> > > Mozart, Wolfgang Amadeus: Piano Quartet in G minor K 478
Sonntag, 20. Oktober 2019

Mozart, Wolfgang Amadeus - Piano Quartet in G minor K 478

Dem Monument Contra geben


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dass auch einem Komponisten wie Mozart nicht jede seiner Kompositionen begeistert aus den Fingern gerissen wurde, zeigt die Geschichte seiner Klavierquartette. Ursprünglich sollten es mal drei Stück werden - so der Wunsch des Auftraggebers Franz Anton Hoffstetter. Doch nachdem das erste Quartett vollendet war, machte Hoffstetter einen Rückzieher und verzichtete auf die Erfüllung des Vertrags. Die Gründe dafür waren vielfältig. Zum einen war die Gattung des Klavierquartetts zu dieser Zeit nicht besonders verbreitet und daher fremdartig. Zum anderen galt zumindest der Klavierpart als besonders anspruchsvoll und für Laien als zu schwer. So wurde im ?Journal des Luxus und der Moden? (1788) die häufig besonders lausigen Aufführungen des g-moll-Quartetts beklagt, was der Verbreitung des Quartetts nicht gerade förderlich war. Mozart hat das Es-Dur-Quartett KV 493 zwar noch vollendet, aber schon nicht mehr an Hoffstetter, sondern an die Konkurrenz Artaria verkauft. Das dritte Quartett blieb ungeschrieben.

Wenn Respekt zum Hemmschuh wird
Für die vorliegende Aufnahme der beiden vollendeten Quartette hat sich nun das ?The Leopold String Trio? mit dem Pianisten Paul Lewis zusammengetan, der in den vergangenen Monaten mit zwei Schubert-Sonaten-CDs für Aufmerksamkeit gesorgt hat. Dass Lewis nicht nur in Sachen Schubert, sondern auch bei Mozart mit allen pianistischen Wassern gewaschen ist, das kann man an dieser Aufnahme deutlich hören. Trotzdem lässt die CD einen zwiespältigen Eindruck zurück. Dabei geht es weniger um Kleinigkeiten oder Details, sondern eher um etwas Grundsätzliches, das sich durch alle Sätze zieht und eher den mentalen als den technischen Bereich betrifft: Die Schwäche des Trios (auf Lewis trifft das nicht zu) scheint vor allem der übermächtige Respekt vor Mozart zu sein. Und dieser Respekt scheint so überwältigend zu sein, dass das Trio mit seinen drei Persönlichkeiten über weite Strecken regelrecht hinter einem Monument versinkt. Sollte Mozart so etwas beabsichtigt haben? Sicher nicht. Mozart hatte viele offensive, ausgelassene, verspielte (Wortspiele!) und sehr direkte Seiten - und vor allem wusste er es zu schätzen, wenn er auf ein gleichgesinntes Gegenüber traf, das ihm in dieser Hinsicht Contra gab. Gilt das nicht übertragen möglicherweise auch für seine Musik?

Weicher Händedruck
Das Leopold String Trio hätte Grund genug, selbstbewusst aufzutreten und sich offensiv zu artikulieren. Die technischen und sonstigen Grundlagen sind mit großer Selbstverständlichkeit vorhanden, die Intonation ist sehr gut, die Tempi einwandfrei, es könnte alles so schön sein. Doch was fehlt, ist etwas, was man mit dem Begriff ?Ausdrucksentschlossenheit? vielleicht am ehesten erfassen kann. Während Lewis sich klar und deutlich artikuliert, jeder Ton einen Kern hat und jede Phrase Überzeugung ausstrahlt, so wirkt das Trio über weite Strecken so wie jemand, der über einen etwas zu weichen Händedruck verfügt und gerne anderen die letzten Entscheidungen überlässt. Das Trio bewegt sich eindeutig im Kielwasser von Lewis, wobei man den Eindruck gewinnen kann, dass der Respekt vor Lewis beinahe noch größer als der vor Mozart ist. Wenn beispielweise eine Phrase des Klaviers aufgenommen werden muss, so tun die Streicher das nicht wie gleichberechtigte Partner des Pianisten, sondern oft eher wie ein Echo oder Schatten. Das hat natürlich Konsequenzen, weil viele musikalische Entwicklungen in dem Stück nicht stringent wirken, sondern brüchig. Lewis und die Streicher wechseln sich mit Phrasen oft ab (so, wie es in den Noten steht). Aber sie spielen sich in musikalisch-interpretatorischer Hinsicht nicht die Bälle zu. Die Aufnahme wirkt so, als ob man jegliches Risiko um jeden Preis vermeiden wollte: das Risiko, etwas zu probieren, das Risiko, eine Interpretationsentscheidung zu fällen, die jemand hinterher möglicherweise nicht teilt. Aber diese Nicht-Entscheidung ist letztlich auch eine Entscheidung.

Im Fahrwasser des Pianisten
Es ist eine merkwürdige Scheu, die charakteristisch ist für diese Aufnahme, ein überaus zaghaftes Auftreten, was keine Frage der Lautstärke ist, sondern der Präsenz. Es ist ja an und für sich nicht unmöglich, auch bei ganz leisen Stellen klar zu artikulieren und klangreich zu spielen. Doch selbst bei lauten Passagen ist der Streicherklang hier oft dünn - und bricht dann bei leisen Stellen oft fast völlig weg. Man wünschte sich, dass die Streicher ihre Stimmen mit mehr Selbstbewusstsein vertreten und öfter mal - das wo es kompositorisch naheliegend ist - das Heft in die Hand nehmen. Ein damit verwandtes Problem ist die Klangmischung der Streicher. Der Charakter eines Akkords wird schließlich nicht zuletzt durch das Verhältnis seiner Bestandteile (beispielsweise Grundton, Terz, Quinte) bestimmt. Wenn nun einer dieser charakteristischen Töne, vor allem die Terz, zu schwach ist oder nicht gehört werden kann, dann funktioniert nicht nur der ganze Akkord nicht mehr, sondern unter Umständen auch der ganze harmonische Verlauf. Das ist ein ziemlich dünnes Eis, auf dem sich das Leopold String Trio stellenweise bewegt.

Es ist eine zweischneidige Sache: zum einen ist es durchaus sympathisch, dass sich die Mitglieder des Leopold String Trio in einer Art bescheidener Zurückhaltung üben. Für die Interpretation von Mozarts Quartetten ist eine Portion gesunder Egoismus aber nicht unbedingt schädlich - im Gegenteil, da blüht einiges erst auf, wenn die Interpreten Mozart spielerisch die Stirn bieten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 



Kritik von Annette Lamberty,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mozart, Wolfgang Amadeus: Piano Quartet in G minor K 478

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Hyperion
1
16.06.2003
63:01
2002
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
0034571173733
CDA67373

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Mozart, Wolfgang Amadeus


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Interpret(en):Lewis, Paul (Piano)
The Leopold String Trio,


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


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