> > > Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 8 in Es-Dur
Mittwoch, 12. Dezember 2018

Mahler, Gustav - Sinfonie Nr. 8 in Es-Dur

Musikalisches Welttheater


Label/Verlag: ACCENTUS Music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gustav Mahlers Achte Sinfonie liebt man oder hasst man mit Berechtigung. Riccardo Chailly zeigte beim Lucerne Festival 2016, wofür Ersteres spricht.

Es wird dem Verfasser dieser Zeilen immer bewusster, dass die medialen Möglichkeit aus technischer Sicht den Menschen zu überholen drohen. Die Qualität von DVD-Mitschnitten - von BluRay sei einmal nicht gesprochen - singt davon ein Lied; denn der Farbreichtum, die Genauigkeit der Darstellung und hinzukommend die heutige Ästhetik der Bildregie, die nicht selten auch Dinge zeigt, von denen man im Konzertsaal froh ist, sie nicht zu sehen, überfordern nicht selten. Das mag als unziemliches Jammern abgetan werden, trifft aber den Nagel auf den Kopf - vor allem wenn ein Sängerensemble am Werk ist, das der schwierigen Partitur der Achten Sinfonie, der umstrittensten von Mahler, gerecht wird.

Den Damen sei der Vortritt eingeräumt, da sie auch zahlenmäßig in der Mehrheit sind: Ricarda Merbeth ist mittlerweile eine Klasse für sich; schön wahrzunehmen ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie die fordernden Spitzentöne, vor allem des ersten Teils, der Vertonung des Pfingst-Hymnus, spielend leicht absolviert. Über ihr Mienenspiel dabei ist gelacht worden, aber das ist Unsinn, wenn man nur hinhört, was da passiert. Beethoven soll es nicht anders ergangen sein. Juliane Banse, die den zweiten Sopran, eine kaum einfachere Partie, übernimmt, erweist sich leider als Schwachstelle im Ensemble. Sie macht es sich mit ihrem für ganz andere Aufgaben zugeschnittenen, äußerst klangschönen Sopran unnötig schwer. Anna Lucia Richter, die nur im zweiten Teil, der Schlussszene aus Goethes zweitem ‚Faust‘-Teil, in der kleinsten Partie auftritt, lässt aufhorchen. Das dürfen auch die Altistinnen Sara Mingardo und Mihoko Fujimura, eine unangefochtene Kennerin des Repertoires um 1900, für sich in Anspruch nehmen.

Die Herren haben in diesem Stück Musik die großen Solo-Momente, was irgendwie unfair erscheint. Andreas Schager, derzeit wohl unangefochten die Heldentenor-Hoffnung auf dem Markt, darf Anna Lucia Richter preisen und tut dies und alles andere auch mit jener Selbstverständlichkeit, die im Klassik-Geschäft heute selten geworden ist. Technisch weiß er, was er tut, aber er geht bei diesem Mitschnitt zumindest voll auf das Material, wie man so unschön sagt. Dabei erinnert er an die führenden Heldentenöre der Vergangenheit, die nicht besser oder schlechter waren, die aber mit dem Risiko, Fehler zu machen, anders umgegangen sind. Vielleicht mutet er seinem kraftvollen, doch niemals an Klangschönheit mangelnden Organ zu viel zu; aber er strahlt aus, Freude dabei zu haben, und auf das kommt es an. Peter Mattei ist dagegen schon ein alter Hase, auch wenn man ihm das hier nicht anmerkt. Selten hört man seinen Bariton so jugendlich frisch wie hier, und das entzückt bei 'Ewiger Wonnebrand', wo auch er aufs Ganze geht. Am meisten überrascht die Entscheidung, Samuel Youn als Bass zu hören. Die Partie ist nicht sonderlich tief, und er wandelt sich zum Bassbariton. Aber irgendwie ist man es doch gewohnt, den Pater Profundus auch profund zu hören. Aber auch Youn beeindruckt schlicht auch durch seine Dramatik.

Die Hauptrolle des Abends steht aber den Chören zu, auch wenn diese dem Andenken an Claudio Abbado gewidmete Aufführung die Tausender-Marke nicht knackt. Der Chor des Bayerischen Rundfunks, der Lettische Radio-Chor und Orfeón Danostiarra zeigen eine ungeheure Leistungsfähigkeit und beweisen, dass diese Sinfonie auch mit weniger Sängerinnen und Sängern Mehrwert hat. Die Knaben des Tölzer Knabenchores sind schlicht Sängerprofis trotz ihres jungen Alters; aber es überrascht immer wieder, wie kräftig deren junge Stimmen sind und mit welcher Freude gesungen wird.

Das Lucerne Festival Orchestra ist als Projektorchester ohnehin eine Spitzenauswahl. Dennoch ist es nicht offenkundig immer so, dass auch die Nuancen trotz der überbordenden Instrumentation derart zur Geltung kommen, woran Riccardo Chailly einen großen Anteil hat. Schön zu sehen ist, dass er am Ende der Aufführung - dank der Qualität des Mitschnitts - selbst überwältigt ist von dem, was ihm gerade geschah. Das ist man auch als Zuhörer und Zuschauer. Claudio Abbado wäre sicher glücklich, dass eines seiner Herzenskinder so weitergeführt wird.


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    Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 8 in Es-Dur

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ACCENTUS Music
1
26.05.2017
EAN:

4260234831351


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ACCENTUS Music

ACCENTUS Music wurde 2010 als Produktionsfirma mit einem sehr erfahrenen Team aus Produzenten, Regisseuren, Kameraleuten, Tonmeistern und Cuttern und als gleichnamiges DVD Label auf dem Klassikmarkt gegründet. Die Firma mit Sitz in der Musikstadt Leipzig, unweit der Thomaskirche, produziert weltweit erstklassige Konzertereignisse, Opern sowie Künstlerportraits und Dokumentarfilme. Auf den DVD- und Blu-ray Veröffentlichungen finden sich herausragende Künstler wie Claudio Abbado, Daniel Barenboim, Evgeny Kissin, Martha Argerich, Riccardo Chailly, Pierre Boulez, Joshua Bell, Lucerne Festival Orchestra, New York Philharmonic und das Simón Bolívar Jugendorchester. ACCENTUS Music erfüllt sowohl künstlerisch wie auch technisch höchste Ansprüche von Klassik-Liebhabern rund um den Globus.


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