> > > Billone, Pierluigi: Werke für Soloviola und Solovioline
Dienstag, 19. September 2017

Billone, Pierluigi - Werke für Soloviola und Solovioline

Experimentelle Streichermusik


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Label Kairos veröffentlich zwei Solokompositionen des Komponisten Pierluigi Billone mit dem Geiger Marco Fusi.

Da ist zunächst ein zerbrechlicher Klang mit ungewöhnlichen Eigenschaften, statisch und doch leicht bewegt, weil ständig irgendwelche Klangbestandteile davon abzubröckeln scheinen. Dann schließen sich gestische Momente an: Es scheint jemand zu reden, die im Duktus von Sprache glissandierenden Aktionen gleichen verschwommenen Worten, unter die sich manchmal Geräusche mischen. Rasch wird deutlich, wie ungewöhnlich es ist, was Pierluigi Billone (*1960) seinem Interpreten hier abverlangt, indem er extrem ungewöhnliche Spieltechniken vorschreibt und daraus klangliche Situationen formen lässt, die wiederum in einen abwechslungsreichen Spannungsverlauf eingebunden werden. Und eigentlich spürt man beim Anhören der CD auch, wie unzureichend der Klangeindruck allein ist, dass man das Ergebnis vielmehr auch sehen müsste um die körperlichen Spanunngen dessen wahrzunehmen, was hier passiert. 'ITI KE MI' heißt das 33-minütige Solostück für Violine aus dem Jahr 1995, das der Geiger Marco Fusi in dieser Aufnahme zum Besten gibt, indem er den Nuancen im Forte und Piano bis zur Neige nachspürt. Und Fusi, der vor einigen Jahren eine bemerkenswerte Gesamteinspielung von John Cages 'Freeman Etudes' auf zwei CDs vorgelegt hat (Stradivarius, 2011 und 2012), lässt keinen Zweifel daran, dass er in dieser Musik zu Hause ist.

Dass das Label Kairos so kurz nach seiner Veröffentlichung von Billones Gitarren-Triptychon 'Sgorgo Y. N. oO' (2012) Ende vergangenen Jahres erneut eine Produktion mit Werken des experimentierfreudigen Italieners herausbringt, ist sehr erfreulich, zumal hier zwei zeitlich weiter auseinanderliegende Werke miteinander konfrontiert werden. So steht dem ersten Stück die gleichfalls 33-minütige Komposition 'Equilibrio. Cerco' aus dem Jahr 2014 gegenüber, bei dem Fusi zur Viola greift. Auch wenn es gewisse Ähnlichkeiten zu den Klangexplorationen in 'ITI KE MI' gibt, unterscheidet sich das Violastück deutlich von der früheren Komposition durch Fokussierung auf einen relativ engen Tonraum, der stärker durch sich wiederholende und in ihrer Wirkung nach und nach präzisierte Gesten erschlossen werden. Beide Stücke zeigen jedoch, wie stark sich Billone von einer herkömmlichen Auffassung des Violin- bzw. Violaspiels und der damit verknüpften Klangvorstellungen entfernt, und wie er zugleich den Hörer dazu bringt, sich schrittweise auf den unerhörten Kosmos aus Klang und Geräusch einzulassen, der den Instrumenten hier entströmt – angefangen bei der Stimmung und der veränderten Saitenspannung bis hin zur Behandlung von Bogen- und Grifftechniken.

Billones Musik, so Fusi sinngemäß in seinem kurzen Booklet-Beitrag – einem von zwei leider nicht in deutscher Sprache vorliegenden Texten –, führe den Performer weit weg von dem ihm bekannten Territorium. Genau das macht den Reiz dieser Werke aus, ihre Stellung als zwei unterschiedliche Stadien von Klangerforschung an Streichinstrumenten. Nicht jeder wird sich auf diese experimentelle Haltung einlassen wollen; doch diejenigen, die neugierig genug sind, um es zu tun, werden mit einer ebenso spannenden wie ungewöhnlichen Klangreise belohnt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Billone, Pierluigi: Werke für Soloviola und Solovioline

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
28.04.2017
EAN:

9120040735180


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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