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Mittwoch, 13. November 2019

Mahler, Gustav - Sinfonie Nr. 3

Ohne Kompromisse


Label/Verlag: BR-Klassik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Große Innigkeit ohne Larmoyanz. Bernard Haitink wartet in Mahlers Dritter Sinfonie mit überzeugenden Altersweisheiten auf.

Jede Interpretation ändert sich im Laufe der Zeit. Von Johannes Brahms weiß man, dass er seine Sinfonien bei jedem Konzert anders dirigierte. Wenn ein Dirigent wie Bernard Haitink noch mit 88 Jahren so hellwach und aufmerksam ein Orchester vom Range des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks zu Spitzenleistungen bringen kann, dann muss dabei etwas Besonderes herauskommen. Dabei ist die Dritte Sinfonie von Gustav Mahler ein besonderes Werk. Sie ist mit rund anderthalb Stunden nicht nur Mahlers umfangreichstes Werk, sondern vielleicht auch sein geheimnisvollstes. Schon die Länge ist Provokation. Wenn für die klassisch-romantische Sinfonik die Analogie zum Drama zutrifft, so drängt sich für Mahlers komplexe Sinfonien der Vergleich mit dem modernen Roman auf. Man darf hier durchaus an Alfred Döblin oder James Joyce denken. ‚Wenn ich Musik höre, … so höre ich ganz bestimmte Antworten auf alle meine Fragen‘, bekannte er seinem Freund Bruno Walter. Mahler hat für die Dritte Sinfonie ein umfangreiches Programm entworfen, das er aber nicht veröffentlichte. Die Musik allein sollte genügen. Musik verstand Mahler in einer universellen Einheit mit sozial-ethischen und weltanschaulichen Dimensionen.

Mahler war 35 Jahre alt, als er 1895 in Hamburg die Komposition in Angriff nahm, was zwei Arbeitssommer dauern sollte. Die erfolgreiche Uraufführung fand 1902 in Krefeld statt. Er hatte ein feines Gespür für die latente Instabilität der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Seine Polyphonie, die gewagten Rhythmen, die brüchige Melodik und Harmonik, ja das gesamte Klangbild scheinen die fragilen gesellschaftlichen Verhältnisse in Klang umzusetzen. Und die reale musikalische Welt um die Jahrhundertwende dürfte Mahler wie kaum einem anderen Komponisten bekannt gewesen sein. War er doch in seiner Heimat Böhmen mit Folklore, Tanzmusik und der in der k.u.k.-Zeit überall zu hörenden Militärmusik groß geworden. Seine Karriere als Dirigent führte ihn zudem über kleinste Orte wie Laibach und Olmütz über Kassel, Prag, Budapest, Hamburg bis an die Wiener Hofoper und in die USA. Man kann sich vorstellen, dass er da nicht nur die ‚großen‘ Werke dirigieren konnte.

Mahler konstruiert in der Dritten Sinfonie eine Kosmogonie in sechs Stufen. Ein mächtiger erster Satz ('Pan erwacht. – Der Sommer marschiert ein') verbindet verschiedenste Stile bis hin zum Marsch. Diesem riesenhaften Satz folgt ein anmutiger zweiter ('Was mir die Blumen auf der Wiese erzählen'). Der graziöse scherzoartige dritte Satz mit dem Posthorn ('Was mir die Tiere im Wald erzählen') nimmt Bezug auf die sogenannten Wunderhornlieder. Im mysteriösen vierten Satz ('Was mir der Mensch erzählt') erklingen aus Friedrich Nietzsches ‚Also sprach Zarathustra‘ die Worte des 'Trunkenen Liedes': 'O Mensch! Gib acht! Was spricht die tiefe Mitternacht?' Der fünfte Satz ist letztendlich eine Vertonung von 'Es singen drei Engel' für einen Kinder- und Frauenchor und Alt-Solo ('Was mir die Engel erzählen'). Der sechste Satz ('Was mir die Liebe erzählt') ist wieder rein instrumental.

