> > > Nietzsche, Friedrich: Klavierwerke
Montag, 24. Januar 2022

Nietzsche, Friedrich - Klavierwerke

Die musikalische Seite der Philosophie


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jeroen van Veen ermöglicht einem berühmten Philosophen, sich den Hörern von einer ganz anderen Seite zu präsentieren. Seine Einspielung von Nietzsches Klaviermusik zeugt von großem Gespür für Klangfarben und eröffnet einen Kosmos an Ausdrucksnuancen.

Als aufmerksamer Hörer der vorliegenden Aufnahme kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Schon die Tatsache, auf einmal die musikalischen Errungenschaften eines Menschen zu hören, der sich in erster Linie als höchst schreibfreudiger Philosoph einen Namen gemacht hat, ist eine Kuriosität, die nicht gerade zu den alltäglichen Phänomenen gehört. Wenn aber das kompositorische Ergebnis nicht nur hörenswert ist, sondern sich als wahrer Ohrenschmaus entpuppt, ist der Überraschungseffekt vollendet.

Hörbare Liebe zur Musik

Dass Friedrich Nietzsche der Musik generell sehr zugetan war, ist kein Geheimnis. Der ihm zugeschriebene Aphorismus, dass das Leben ohne Musik ein Irrtum sei, gehört heute zu den berühmtesten Zitaten, wenn es um Musik geht. Wer bisher an der Aufrichtigkeit des Philosophen gezweifelt haben sollte, wird in der vorliegenden Sammlung kleiner, zu kurzen Zyklen zusammengefasster Klavierstücke eine hörbare Bestätigung seiner Worte finden. Die Musik strahlt ein Stimmungsbild aus, das zwischen Melancholie, Überschwänglichkeit, Lebensfreude und stiller Zurückhaltung sämtliche emotionalen Facetten auslotet, so dass sich die Vermutung aufdrängt, dass der Komponist sämtliche dieser Gefühlsstadien seelisch durchlebt hat. Ein großer Teil dieser Wahrnehmung obliegt der Verantwortung des Pianisten, denn ohne dessen Gespür dafür, auch die kleinsten Feinheiten pianistisch herauszuarbeiten, wäre der Effekt nicht annähernd so groß. Jeroen van Veens Interpretation überzeugt durch seine Fähigkeit, den Zuhörer bei der Hand zu nehmen und auf eine Reise mitzunehmen, die ihn durch ebenso vertraute wie unbekannte Stationen führt. Niemals jedoch entsteht der Eindruck von Fremdheit, denn bei allen gegensätzlichen Stimmungen vermitteln die sanften Übergänge und die Vermeidung scharfer Brüche das tröstliche Gefühl, dass das Ohr sich in der Welt von Nietzsches Klaviermusik bereits auskennt, auch wenn er sie nie zuvor hörend betreten hat.

Zwischen Chopin und Filmmusik

Natürlich gibt es einen Grund für die vermeintliche Vertrautheit der Klaviermusik Nietzsches, der nicht von der Hand zu weisen ist: Die Musiksprache ist keineswegs neu, sondern fest verankert in der Epoche des 19. Jahrhunderts, in der das Charakterstück in der Klavierliteratur seine Blütezeit erlebt hat. Tatsächlich erinnern einige Stücke an Komponisten wie Chopin und Schumann, ungeachtet dessen, dass sich Nietzsche trotz all seines Talents mit musikalischen Größen wie diesen kaum vergleichen lässt. Dass ihm sicher auch nicht daran gelegen war, Genies seiner Zeit zu kopieren, zeigt das Phänomen, dass man sich als Hörer des 21. Jahrhunderts bei Nietzsches Melodien mitunter auch an zeitgenössische Filmmusik erinnert fühlt, zumal besonders die melancholischen Werke den Hörer dazu anregen, nicht nur seine Gedanken fließen zu lassen, sondern auch Bilder in seinem Kopf entstehen lassen, wie auch immer sie geartet seien.

Die 2017 beim Label Brilliant Classics erschienene Aufnahme ist für all jene Zuhörer geeignet, die sich weigern, berühmte Persönlichkeiten in Schubladen einzuordnen, und sich stattdessen darauf einlassen, sie auf eine völlig andere Art neu zu entdecken. Wer darüber hinaus ein Faible für Klavier-Charakterstücke des 19. Jahrhunderts hegt und Filmmusik, die vorrangig aus Klavierstücken besteht, nicht abgeneigt ist, wird hier sicherlich auf seine Kosten kommen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Nietzsche, Friedrich: Klavierwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
14.07.2017
Medium:
EAN:

CD
5028421954929


Cover vergössern

Brilliant classics

Brilliant Classics steht für hochwertige Klassik zu günstigen Preisen!

Mit den Veröffentlichungen von komplettierten Gesamtwerks- Editionen und Zyklen berühmter Komponisten, hat sich das Label erfolgreich am Musikmarkt etabliert. Der Klassikmusikchef, Pieter van Winkel, ist Musikwissenschaftler und selbst Pianist. Mit seinem professionellen musikalischen Gespür für den Klassikmarkt, hat er in den letzten Jahren ein umfangreiches Klassikprogramm aufgebaut. Neben hochwertigen Lizenzprodukten fördert er mit Eigenproduktionen den musikalischen Nachwuchs und bietet renommierten Musikern eine ideale Plattform.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Brilliant classics:

  • Zur Kritik... Klar und warm: Ein (fast) rundum überzeugender Skrjabin aus Sussex und London. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Virtuose Variationen: Dario Zingales spielt Werke von Heinrich Joseph und Carl Baermann, zwei der großen Klarinettisten des 19. Jahrhunderts. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Auf Hochglanz poliert: Davide Bandieri spielt auf einer Doppel-CD sämtliche Werke für Klarinette von Ferruccio Busoni. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
blättern

Alle Kritiken von Brilliant classics...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Uta Swora:

  • Zur Kritik... Einblick in die kompositorische Seele: Mit seiner bis ins kleinste Detail ausgefeilten und sowohl pianistisch als auch inhaltlich überzeugenden Interpretation gewährt Yunus Kaya dem Zuhörer auf meisterhafte Weise einen Einblick in das anspruchsvolle Herzstück von Brahms' Klavierwerk. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
  • Zur Kritik... Beethoven mit eigener Note: Josep Coloms ungewöhnliche und in ihrer künstlerischen Freiheit inspirierende Interpretation der drei letzten Klaviersonaten und Bagatellen Beethovens zeigt, dass es nie zu spät ist, auch scheinbar bis ins letzte Detail vertraute Werke neu kennenzulernen. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
  • Zur Kritik... Vom Staub befreit: Egal wie oft man die Große C-Dur-Sinfonie von Schubert schon gehört haben mag – die Aufnahme des Residentie Orkest The Hague unter Jan Willem de Vriend bietet auch dem geübten Ohr eine faszinierende Neuinterpretation des Meisterwerks. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Uta Swora...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Stupende Qualität: Buxtehude, Teil zwei: Die Qualität der Interpretation ist angesichts der Diskografie Friedhelm Flammes keine Überraschung. Eine Gesamteinspielung, die trefflich gerät und von Belang ist. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Scharfe Proportionen: Boris Giltburg mit frühem Beethoven Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Baskische Schmuggler und tanzende Satyre : Die Suiten aus 'Ramuntcho' und 'Cydalise et le Chevre-pied' des Impressionisten Gabriel Pierné verzaubern in der Wiedergabe durch Darrell Ang und das Orchestre National de Lille. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (1/2022) herunterladen (3500 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich