> > > Händel, Georg Friedrich: Messiah
Mittwoch, 20. September 2017

Händel, Georg Friedrich - Messiah

Duftig leicht


Label/Verlag: Pan Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Daniela Dolci und ihr Ensemble Musica Fiorita bieten einen oft kammermusikalisch leichten 'Messias'. Konsequenz und Klasse der aktuellen Einspielung sind bemerkenswert.

Georg Friedrich Händels 'Messiah' ist ein oratorisches Wunderwerk: Ohne eigentlich dramaturgische Konstellation im philosophisch und religionspolitisch hochinteressanten Libretto, hat Händel es in einem genialen Wurf binnen dreier Wochen im Sommer 1741 zu einem packenden Ganzen geformt, auf der künstlerischen Höhe all seiner Möglichkeiten, die inhaltliche Vielfalt gebändigt, spürbar durchdrungen, inspiriert und schlüssig. Interessant ist in der Besetzung des 'Messias' das Moment des Klaren, Leichten, auffallend Schmalen - angesichts der Größe des Themas ist es in der Tat frappierend, auf welchen Kosmos barocker Affektmöglichkeiten Händel hier verzichtet. An wenigen herausgehobenen Stellen kommen Trompeten und Pauken zum Einsatz, ansonsten neben Streichern nur Oboen und Fagott über dem Basso continuo. Auf diesen speziellen Umstand hin hat die in Basel ausgebildete Sizilianerin Daniela Dolci eine gemeinsam mit ihrem Ensemble Musica Fiorita eingespielte Deutung des Messias ausgerichtet: Es sollte ein Klang entstehen, der frei ist vom Ballast der Epoche romantischer Wiederentdeckung, von schierer Größe im Chorischen, von allzu selbstverständlich großen Besetzungen bei den Instrumenten. Und Dolci wollte sich auf diese Weise auch Spielräume für eine besonders rhetorische Deutung schaffen, die abseits ausgetretener Pfade manchen Satz überraschend wirken lässt. Insofern ist ein neuer Messias allemal gerechtfertigt, darin kann man Daniela Dolci beipflichten. Auch wenn es in der Vergangenheit schon überzeugende Annäherungen ähnlicher ästhetischer Ausrichtung gegeben hat, zum Beispiel maßstäblich und preisgekrönt durch das schottische Dunedin Consort und John Butt. Freilich scheint Dolcis Beobachtung zutreffend, dass gerade der Messias noch immer diesen Impuls braucht. Scheint er in der musikpraktischen Präsenz unserer Tage nicht länger als zum Beispiel Bachs Passionen dem selbstverständlichen und bestens fundierten Trend zu klanglicher Verschlankung zu widerstehen?

Zur Ausführung

Instrumental kommt die schlanke Besetzung hervorragend zur Geltung, wirkt sie ausgesprochen eloquent, von den wenig dominanten Violinen über die Naturtrompeten ohne Fingerlöcher und das knarzende Fagott bis zum reich differenzierten Continuo-Bass. Alle Stimmen werden mit Klasse zur Entfaltung gebracht, in reicher Nuancierungskunst und auch mit erstaunlichem Temperament. Verzierungen sind leichthändig und im richtigen Maß eingefügt, die Zupfinstrumente spielen ihren Part mit dekorativer Fantasie, in freier Ausdeutung. Die Anlage der Tempi ist schlüssig; Daniela Dolci gibt ihrem Ensemble Zeit zum Ausmusizieren. Mancher Satz gerät in der Folge konsequenter rhetorischer Grundierung auch überraschend: Wenn in der Bass-Arie 'The people that walked in darkness' die Streicher gemeinsam mit dem Bassisten und dem umherirrenden Volk auf der Suche sind, drückt sich das in extrem schwankenden Tempi aus –gewöhnungsbedürftig, aber konsequent. Auch dynamisch sind etliche feine Differenzen vernehmlich, wird eine lichte Gesamtanlage geformt, die sich freilich aus verhaltenem Beginn auch zu einiger Größe aufschwingen kann, so wie im erfreulich reflektiert gestalteten 'Hallelujah'.

Artikulatorisch bewegen sich die Instrumente in beständigem Dialog mit den vokalen Partien, liefern sie Chor und Solisten eine rhythmisch pointierte, oft vibrierende Grundlage. Solistisch sind die Sopranistin Miriam Feuersinger, der Altus Flavio Ferri-Benedetti, der Tenor Dino Lüthy und der Bass Raitis Grigalis zu erleben. Feuersinger ist für Daniela Dolcis Deutungsansatz eine glänzend geeignete Besetzung, ihre Stimme ist leicht, technisch stark, dennoch hochexpressiv und reich an Farbwerten – all das bringt sie überzeugend ein. Flavio Ferri-Benedetti, dem Rezensenten bislang nicht bekannt – eine kaum verzeihliche Nachlässigkeit, wie das Studium diverser Quellen leicht zu zeigen geeignet war –, ist eine echte Entdeckung, setzt mit seinen Beiträgen ein vokales Glanzlicht der Produktion: Er singt lyrisch makellos, agiert technisch beeindruckend, ist gesegnet mit einer stupenden dramatischen Autorität – bietet mithin alles, was seine vor allem im ersten Teil des Messias raumgreifende Partie verlangt. Dem Tenor Dino Lüthy gelingt mit dem Accompagnato-Rezitativ 'Comfort ye, comfort ye my people' und der nachfolgenden Arie 'Ev‘ry valley shall be exalted' ein rundum überzeugendes, selbstbewusstes Entree – wesentlich für das Gelingen des gesamten Oratoriums. Lüthy verfügt über einen schönen lyrischen Ton und edle Kraft, ist auch in den Koloraturen sattelfest. Einzig ein etwas rauer Beilaut in manch hellem Vokal irritiert gelegentlich. Schließlich singt Raitis Grigalis die Bass-Partie: Mit Blick auf die oft von voluminösen, wirklich tiefen Stimmen geprägte Diskografie der Partie ist sein vergleichsweise heller, schlanker Bariton durchaus eine Überraschung, freilich eine, die sich in das Grundkonzept der vor allem luziden Deutung einfügt. Er gewinnt in seiner fordernden Partie deutlich an Statur, ist ein auffallend differenzierter Gestalter. Allerdings verleiht er seiner durchaus ansprechenden Tiefe gelegentlich etwas zu sehr Nachdruck, als misstraue er deren ansprechender Wirkung. Schnelle Koloraturen wie in der virtuosen Arie 'Why do the nations so furiously rage together' sind zu sehr aspiriert, auch die englische Diktion ist nicht unbedingt ideal zu nennen – bei den anderen drei Solisten, sämtlich keine Muttersprachler, dagegen sehr überzeugend.

Die chorische Größe ist der bei John Butts Aufnahme vergleichbar: Bei Dolci sind es jeweils drei Vokalisten pro Stimmgruppe, bis auf den Sopran je der Solist und zwei Ripienisten. Das sorgt ganz natürlich für einen leichten, grazilen, durchscheinenden Ensembleklang, der sich vor allem in den gelegentlich durch die effektvollen Chorsätze wehenden polyphonen Passagen bestens bewährt. Die solistische Vokalsphäre wird bemerkenswert bruchlos fortgeführt. Doch ist auch dynamische Steigerung bis zum erfreulich substantiierten Forte zu hören, nur gelegentlich von einem etwas zu dezidierten Klangwollen getrübt. Tenor und Bass zahlen virtuoser Rasanz mit gelegentlichen Wacklern Tribut, exemplarisch in 'And He shall purify' und 'His yoke is easy, His burthen is light' nachzuhören. Technisch ist das Klangbild der im Herbst 2015 im schweizerischen Binningen entstandenen Aufnahme erfreulich groß und stimmungsvoll, so dass der luzide Interpretationsansatz seine Wirkung entfalten kann, ohne je schmalbrüstig zu wirken. Für die nötige Balance und eine schöne Tiefenstaffelung ist gesorgt – ein wirklich gelungenes Porträt der Musik und der Idee.

Daniela Dolci und ihr Ensemble Musica Fiorita bieten einen luftigen, oft kammermusikalisch leichten 'Messias', der mit dezidierten, gleichwohl maßvollen Kontrasten lebendig gestaltet wird. Auch wenn schon früher bemerkenswert konzentrierte Töne in Händels 'Messias'-Reich zu hören waren, sind doch Konsequenz und Klasse der aktuellen Einspielung bemerkenswert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Händel, Georg Friedrich: Messiah

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pan Classics
2
07.10.2016
EAN:

7619990103511


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Händel, Georg Friedrich


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Pan Classics

Gegründet 1992 vom Musikhaus Pan in Zürich, wurde das Label 1997 von den Tonmeistern Clement Spiess und Koichiro Hattori übernommen. 2011 entschloss man sich zu einem radikalen Neuanfang: Der umfangreiche Katalog wurde gelichtet und die verbliebenen Aufnahmen erhielten ein neues, attraktives Erscheinungsbild. Den CDs wird so ein unverwechselbares Äußeres mit einem hohen Wiedererkennungswert verliehen. Geblieben sind dagegen die Vorliebe für außergewöhnliches Repertoire und der Anspruch, mit renommierten Musikern und Ensembles einen künstlerisch hochwertigen Katalog zu schaffen. Zu diesen Künstlern zählen Namen wie die Hammerklavier-Spezialisten Edoardo Torbianelli und Arthur Schoonderwoerd, der Tenor Jan Kobow u.v.a.


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