Bei Bernard Haitink ist die Durchhörbarkeit der Klangarchitektur mit ihren vielschichtigen Verflechtungen oberstes Prinzip. Äußerste klangliche Sensitivität gepaart mit einer deutlich strukturierten Notenauslegung sind die Kennzeichen dieser Herangehensweise. Sicherlich, andere Dirigenten gehen an diese Partitur mit mehr Elan heran, dafür findet man bei Haitink eine quasi somnambule Tiefenschärfe - dabei ist seine Konzeption der Tempi durchaus straff. Bereits die Gestaltung des Anfangs mit seiner distanziert gestalteten Klanglichkeit wirkt geradezu bekenntnishaft, instrumentatorische Schärfungen treten deutlich hervor. Der Orchesterklang ist gelegentlich opulent, aber nie massig. Dramatische Wucht verbindet sich mit einem ausgeprägten Sinn für instrumentale Farben. Haitink verzichtet bewusst auf banales Herausarbeiten struktureller Details, aber er lässt sorgsam motivische Details aufleuchten und beweist so sein subtiles Verständnis dafür, dass diese Sinfonie eben nicht einfach die Summe ihrer Einzelteile ist.

Indem Haitink den Orchesterklang im Zusammenhang mit dem harmonischen und rhythmischen Fluss und dem Auskosten der melodischen Bewegungen in den Vordergrund rückt, kommt er ziemlich nahe an das Zentrum dieser Sinfonie mit ihrer lyrischen Melodik und doppelbödigen Ernsthaftigkeit. Die Musiker des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks mit seinen formidablen Instrumentalisten werden hierbei stark gefordert und setzen überzeugend die Partitur in Klang um. Wenn Gerhild Romberger, Mezzosopran, im vierten Satz (mit Nietzsches 'O Mensch!') anhebt, ist schließlich das erreicht, was man etwas pathetisch seelenvolles Musizieren nennen könnte. Das auch für die Wunderhorn-Lyrik des fünften Satzes, die nicht in falsches Pathos abgleitet. Schließlich besitzt Haitink ein sicheres Gespür für die "sprachlose" Musik des sechsten Satzes, dessen tieferer Sinn nur mit Klängen formuliert werden kann.

Auch die Augsburger Domsingknaben und der Frauenchor des Bayerischen Rundfunks können ohne Abstriche überzeugen. Die CD ist ein Mittschnitt eines Konzertes aus der Münchner Philharmonie. Und gleichzeitig auch so etwas wie eine Resümee eines großartigen Dirigenten. Vielleicht braucht es die Erfahrungen eines Lebens, das nun schon 88 Jahre zählt, um Mahlers Musik so unaufdringlich eindringlich in Klang verwandeln zu können.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
BR-Klassik
2
30.12.2016
101:28
2016
Medium:
EAN:
BestellNr.:
Booklet
CD
4035719001495
900149


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Mahler, Gustav
 - 1. Kräftig - Entschieden -
 - 2. Tempo di minuetto. Sehr mäßig. Ja nicht eilen! -
 - 3. Comodo. Scherzando. Ohne Hast -
 - 4. Sehr langsam. Misterioso. Durchaus ppp -
 - 5. Lustig im Tempo und keck im Ausdruck -
 - 6. Langsam. Ruhevoll. Empfunden -


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"Bis heute gilt die dritte Symphonie Gustav Mahlers als eine der großartigsten und kraftvollsten Schöpfungen des spätromantischen Komponisten. Unter Mahlers drei Symphonien, die Texte aus der Gedichtsammlung „Des Knaben Wunderhorn“ von Clemens Brentano und Achim von Arnim vertonen (der zweiten bis vierten), überragt die dritte die anderen deutlich an Ausmaß und Monumentalität, sie ist Mahlers längstes Werk und zählt zu den langen Symphonien der Romantik überhaupt. Das symphonische Großwerk entstand über einen Zeitraum von vier Jahren, zwischen 1892 und 1896; Hauptschaffensperioden waren die Sommer der Jahre 1895 und 1896, die Mahler am Attersee verbrachte. Nachdem zuvor bereits einzelne Sätze der Symphonie aufgeführt worden waren, fand die Uraufführung der vollständigen Komposition am 9. Juni 1902 während des 38. Tonkünstlerfests in Krefeld statt. Mahler dirigierte die Städtische Kapelle Krefeld und das Gürzenich-Orchester Köln – ein aufsehenerregendes Ereignis und einer der größten Erfolge des Komponisten. Die Zeitgenossen zeigten sich tief beeindruckt. Zwischen 1902 und 1907 führte Mahler seine dritte Symphonie selbst weitere 15 Male auf. Von den sechs gewaltigen Sätzen verlangt der langsame vierte neben dem großbesetzten Orchester ein Altsolo zur Ausführung von Zarathustras Nachtwandlerlied „O Mensch! Gib acht!“ aus Friedrich Nietzsches dichterisch-philosophischem Buch „Also sprach Zarathustra“. Der kecke fünfte Satz erfordert Altsolo, Knaben- und Frauenchor für das Lied „Es sungen drei Engel“ aus „Des Knaben Wunderhorn“. Die Symphonie ist eine gewaltige Herausforderung für alle ihre Interpreten. Für seine Konzerte im Juni 2016 stellte denn auch der BR sein erstes Aufgebot bereit: Gastdirigent Bernard Haitink leitet das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, die Augsburger Domsingknaben und den Frauenchor des Bayerischen Rundfunks; Gerhild Romberger interpretiert die Solopartie. Das Münchener Konzertereignis des Sommers 2016 kommt nun bei BR Klassik als 2-CD Edition heraus – eine aktuelle Interpretationen einer der wesentlichsten Kompositionen des internationalen symphonischen Repertoires. SYMPHONIEORCHESTER DES BAYERISCHEN RUNDFUNKS BERNARD HAITINK Dirigent GERHILD ROMBERGER Mezzosopran AUGSBURGER DOMSINGKNABEN Einstudierung: Reinhard Kammler FRAUENCHOR DES BAYERISCHEN RUNDFUNKS Einstudierung: Yuval Weinberg "


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BR-Klassik

Herausragende Musikaufnahmen der drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks werden unter einer gemeinsamen Marke den Musikfreunden angeboten. Das Label heißt BR-KLASSIK. Zum Start sind acht Tonträger sowie eine DVD am 18. September 2009 veröffentlicht worden. Mittlerweile umfasst der gesamte Katalog über 70 Aufnahmen.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Münchner Rundfunkorchester und der Chor des Bayerischen Rundfunks genießen sowohl in der Region als auch international einen außergewöhnlichen Ruf in Bezug auf Qualität, künstlerische Kreativität und die Vermittlung von klassischer Musik. Im Konzertsaal und in Hörfunk- und Fernsehübertragungen sind die drei Klangkörper regelmäßig zu hören. Herausragende Konzerte, besonders gelungene Interpretationen und selten zu hörende Werke werden nun unter der gemeinsamen Marke BR-KLASSIK auf dem hauseigenen Label dokumentiert.

Das CD-Label BR-KLASSIK ist organisatorisch bei der BRmedia Service GmbH angesiedelt, dem für die Zweitverwertungen zuständigen Tochterunternehmen des Bayerischen Rundfunks, und wird von Stefan Piendl als Label-Manager geleitet. Mit ihm und Peter Alward als A&R-Consultant konnte der Bayerische Rundfunk zwei erfolgreiche, externe Experten mit umfassender, internationaler Erfahrung für die Mitwirkung an seinem neuen Label BR-KLASSIK gewinnen.

Als logische und konsequente Fortsetzung der Surround-Sound-Offensive im Hörfunkprogramm von Bayern 4 Klassik, das ausgewählte Sendungen im Mehrkanalton und mit erhöhter Datenrate überträgt, werden auch die Tonträger-Veröffentlichungen des Öfteren als audiophile SACD produziert. Die Hybrid-SACD-Tonträger lassen sich als herkömmliche CD abspielen, enthalten aber auch eine Stereo-Spur im hochauflösenden DSD-Format sowie eine Mehrkanal-Fassung in 5.0 bzw. 5.1-Surround.

In der Reihe BR-KLASSIK ARCHIVE bringt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks historische Aufnahmen des Labels zu Gehör. Z.B. war an zwei denkwürdigen Konzertabenden die Pianistin Martha Argerich zu Gast, 1973 unter Leitung von Eugen Jochum mit Mozarts Klavierkonzert KV 456 sowie zehn Jahre später mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 unter Seiji Ozawa.

Im Vertrieb werden die Neuerscheinungen von BR-KLASSIK weltweit durch NAXOS betreut. Damit ist eine bestmögliche Präsenz auf allen wichtigen internationalen Märkten gewährleistet. Neue Aufnahmen werden im Highprice-Segment veröffentlicht, die CDs der ARCHIVE- und WISSEN-Serie auf Midprice. Zu einer modernen Vertriebsstruktur gehört selbstverständlich auch die Möglichkeit des digitalen Downloads über Musikportale wie iTunes, Musicload u.a.. Auch dieser Vertriebsweg wird über die Firma NAXOS erschlossen. Die Naxos Music Library präsentiert zudem für Universitäten und öffentliche Bibliotheken via Internet einen ständig wachsenden Katalog mit Tausenden von Titeln weltweit führender Labels. Studenten, Lehrpersonal und andere Benutzer können sich jederzeit einloggen und in der Bibliothek, im Hörsaal, im Studentenwohnheim, im Büro oder zu Hause das komplette Repertoire abrufen - auch die Aufnahmen von BR-KLASSIK.


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