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Donnerstag, 22. Oktober 2020

Nietzsche, Friedrich - Klavierwerke

Die musikalische Seite der Philosophie


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jeroen van Veen ermöglicht einem berühmten Philosophen, sich den Hörern von einer ganz anderen Seite zu präsentieren. Seine Einspielung von Nietzsches Klaviermusik zeugt von großem Gespür für Klangfarben und eröffnet einen Kosmos an Ausdrucksnuancen.

Als aufmerksamer Hörer der vorliegenden Aufnahme kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Schon die Tatsache, auf einmal die musikalischen Errungenschaften eines Menschen zu hören, der sich in erster Linie als höchst schreibfreudiger Philosoph einen Namen gemacht hat, ist eine Kuriosität, die nicht gerade zu den alltäglichen Phänomenen gehört. Wenn aber das kompositorische Ergebnis nicht nur hörenswert ist, sondern sich als wahrer Ohrenschmaus entpuppt, ist der Überraschungseffekt vollendet.

Hörbare Liebe zur Musik

Dass Friedrich Nietzsche der Musik generell sehr zugetan war, ist kein Geheimnis. Der ihm zugeschriebene Aphorismus, dass das Leben ohne Musik ein Irrtum sei, gehört heute zu den berühmtesten Zitaten, wenn es um Musik geht. Wer bisher an der Aufrichtigkeit des Philosophen gezweifelt haben sollte, wird in der vorliegenden Sammlung kleiner, zu kurzen Zyklen zusammengefasster Klavierstücke eine hörbare Bestätigung seiner Worte finden. Die Musik strahlt ein Stimmungsbild aus, das zwischen Melancholie, Überschwänglichkeit, Lebensfreude und stiller Zurückhaltung sämtliche emotionalen Facetten auslotet, so dass sich die Vermutung aufdrängt, dass der Komponist sämtliche dieser Gefühlsstadien seelisch durchlebt hat. Ein großer Teil dieser Wahrnehmung obliegt der Verantwortung des Pianisten, denn ohne dessen Gespür dafür, auch die kleinsten Feinheiten pianistisch herauszuarbeiten, wäre der Effekt nicht annähernd so groß. Jeroen van Veens Interpretation überzeugt durch seine Fähigkeit, den Zuhörer bei der Hand zu nehmen und auf eine Reise mitzunehmen, die ihn durch ebenso vertraute wie unbekannte Stationen führt. Niemals jedoch entsteht der Eindruck von Fremdheit, denn bei allen gegensätzlichen Stimmungen vermitteln die sanften Übergänge und die Vermeidung scharfer Brüche das tröstliche Gefühl, dass das Ohr sich in der Welt von Nietzsches Klaviermusik bereits auskennt, auch wenn er sie nie zuvor hörend betreten hat.

Zwischen Chopin und Filmmusik

Natürlich gibt es einen Grund für die vermeintliche Vertrautheit der Klaviermusik Nietzsches, der nicht von der Hand zu weisen ist: Die Musiksprache ist keineswegs neu, sondern fest verankert in der Epoche des 19. Jahrhunderts, in der das Charakterstück in der Klavierliteratur seine Blütezeit erlebt hat. Tatsächlich erinnern einige Stücke an Komponisten wie Chopin und Schumann, ungeachtet dessen, dass sich Nietzsche trotz all seines Talents mit musikalischen Größen wie diesen kaum vergleichen lässt. Dass ihm sicher auch nicht daran gelegen war, Genies seiner Zeit zu kopieren, zeigt das Phänomen, dass man sich als Hörer des 21. Jahrhunderts bei Nietzsches Melodien mitunter auch an zeitgenössische Filmmusik erinnert fühlt, zumal besonders die melancholischen Werke den Hörer dazu anregen, nicht nur seine Gedanken fließen zu lassen, sondern auch Bilder in seinem Kopf entstehen lassen, wie auch immer sie geartet seien.

Die 2017 beim Label Brilliant Classics erschienene Aufnahme ist für all jene Zuhörer geeignet, die sich weigern, berühmte Persönlichkeiten in Schubladen einzuordnen, und sich stattdessen darauf einlassen, sie auf eine völlig andere Art neu zu entdecken. Wer darüber hinaus ein Faible für Klavier-Charakterstücke des 19. Jahrhunderts hegt und Filmmusik, die vorrangig aus Klavierstücken besteht, nicht abgeneigt ist, wird hier sicherlich auf seine Kosten kommen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Nietzsche, Friedrich: Klavierwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
14.07.2017
Medium:
EAN:

CD
5028421954929


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Brilliant classics

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