> > > Jaell, Marie: Klavierkonzerte Nr. 1 & 2
Montag, 21. September 2020

Jaell, Marie - Klavierkonzerte Nr. 1 & 2

Virtuose Klavier-Entdeckungen


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Cora Irsen erweckt mit dieser exzellenten Einspielung die beiden Klavierkonzerte von Marie Jaëll aus einem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf.

Wer als Pianist im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert etwas auf sich hielt, der nannte sich Liszt-Schüler – auch wenn er dem Meister nur einmal kurz die Hand geschüttelt hatte. Michael Stegemann, Verfasser einer umfangreichen Liszt-Biographie, hat darauf hingewiesen, dass die Zahl der ‚Liszt-Schülerinnen und -Schüler im engeren Sinne‘ (S. 296) deutlich geringer ist, als lange Zeit vermutet wurde. Zu der kleinen Zahl an Pianisten, die tatsächlich über eine längere Zeit von der Klavier-Legende unterrichtet wurden, gehörte auch die heute fast vergessene, aber seinerzeit berühmte Marie Jaëll (1846–1925). Die als Marie Trautmann im Elsass geborene Pianistin studierte zunächst bei Henri Herz und ab 1868 bei Liszt, bevor sie eine internationale Karriere begann. Trotz einer intensiven Konzerttätigkeit war Jaëll auch kompositorisch aktiv und schrieb neben einer großen Zahl an Solo-Klavierwerken und einigen Liedern die zwei auf dieser CD versammelten Klavierkonzerte. Cora Irsen, die bereits drei Folgen mit Klaviermusik der Komponistin veröffentlicht hat, widmet sich hier zusammen mit dem WDR-Funkhausorchester unter Arjan Tien diesen beiden Konzerten.

Anders als Liszt, der die Konzertform mit seinen Werken formal revolutionierte, wandelt Jaëll sowohl im ersten Konzert in d-Moll als auch im zweiten in c-Moll auf traditionellen Pfaden. Die bekannte Dreisätzigkeit wird ebenso gewahrt wie das Verhältnis von Klavier und Orchester – letzteres muss sich, wenn der Solist einmal hinzugetreten ist, meist unterordnen. Innerhalb dieser Ordnung halten die Konzerte aber pianistisch wie kompositorisch jedem Vergleich stand. In seiner Kompaktheit und der hohen Inspiration der Themen wirkt das zweite Konzert eine Spur gelungener als das erste, bei dem insbesondere der Finalsatz etwas aus den Fugen geraten ist.

Irsen zeigt sich hier wie dort als gewandte und hellhörige Pianistin, die den hohen technischen Ansprüchen jederzeit gewachsen ist und überzeugend gestalten kann – auch dort, wo zwischen Akkord- und Oktav-Donner die rein thematische Substanz vielleicht etwas dünn ist. Der Eintritt des Klaviers im Kopfsatz des ersten Konzertes ist ihr besonders gut gelungen. Die nicht übermäßig anspruchsvollen Begleit-Aufgaben werden vom WDR-Funkhausorchester souverän absolviert, Tien ist ein Dirigent, der das Ensemble stets im Griff hat. Zahlreiche überzeugende Details – wie etwa das Auskosten der lyrischen Melodiebögen in den Mittelsätzen – sorgen für einen positiven Eindruck.

Nicht ganz so glücklich ist die Balance zwischen Klavier und Orchester geraten, hier und da sorgen die lauten Tutti dafür, dass Irsen unnötig forcieren muss. Im Sinne eines ‚symphonischen‘ Klavierkonzertes (wie etwa des Zweiten Brahms-Konzertes) mag eine klangliche Augenhöhe zwischen Klavier und Orchester angemessen sein, doch in diesen beiden, doch eher traditionell auf das Soloinstrument zugeschnittenen Werken wirkt sie sich ungünstig aus. Das Klavier hätte hier für meinen Geschmack etwas deutlicher hervorgehoben werden müssen. Glücklicherweise verfügt Irsen über die notwendige Kraft, sich hier fast immer behaupten zu können. Schwer zu entscheiden, ob auch Tien gelegentlich noch für etwas mehr Zurückhaltung im Orchester sorgen könnte, mir scheint es so, als das Hauptproblem beim Klangbild liegt.

