> > > Beethoven, Ludwig van: Klavierkonzerte Nr. 1 & 2
Samstag, 21. April 2018

Beethoven, Ludwig van - Klavierkonzerte Nr. 1 & 2

Interessantes Eigenprofil


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Sudbins ganz originelle Interpretation der beiden ersten in Wien veröffentlichten Klavierkonzerte Beethovens rückt die Werke auch in den Blickwinkel einer Virtuosenkultur des frühen 20. Jahrhunderts.

Yevgeny Sudbin schließt seine Reihe der Klavierkonzerte Beethovens mit dessen beiden ersten Gattungsbeiträgen mit Opuszahl ab. Begleitet wird er, anders als in den Konzerten Nr. 3 bis Nr. 5, nicht vom dort manchmal etwas zu knallig-großen Minnesota Orchestra, sondern von der kleiner besetzten Tapiola Sinfonietta, die ebenfalls von Osmo Vänskä geleitet wird. Das passt sicher besser zum gewissermaßen ‚mozartianischen‘ Zuschnitt des früher entworfenen, bis zum Erscheinen als Opus 19 mehrfach überarbeiteten B-Dur-Konzerts (schade, dass nicht auch das frühere B-Dur-Rondo WoO 6, das in Opus 19 ersetzt wurde, Bestandteil des Projekts ist wie in der Label-eigenen Konkurrenzserie mit Ronald Brautigam).

Auch für das als Opus 15 zuerst publizierte, aber hörbar progressivere und ‚symphonischere‘ C-Dur-Konzert ist das Orchesterspiel unter Vänskä adäquat: Der vor allem rhythmisch prägnante, nicht übermäßig vibrato-füllige, manchmal etwas hemdsärmelig-locker, aber weitgehend gut ausphrasiert daherkommende Tapiola-Sound erinnert ein wenig an Roger Norringtons London Classical Players. Das Klangbild ist durchsichtig, die Pauke tritt deutlich als wesentliche Antriebskraft hervor. Wie bei historistisch ausgerichteten Formationen dominieren im Mischklang nicht die Streicher, sondern die Bläser, die in allen Sätzen und Soli – wie im ‚singenden‘ Klarinetten-Dialog mit dem Klavier im 'Largo' von Opus 15 –tadellos agieren und im Tutti für viele schöne Farbwechsel sorgen. Vänskä schlägt recht rasche Grundtempi an, anders als etwa einst Herbert von Karajan mit Christoph Eschenbach oder Alexis Weissenberg im C-Dur-Konzert. Letzterer ist deshalb wieder in meinen Blick gerückt, weil sich Yevgeni Sudbin bei diesem Beethoven gewissermaßen als eine originelle Mischung aus Weissenbergs cooler Geläufigkeit und dem lyrischen Charme eines Vladimir Horowitz zu profilieren scheint und von der flotten Unterstützung Vänskäs profitiert, während Karajan Weissenberg zumindest in Opus 15 zu sehr ausbremste.

Klassizistisches Kammerspiel und spätromantische Überformung

Sudbins eigenwillig lebendig phrasiertes Non-legato-Spiel erinnert in den vorantreibenden Passagen der Ecksätze an eine Traditionslinie, die von Beethoven zurück über dessen Vorbilder Haydn und Carl Philipp Emanuel Bach zur Neubestimmung geläufigen Klavierspiels bei Domenico Scarlatti führt – und hier kommt bereits Horowitz ins Spiel, dessen Formung Scarlattis als beredte virtuose Salonmusik-Kunst Sudbin ja auch in seinen beiden Scarlatti-Solo-Alben fortgesetzt hat. Man hört den Spaß des Pianisten am idiomatischen Geflecht zwischen klassizistischer Anschlagsklarheit und romantizistischer Eigenfarbgebung, die auch durch die kleinen Rubati und Anschlagstönungen erreicht wird, welche auf Beethovens Hammerklavieren sicherlich nicht verfügbar waren.

Sudbin setzt die aktuell verfügbaren Mittel wie auch interpretationsgeschichtliche Idiome ein: In der Kadenz des 'Allegro con brio'-Kopfsatzes von Opus 15 verarbeitet er eine schöne Vorlage von Ignaz Friedman eigenständig zu einer in Harmonik und Valeurs durchaus anachronistischen, aber in ihrer klaviermagischen Konsequenz hinreißend in das ‚goldene Virtuosenzeitalter‘ von Horowitz, Godowsky und Rachmaninow entführenden Exkursion. Auch die eigene Kadenz im lustvoll-humoristisch forcierten, in seiner Themenvielfalt explodierenden 'Allegro scherzando' ist weniger ein Fremdkörper als konsequente nachklassische Fortsetzung des Spiels, das Beethoven hier bereits ganz extrovertiert mit seinen kompositorisch und pianistisch damals revolutionären Fähigkeiten trieb (man nehme nur die fast jazzige zweite Rondo-Episode). Das C-Dur-Konzert lohnt in dieser ganz eigenen Sicht die Anschaffung dieser Einzelfolge unbedingt. Und auch das ebenso straffe B-Dur-Konzert illustriert die Vision, wie beide Werke denn tatsächlich mit Horowitz, womöglich unter Schwiegervater Toscanini, in den 1930ern geklungen hätte. Dass dabei manchmal auch etwas oberflächlichere Kühle in den langsameren Sätzen und lyrischen Seitenthemen herrscht, ist man ja von Sudbins Weissenberg-Gen aus den früheren Beethoven-Folgen gewohnt, dem Gegenstück zur Horowitz-Fabulierlaune, die sich hier ansonsten – ganz selten mit ja auch vom ‚Hexenmeister‘ gewohnten kleinen Phrasierungs-Unschärfen (auffällig u.a. zu Beginn der ersten Rondo-Episode aus Opus 15) – in expressiver Eigenständigkeit dem motorischen Duktus vieler Aufnahmen der ‚neu-sachlichen‘ und auch historisierenden Aufführungsgepflogenheiten widersetzt. Sudbin und Vänskä schaffen hier eine besondere, einmalige Synthese aus diversen heutigen und gestrigen Darstellungsmöglichkeiten. Bemerkenswert!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludwig van: Klavierkonzerte Nr. 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
08.03.2017
EAN:

7318599920788


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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