> > > Kuhnau, Johann: Sämtliche geistliche Werke Vol. 2
Donnerstag, 1. Oktober 2020

Kuhnau, Johann - Sämtliche geistliche Werke Vol. 2

Lohnend


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Johann Kuhnau zu rechtfertigen, ist diskografisch noch deutlich geboten, vielleicht noch mehr als bei manchen seiner Vorgänger oder Altersgenossen. Eine sehr schöne Platte in einer hoch verdienstvollen Reihe.

Schon der erste Teil der Gesamteinspielung des geistlichen Werks Johann Kuhnaus, des im Schatten seines weit strahlkräftigeren Nachfolgers Johann Sebastian Bach fast ganz verschwundenen Thomaskantors, hatte das Publikum begeistert. Also sind die Erwartungen an die jetzt vorliegende Fortsetzung kaum kleiner. Und die Qualität der hier sämtlich erstmals eingespielten Werke überzeugt ebenso wie die überlegene Deutung der beteiligten Ensembles unter der Leitung von Gregor Meyer. Zu hören sind fünf Werke mit einem deutlichen Schwerpunkt auf Ostern, Pfingsten und Trinitatis, formal vielgestaltig, souverän in der fantasievollen variativen Ausgestaltung älterer choraler Vorbilder. Zugleich zeigt die Werkauswahl Kuhnau als Komponisten, dem bemerkenswerte musikdramatische Qualitäten zu Gebote standen, der lautmalerisch und affektstark zu setzen weiß, der entschieden ist in der linearen Erfindung, konsequent auch in harmonischem Wagemut.

Kuhnau wirkt durchaus nicht altväterlich, wie es die über Jahrhunderte Kanon gewordene Überlieferung will, die sicher auch durch die unglücklichen Auseinandersetzungen des ebenso traditions- wie statusbewussten, zudem stupend gelehrten Thomaskantors mit einigen später berühmten, Anfang des 18. Jahrhunderts noch sehr jungen Kollegen und ehemaligen Schülern zusätzlich befeuert wurden: Heinichen, Fasch und Telemann setzten sich mit ihren umfangreichen musikalischen Aktivitäten in Leipzig nicht nur musikpraktisch von Kuhnau ab, sie unterstrichen ihre Reserven dem Älteren gegenüber auch publizistisch wirksam. Das war gewissermaßen Skylla. In die Rolle der Charybdis schlüpfte dann ohne eigenes Zutun Bach: Sein Werk verdeckte in späterer Wahrnehmung beinahe alles vorher Entstandene. Zwischen beiden Gewalten also kaum ein Durchkommen für Kuhnau und seine Musik. Immerhin: Dieses Schicksal hat Kuhnau lange Zeit mit vielen Leidensgenossen geteilt. Gregor Meyer und der Altus David Erler haben es sich nun zur Aufgabe gemacht, Kuhnau wieder mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ein berechtigtes Anliegen, das zeigt die aktuelle Platte mit fünf seiner nur spärlich überlieferten geistlichen Werke deutlich.

Könner mit Begeisterung

Vokal ist das feine Ensemble Opella Musica der Akteur, eine solistisch besetzte Formation, die sämtliche Partien auch der Chorsätze singt: Im Sopran ist Heidi Maria Taubert zu hören, Altus singt David Erler, Tenor Tobias Hunger und Bass Friedemann Klos. Das schöne Potenzial formt sich zu einem harmonischen Quartett, mit charaktervollen, gleichwohl nicht dominierenden, fein balanciert eingebrachten Einzelstimmen. Alle vier Vokalisten bewegen sich gelungen auf dem schmalen Grat zwischen chorischen Anteilen, kleinen Ensembles und tatsächlich solistischer Geste – hör- und fühlbar sehr nah an der Ästhetik Kuhnaus, die noch deutlich vom Geistlichen Konzert älterer Vorbilder geprägt ist, zugleich in späteren Werken mit der Kombination von Rezitativ ästhetisch weiter vorausweist.

Instrumental ist die Camerata Lipsiensis zu hören, die von versierten, aus vielen Kontexten bekannten Könnern getragen wird, denen Kuhnaus Musik hörbar ein echtes Anliegen ist: Die Identifikation mit dem Projekt, das besondere Engagement spürt man unbedingt, was zur Nobilitierung des technisch und stilistisch bemerkenswerten Potenzials der Formation entschieden beiträgt. Eine besondere Note bekommt die in der Georgenkirche in Rötha entstandene Einspielung durch die Verwendung der dortigen Silbermann-Orgel als Continuo-Instrument: Diese Praxis, größer dimensionierte Instrumente anstelle der gelegentlich allzu diskreten Truhenorgeln zu verwenden, wird in jüngerer Vergangenheit wieder intensiver gepflegt. Und die 23 Register des vorbildlich restaurierten Instruments machen einen hervorragenden Eindruck; sie grundieren ein kraftvolles Plenum und begleiten einzelne Sätze mit Charakter und Charme – eine wunderbar eigenständige Farbe. Diese Orgel erweitert das dynamische Spektrum erfreulich deutlich, wenngleich selbstverständlich und zurecht die feine Differenzierung im Vordergrund steht. Das Klangbild gerät klar, es wirkt erwärmt und versammelt, in schöner Balance und überzeugender Staffelung. Die Größe der Orgel ist gelungen integriert. Im Booklet überzeugen Michael Mauls kenntnisreiche Ausführungen deutlich.

Johann Kuhnau zu rechtfertigen, ist diskografisch noch deutlich geboten, vielleicht noch mehr als bei manchen seiner Vorgänger oder Altersgenossen. Eine sehr schöne Platte in einer hoch verdienstvollen Reihe.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Kuhnau, Johann: Sämtliche geistliche Werke Vol. 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
09.12.2016
Medium:
EAN:

CD
761203502028


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Kuhnau, Johann


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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