Ohne Zweifel hat Cora Irsen mit dieser Einspielung der beiden Jaëll-Konzerte eine Repertoire-Lücke geschlossen und die Messlatte dabei hoch angesetzt. Dass die beiden Werke trotz ihres hohen Niveaus in Vergessenheit geraten konnten, ist ein Schicksal, das sie mit exzellenten Stücken so mancher berühmter (männlicher) Tondichter teilen – Ernst von Dohnanyi, Eugen d‘Albert oder Franz Xaver Scharwenka stehen hier beispielhaft für viele. Insofern ist es eine offene Frage, ob – wie Irsen im Booklet vermutet – dies vor allem daran liegt, ‚dass sie eine Frau war‘ (S. 12). Eine Chance im nach wie vor recht schmalen Konzertsaal-Repertoire zwischen Beethoven und Rachmaninoff haben Jaëlls Konzerte auf jeden Fall verdient.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Jaell, Marie: Klavierkonzerte Nr. 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Querstand
1
15.03.2017
Medium:
EAN:

CD
4025796016086


Cover vergössern

Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Querstand:

  • Zur Kritik... Lutherische Marienverehrung: Diese CD enthält eine Huldigung Mariens in verschiedenen Kompositionen zu verschiedenen Zeiten. Dabei sind Entdeckungen zu machen, eröffnet durch einen ambitionierten Chor. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
  • Zur Kritik... Auf ein Großprojekt: Diese Reger-CD ist der Teaser für ein großes Onlineprojekt. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Nympha britannica: Marie Luise Werneburg wirft einen ästhetisch ambitionierten, vom Programmkonzept nicht ganz gelungenen Blick auf das englische Renaissancelied. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Querstand...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Michael Loos:

  • Zur Kritik... Vielfältig schillernde Orchestersprache: Paavo Järvi und das Tonhalle-Orchester Zürich engagieren sich auf höchstem Niveau für die vielfältig schillernden Orchesterwerke Olivier Messiaens. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Zu wenig Abwechslung: Die hier zu hörenden fünf Violinkonzerte von Myroslaw Skoryk werden zwar solide musiziert, ähneln sich aber zu sehr, als dass man sie empfehlen könnte. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Ausflug ins tschechische Viola-Repertoire: Jitka Hosprová engagiert sich leidenschaftlich für drei tschechische Violakonzerte, die allerdings in ihrer Substanz nur teilweise gelungen sind. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Michael Loos...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Glanzvoll: Cinquecento mit Renaissancerepertoire der Habsburgerhöfe: Es ist auch auf dieser Platte mit Musik von Johannes de Cleve das pure Vergnügen, den fünf Vokalisten zuzuhören. Repertoireabeit kann glanzvoll sein. Cinquecento beweist es. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Große Natürlichkeit: Die junge Bonner Pianistin Jamina Gerl trifft bei Schumann vollendet den romantischen Ton und zeigt sich hochvirtuos bei Liszt. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
  • Zur Kritik... Ein royaler Klassiker: Das Royal Ballet zeigt, dass die Inszenierung des Ballett-Klassikers stilvoll, fesselnd und zugleich zeitgemäß sein kann. Weiter...
    (Lorenz Adamer, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Jupiter

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2020) herunterladen (3402 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Hans Eklund: Symphony No.5 Quadri - Allegro e feroce. Andante sostenuto. Allegro. Andante sostenuto

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Edlira Priftuli im Portrait "Musikalisch praktizierte Ökumene"
Edlira Priftuli hat den Straßburger Wilhelmerchor zur historisch informierten Aufführungspraxis geführt

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich