> > > Schumann, Robert: Sinfonien Nr. 2 & 4
Dienstag, 17. Oktober 2017

Schumann, Robert - Sinfonien Nr. 2 & 4

Auf der Suche nach dem Neo-Espressivo


Label/Verlag: ICA Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine so lebhaft mitreißende, präzise und doch hochemotional musizierte Aufführung der C-Dur-Symphonie von Schumann wie hier mit Antonio Pappano und seinem bravourösen römischen Orchester findet man sicher selten.

In Schumanns Zweiter Sinfonie von 1845 können, musikalisch gut inszeniert, besonders die langen Entwicklungsbögen beindrucken: ein sich sukzessive veränderndes Stimmungsgeflecht, in dem jede Tempo-Wahl und -Veränderung ungemein wirkungsvoll sein kann. Auf Pappanos Geschick in der dramaturgischen Leitung eben dieses Werks im November 2012 nimmt schon Nicholas Attfield in seinem klugen Einführungsessay Bezug: In der Tat bergen die Tempi von Beginn der 'Sostenuto assai'-Einleitung an eine Spannung, die in den Bann zieht: Von Beginn an flott und spürbar beherzt dirigiert Pappano das Orchester der Accacemia Nazionale di Santa Cecilia (schon seit 2005 ‚sein‘ intensiv eingestimmter symphonischer Klangkörper jenseits der Opern-Chefposition am Londoner Covent Garden), er lässt Akzente wirken, den Bläserchor kurz innehalten, die tiefen Streicher kontrapunktisch beim pilgernden Fortgang flankieren. Das schöne Intermezzo zum Streicher-Tremolo trägt und erträgt die kurze, durchaus opernbühnenhafte Zuspitzung auf allen Kompositionsebenen vor dem Einstieg in das drängende Thema des Hauptsatzes. Wie Toscanini beherrscht Pappano die Kunst, ohne zu starken Kontrast und Tempi-Bruch doch den kleinsten dramatischen Neuimpuls in kleinen Tempoveränderungen einzufangen und als situativen Affekt zu vermitteln. Beeindruckend, wie in diesem Konzertmitschnitt – man muss sich das immer wieder ins Gedächtnis rufen – organischste Accellerandi gelingen, wie dabei in den Phrasierungen die Bögen und Akzente aller Stimmen übereinstimmen, alles gemeinsam atmet und durchlebt.

Die grandiose Steigerungsstelle in der Durchführung, wo sich dieselbe Sequenz immer lauter, drastischer, drängender in wechselnden Orchesterfarben nach oben schraubt, bis die Blechfanfaren (kurz) stoppen, gelingt so, dass man wahrlich in ein Celibidachisches Loblied der Live-Aura einstimmen möchte, so überlegen klingt das zunächst jedem denkbaren Studio-Kalkül gegenüber, auch in der Erinnerung an die unzähligen gehörten Kopfsätze um Karajan, Muti, Gardiner. Gerade John Eliot Gardiner, 1997 historisierend mit seinem Orchestre Révolutionnaire et Romantique auf ähnlichen Allegro-ma-non-troppo-Drive trimmend, mag als Gegenpol hervorragend herhalten in seiner für sich im durchsichtigeren Spaltklang ebenso enervierenden und beeindruckenden Aufnahme aus Watford, der Pappano mit seinen orchestral wieder viel fülliger wirkenden, von seinen italienischen Bläsern auch solistisch hervorragend getragenen Übergängen der Klang- und Rhythmusschichten an Präzision und Abenteuer keineswegs nachsteht. Es ist der wieder hinzukommende alte Espressivo-Touch, der gegenüber Gardiner, aber auch allen ‚älteren‘ Aufnahmen einer neueren ‚sachlichen‘ Orchestertradition so stark berührt wie eine gut dirigierte Verdi-Oper: Das 'Adagio espressivo' als Herz-Stück jeder Viersatz-Zyklus-Vision blüht geradezu auf in gefühlvoller Einstimmung der Soli: Oboe, Klarinette, die schöne Kombination Flöte und Fagott wie gesagt meisterhaft gespielt in diesem von Pappano über ein Jahrzehnt wieder gut geformten Weltklasseorchester.

Opus 61: Ein Ritterspiel, eine Oper ohne Worte

Im Scherzo von Opus 61 treibt hingegen die stichig-aggressive Streichervirtuosität die Blüten, konterkariert im idiomatisch perfekt kontrastierenden Trio-Blumenstück. Angesichts Schumanns Oper 'Genoveva' mag man auch in der C-Dur-Symphonie die streitenden Ritter und das harrende Fräulein imaginieren, anders als dort mit happy end im grandiosen Hochzeitsfinale mit den am Ende fast sakral ‚hingenommenen Liedern‘ (gerade auch Roberts an Claras Herz). Welche Euphorie die Musiker stringent über die ganze Symphonie hinweg in diesem Finale entfachen, macht der anschließend hereinbrechende Sturm des Applauses mehr als deutlich.

Dass danach noch ein weiterer Programmpunkt folgt, tut diesem schwer: Die d-Moll-Symphonie, Schumanns eigentliche Zweite von 1841 in der revidierten Fassung von 1851, ist so ein gänzlich anders verlaufendes, nirgends solche Euphorie des treibenden Liebens und Leidens hervorkehrendes Stück. Pappano suchte ihm – ebenfalls im Konzert zwei Jahre vorher (November 2010) – genauso im Detail situativ gerecht zu werden, jedoch ohne den im Momentum bereits zum nächsten weisenden Schwung: Der Kopfsatz wirkt – insbesondere nach dem vorherigen Schumann-Erlebnis – insgesamt ziemlich statisch, die musikalische Abschnittsfolge wird eher verkettet als verzahnt und vermischt. Klangliche Delikatessen gibt es auch hier, besonders im Finale (Blechbläser). Im solistisch ausgesteuerten Holzbläser- und Streicher-Gesang der 'Romanze' bleibt die Stimmung überraschend etwas neutral, obwohl alles wie später oder vorher in der Zweiten von Giacomo De Caterini klar und breit aufgezeichnet und klangtechnisch sehr passend und plastisch in der britischen Nachproduktion ‚gemixt‘ wurde.

Das Label ICA Classics, eine ehemalige EMI-Tochter, die neben Warner offenbar die Live-Produktionen mit Pappano übernommen hat, liefert hier eine lobenswerte handwerkliche Arbeit im Zuge der berechtigten Dokumentation einer Sternstunde der Schumann-Interpretation, auch wenn die Repertoire-Ergänzung mit der Vierten eher nur den Rest-Raum des Tonträgers nutzen als die herausragende Qualität der Zweiten nochmal erreichen kann (Interpretation hier eher nur drei Sterne). Im Hinblick auf eine Gesamtaufnahme Pappanos der Schumann-Symphonien (Frühlings- und Rheinland-Symphonien sind noch nicht erschienen) kann man also einerseits hoffen, andererseits aber auch die Notwendigkeit in Frage stellen: Furtwänglers Espressivo oder James Levines sachlich-perfektionistischen rhythmisch-dramaturgischen Elan – mit dem Philadelphia Orchestra (RCA 1978), wo allerdings gerade der d-Moll-Schlusssatz in der Tempi-Gestaltung ziemlich misslingt – erreicht Pappano offenbar auch nicht immer. Wenngleich im rechten Augenblick offenbar für ihn und sein Orchester zumindest einmal der größte Wurf möglich war.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schumann, Robert: Sinfonien Nr. 2 & 4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ICA Classics
1
26.08.2016
EAN:

5060244551398


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Schumann, Robert


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ICA Classics

Mit ICA (International Classical Artists) entstand im Jahr 2011 das erste DVD- und CD-Label einer Künstleragentur. ICA bietet in seinem Katalog unter dem Label Legacy sowohl wertvolles Archivmaterial, das aus Quellen der BBC, des WDR Köln oder des Boston Symphony Orchestra stammt, als auch die in renommierten Konzertsälen entstandenen Aufnahmen der hauseigenen Künstler, die unter dem Label Live präsentiert werden. Die meisten der ICA-Titel erscheinen erstmals auf DVD oder CD. Alle historischen Aufnahmen sind nach dem neuesten Stand der Technik liebevoll und fachmännisch restauriert worden.

Für diese einmaligen Aufnahmen wurde das Label ICA bereits mit bedeutenden Preisen - wie dem Toblacher Komponierhäuschen, dem Internationalen Mahler Preis und mehreren Diapasons d'Or geehrt. Zu den besonders erfolgreichen Titeln gehören die 1986 entstandene Aufnahme von Mahlers Dritter mit Klaus Tennstedt und dem London Philharmonic Orchestra sowie die DVD mit dem Royal Philharmonic Orchestra und dem BBC Symphony Orchestra unter Rudolf Kempe mit Musik von Dvorak und Richard Strauss.

Das Team von ICA, dem auch die in der Musikindustrie erfahrenen Experten Stephen Wright und John Pattrick angehören, war in den vergangen Jahren am Erfolg von zahlreichen CD- und DVD-Produktionen beteiligt. Dazu gehören beispielsweise The Art of Conducting, The Art of Piano, The Art of Violin sowie die DVD-Serie Classic Archive. Darüber hinaus entstanden in Koproduktion Dokumentationen über Richter, Fricsay, Mravinsky und Toscanini. Das bereits 1998 gegründete BBC Legends Archiv-Label umfasst mittlerweile mehr als 250 CDs. Für EMI Classics entstand die CD-Serie Great Conductors of the 20th Century.


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