> > > Lachenmann, Helmut: Streichquartette
Freitag, 28. April 2017

Lachenmann, Helmut - Streichquartette

Ganz nah dran


Label/Verlag: Neos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Stadler Quartett interpretiert Helmut Lachenmanns Streichquartette in einem von Caroline Siegers gestalteten visuellen Rahmen.

Helmut Lachenmanns Streichquartette, zwischen 1971 und 2001 komponiert, sind mittlerweile im Repertoire einiger jüngerer Ensembles verankert; drei sehr gute Gesamtaufnahmen – jene vom Arditti String Quartet (Kairos, 2008), jene vom Stadler Quartett (NEOS, 2010) und die erst vor zwei Jahren veröffentlichte Interpretation des JACK Quartet (mode records, 2014) – machten die Werkgruppe bislang für den Interessierten auf CD erreichbar. Dass das Label NEOS nun seine zunächst im SACD-Format auf den Markt gebrachte Einspielung mit dem Stadler Quartett (Peter Stadler und Izso Bajusz, Violine; Predrag Katanic, Viola; Peer Sigl, Violoncello) auch als DVD herausbringt, ist eine beachtliche und begrüßenswerte Entwicklung und verleiht der häuslichen Annäherung an die Musik eine völlig neue Dimension. Dies ist umso mehr der Fall, als der Zugang des österreichischen Ensembles sich hinter keiner der übrigen Interpretationen zu verstecken braucht und ihnen aufgrund der visuellen Dimension sogar weit überlegen ist.

Wer Lachenmanns kompositorische Innovationen – die sogenannte ‚musique concrète instrumentale‘ – allein auf ihre klangliche Seite beschränken will, wird der Angelegenheit nicht gerecht: Wenn der Komponist vom ‚Klang als charakteristischem Resultat und Signal seiner mechanischen Entstehung und der dabei mehr oder weniger ökonomisch aufgewendeten Energie‘ ausgeht und ihn als ‚Nachricht von seinen Entstehungsbedingungen‘ bezeichnet, so geht es nicht nur darum, die energetischen Momente der Tonproduktion deutlich zu machen, sondern diese Momente auch als visuelle Akte zu präsentieren. Das ungewöhnliche Aktionsspektrum fügt sich also zu einem der Musik eingeschriebenen theatralen Zusammenhang, der durch die Hörsituation allein gar nicht vermittelbar ist, sondern auf jeden Fall des Bildes bedarf. Insofern ist die DVD frappierend, weil sie den Blick ganz nah an das Geschehen heranführt und genau auf diesen Aspekt fokussiert.

Visuelle Inszenierung

Tatsächlich rückt Caroline Siegers mit ihrer sorgfältigen und durchdachten Bildregie (Kamera: Rainer Christoph) viele mit der Klangerzeugung verbundene Details ins Bild, auch wenn sie dabei notwendigerweise oft einen der Musiker selektieren muss, wodurch ihr Blick in gewissem Sinn zugleich eine visuelle Filterung des Geschehens ist. Dass die Regisseurin aber keineswegs eine Dokumentation im Sinn hat, sondern eine künstlerische Annäherung an die Musik anstrebt, lässt sich daran ablesen, dass sie für jede der drei Kompositionen eine jeweils individuelle visuelle Lösung findet. So filmt sie 'Gran Torso, Musik für Streichquartett' (1971–72/78/88) vollständig in Schwarzweiß – die Musiker in schwarzen Hosen und weißen Hemden – und schafft dadurch eine gewisse Distanz zur oftmals scharfen, aggressiven Klanglichkeit, wobei sie den kompositorischen Strategien zugleich die filmischen Gestaltungsmittel Schnitt und Montage zuordnet.

Die zarten Rauschklänge des zweiten Streichquartetts 'Reigen seliger Geister' (1988–89) hüllt Siegers dagegen – unterstützt durch die weißen Anzüge der Interpreten – in warme Farbtöne, während zugleich fließende Kamerabewegungen und langsame Überblendungen der Bildausschnitte das Ineinandergleiten von Lachenmanns rauschenden, zwischendurch immer wieder zum Ton findenden Streicherklängen auf subtile Weise unterstreichen. Erst wenn sich das stark rhythmusbetonte Spiel der Instrumentalisten auf gezupften und angeschlagenen Saiten durchzusetzen beginnt, geht Siegers zu Schnittmontagen und raschen Schwenks über, um dann am Ende mit der Rückkehr zu den initialen Klangsituationen wieder stärker auf Überblendungen zurückzugreifen.

Die filmische Umsetzung des Dritten Streichquartetts 'GRIDO' (2000–01) wirkt danach wie eine Art Synthese der vorher verwendeten visuellen Verfahren. Die Regisseurin inszeniert die Musiker – mit schwarzer Kleidung – in Farbe und arbeitet unter Rückgriff auf Schnitte und Überblendungen musikalische Zusammenhänge heraus, indem sie die Fortsetzung einzelner Aktionen durch andere Musiker stärker thematisiert. Dabei fasst sie – ganz dem kompositorischen Zugang Lachenmanns entsprechend – das Quartettensemble als ein großes, 16-saitiges Meta-Instrument auf und inszeniert die einzelnen Musiker immer wieder durch Einsatz kunstvoller Mehrfachüberlagerungen von Bildinhalten.

Interpretation

Siegers visuelle Lesart von Lachenmanns Streichquartetten profitiert von einer makellosen und mitreißenden musikalischen Umsetzung. Unterstützt von einer klaren, tiefenscharfen Stereo-Tonqualität, die jede feinste Nuance – jeden Klangschatten, jedes nach so zarte Rauschen oder Schaben, aber auch die pulsierenden Überlagerungen von nahe beieinander liegenden Flageolettfrequenzen – hörbar werden lässt, liefert das Ensemble einen extrem klangsinnlichen, energetischen Zugang zur Musik, geprägt von traumwandlerischen Sicherheit, ja Selbstverständlichkeit im Umgang mit den komplexen Notentexten. Von Anfang an machen die Musiker deutlich, dass die von Lachenmann ausformulierten Materialbefragungen, der Wunsch des Komponisten, die Musik von den mechanischen Vorgängen bei der Entstehung des Klangs künden zu lassen, auch als körperliche Herausforderung zu verstehen sind. So tragen die teils extremen Haltungen von Bögen und Instrumenten, die Anstrengungen beim Hervorbringen experimenteller Spieltechniken oder die gestisch geprägten Aktionen als körperbezogene Elemente ganz wesentlich zum musikalischen Gehalt der Werke bei.

Darüber hinaus unterstreicht die DVD aber auch, dass die Veränderungen von Lachenmanns Klangsprache über drei Jahrzehnte hinweg mit einer Modifikation des körperlichen Aktionsspektrum verbunden ist, was wiederum entscheidende Konsequenzen für die Kommunikation der Musiker untereinander hat und zudem mit einer Anpassung der musikimmanenten Theatralik einhergeht. Insofern ist diese Edition nicht nur ein wichtiger Schritt in Richtung auf ein umfassendes Verständnis von Lachenmanns Arbeit und deren interpretatorischem Vollzug, sondern auch – für all jene, die bislang eine Begegnung mit den drei Streichquartetten gescheut haben – eine ideale Gelegenheit, sich den Werken zum ersten Mal anzunähern.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:








Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Lachenmann, Helmut: Streichquartette

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Neos
1
12.08.2016
EAN:

4260063510014


Cover vergössern

Lachenmann, Helmut


Cover vergössern

Neos

NEOS ­ das neue Label für Zeitgenössische Musik, das seit Mitte Mai 2007 auf dem deutschen, seit Oktober 2007 auch auf dem internationalen Markt präsent ist. Im Zentrum der Neuveröffentlichungen stehen Kompositionen des  20. und 21. Jahrhunderts - die Betonung liegt dabei auf Welt-Ersteinspielungen.

Insofern setzt Wulf Weinmann den bei seinem früheren Label col legno eingeschlagenen Weg konsequent fort. Langjährige frühere Partner wie  das Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), die Donaueschinger Musiktage des SWR, die musica viva des Bayerischen Rundfunks oder die Salzburger Festspiele haben die Zusammenarbeit mit Weinmann auch für die Zukunft vereinbart.

Inzwischen weitet sich NEOS programmatisch aus: Vier Produktlinen entwickeln sich im Kontext Neuer Musik in Zusammenarbeit mit Komponisten und Interpreten, die über ein weit gespanntes Repertoire verfügen: Aufnahmen, die Tradition und Moderne verbinden, Werke früherer Meister in bisher nie oder selten gehörten Interpretationen meist originaler Bearbeitungen sowie eine Jazzlinie mit Musikern, die man eher aus der zeitgenössischen Musikszene kennt, wie Olga Neuwirth oder Mike Svoboda.

NEOS veröffentlicht pro Jahr ca. 40 CDs, SACDs und DVDs, die weltweit (z.B. in Deutschland über helikon harmonia mundi) vertrieben werden. Hohe technische Qualität der Aufnahmen ist selbstverständlich. Auch Design und ansprechende Verpackung sind zentrales Anliegen: Alle Produktionenerscheinen in Digipacks mit ausführlichen Textinformationen und Illustrationen.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Von Prof. Dr. Stefan Drees zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Frischer Wind: Das JACK Quartet tritt mit einer Gesamtaufnahme von Helmut Lachenmanns Streichquartetten mit dem Arditti String Quartet in Konkurrenz. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, 09.05.2014)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Neos:

  • Zur Kritik... Zersplitterte Formen: Die sechste Ausgabe der Mahnkopf-Edition bei Neos ist ein hochwertiges Produkt der engen künstlerischen Zusammenarbeit zwischen dem Ensemble SurPlus und dem Komponisten Claus-Steffen Mahnkopf. Weiter...
    (Jasemin Khaleli, )
  • Zur Kritik... Von Dido zu Aeneas: ergreifende Perspektivwechsel: Ein faszinierendes Konzeptalbum: Gilead Mishory stellt in einer eigenen Klavierkomposition Aeneas als den Verlassenden ins Zentrum, umgeben von Clementis und Tartinis Betrachtungen der Verlassenen Dido in Affekte kontrastierenden Sonatensätzen. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Feinsinnige Klangsuche: Mit zwei exzellenten Mitschnitten von konzertanten Kompositionen Salvatore Sciarrinos setzt das Label Neos seine Musica-Viva-Reihe fort. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Neos...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Dr. Stefan Drees:

  • Zur Kritik... Erstklassige Quartettperformance: Mit einer exzellenten Live-Einspielung von Werken der Komponisten Emanuel Nunes, Alfred Zimmerlin, Morton Feldman und Helmut Lachenmann liefert das Arditti Quartet einen Beleg für seine beachtliche Gestaltungsfähigkeiten. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Wiederentdeckter Schatz: Der Geiger Henning Kraggerud widmet sich dem wiederentdeckten Violinkonzert von Johan Halvorsen und kombiniert es mit dem ambitionierten Gegenstück von Carl Nielsen. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Canzonensammlung aus der italienischen Spätrenaissance: Das Ensemble Le Vaghe Ninfe widmet sich in einer farbenfrohen Einspielung dem Komponisten Marc'Antonio Mazzone. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Dr. Stefan Drees...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Game of Scores: Stefan Fraas und die Vogtland Philharmonie bleiben ihrer Spezialität treu und legen ihre dritte SACD voller populärster Film- und Serien-Erkennungsmelodien von Bonanza bis zum Drachenzähmen vor. Wirklich abwechslungsreich? Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Gänsehaut-Spätromantik aus Schweden: Können nur heimische Orchester die Musik ihrer Landsleute optimal zum Klingen und Leuchten bringen? Die Aufnahme der Fünften Sinfonie von Kurt Atterberg mit dem Nationalen Schwedischen Sinfonieorchester legt dies nahe. Weiter...
    (Dr. Eckehard Pistrick, )
  • Zur Kritik... Der Klang der Reformation: Die vorliegende Aufnahme liefert einen umfassenden Querschnitt durch die Musik der Reformation. Bemerkenswert ist sowohl die differenzierte Klangsprache der einzelnen Werke als auch die Ausdrucksvielfalt der Stimmen und Instrumente. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (4/2017) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (1/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Felix Draeseke: Quintett für 2 Violinen, Viola und 2 Violoncelli op. 77 - Langsam und getragen

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich