt fügt sich am Ende zu einem mild durchsonnten Schlussakkord, alle Interaktion ist fein ausgehört. Feine Impulse geben die mitgehenden oder die Stimmen abwechselnden Instrumente: Der Zink von Lluis Coll i Trulls und verschiedene Zupfinstrumente wie Ceterone, Laute und Gitarre von Floris de Rycker tragen wesentlich zum überzeugenden Gesamteindruck bei, wirken im Kontext farbig, sind tragfähig auch rein instrumental.

Björn Schmelzer setzt seinen Weg mit Graindelavoix konsequent und unbeirrt fort. Vor allem immer reflektiert und gut begründet. Man weiß eben nicht, wie diese Musik wirklich gesungen wurde. Und Schmelzer kann zeigen, dass es auch so gewesen sein könnte. In jedem Fall verlangt es dem anderes gewöhnten Hörer ästhetisch einiges ab. Es wird wie immer Ablehnung geben und uneingeschränkte Zustimmung. Dem Rezensenten nötigt dieses musikalisch-intellektuelle Gesamtkonstrukt Respekt ab: Denn beeindruckend ist es.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rore, Cipriano de: Porträt des Künstlers als ausgehungerter Hund

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Glossa
1
06.10.2017
EAN:

8424562321144


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Glossa

Spaniens renommiertestes Klassiklabel wurde 1992 von Carlos Céster und den Brüdern José Miguel und Emilio Moreno gegründet. Sein "Hauptquartier" hat es in San Lorenzo del Escorial in den Bergen nahe Madrid. Zahlreiche herausragende Künstler und Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik (z.B. Frans Brüggen und das Orchestra of the 18th Century, La Venexiana, Paolo Pandolfo, Hervé Niquet und sein Concert Spirituel u.v.a.) finden sich im Katalog des Labels. Doch machte GLOSSA von Anfang an auch wegen der innovativen Gestaltung und Produktionsverfahren von sich reden. Zu nennen wären hier die Einführung des Digipacks auf dem Klassikmarkt und dessen konsequente Verwendung, der Einsatz von Multimedia Tracks oder die Platinum-Serie mit ihrem avantgardistischen Design. Innerhalb der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte konnte GLOSSA so zu einem der interessantesten Klassiklabels auf dem Markt avancieren. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch dem Spiritus rector und Gesicht des Labels, Carlos Céster.


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