> > > Enescu, George: Childhood Impressions
Montag, 10. August 2020

Enescu, George - Childhood Impressions

Überhaupt nicht kinderleicht


Label/Verlag: ARS Produktion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das junge und ebenso vielversprechende Kammermusikduo Stefan Tarara und Lora Vakova-Tarara spielt drei bedeutende Werke von George Enescu. Damit schließen die beiden nicht bloß eine Lücke auf dem Tonträgermarkt, sondern füllen diese gleich noch mit Musikalität und Fingerspitzengefühl.

Unter dem Titel ‚Kindheitserinnerungen‘ vervollständigen Stefan Tarara (Violine) und Lora Vakova-Tarara (Klavier) ihre Einspielung der großen Werke für Violine und Klavier des Komponisten George Enescu (1881–1955). Bedauerlicherweise ist sein Schaffen derzeit in Musikhistoriographie und Konzertleben nur am Rande präsent. Der Name ist zwar vielen ein Begriff, dennoch stehen Enescus Werke nur selten auf dem Programm. Seine vier Sinfonien, die Konzerte oder auch das Concertante für Cello sind im Konzertleben überhaupt nicht vertreten.

Dass Enescu ein völlig zu Unrecht in Vergessenheit geratener Komponist aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist, beweist das Kammermusikduo eindrucksvoll auf seiner mittlerweile zweiten Einspielung. Auf ihrer ersten CD ‚The Sound of the 20s‘, die im vergangenen Jahr ebenfalls beim Label Ars Produktion erschienen ist, war bereits die Sonate Nr. 3 neben Werken von Bloch, Ravel und De Zeegant zu hören. Nun spielen sie die beiden Sonaten op. 2 in D-Dur und op. 6 in f-Moll (beide sind vor Enescus 20. Geburtstag entstanden). Abgerundet wird die Zusammenstellung von den 'Impressions d‘enfance', den Impressionen aus der Kindheit op. 28 – zu deren Kompositionszeit der Schöpfer bereit seinen 60. Geburtstag erreicht hatte. Sie sind ein persönlicher und kompositorischer Rückblick auf seine eigene Kindheit. Insofern scheint sich hier in zweierlei Hinsicht der programmatische Bogen zu schließen, denn auch die Faszination des Violinisten Stefan Tarara für Enescus Kompositionen wurde schon in jungen Jahren geweckt. Mittlerweile ist er ein mit vielen nationalen und internationalen Preisen dekorierter Künstler und ein vielversprechendes Talent im gegenwärtigen Konzertwesen. Auch seine Duo- und Lebenspartnerin Lora Vakova-Tarara kann zahlreiche internationale Auszeichnungen vorweisen. Dass sich die beiden auch auf musikalischer Ebene zusammengetan haben, habe sich letztlich so ergeben, wie die beiden sagen.

Enescu lotet in seinen Werken die Möglichkeiten des Duos Violine-Klavier auf unterschiedliche Weise aus. Auch wird hier der Weg des Komponisten von einer romantisch geprägten Tonsprache hin zu seinem individuellen Ausdruck in vielen Kammermusikwerken und seiner persönlichen Auseinandersetzung mit seiner rumänischen Heimat eindrucksvoll vorgestellt. Die beiden frühen Sonaten bilden hierbei den Ausgangspunkt für sein späteres Schaffen. Beispielsweise wird man eine Parallelführung der Stimmen wie in den Sonaten in den späteren 'Impressions d‘enfance' so nicht mehr hören.

Die beiden Musiker begegnen allen Herausforderungen dieses Repertoires mit technischer Brillanz, virtuoser Frische und Ernsthaftigkeit. Dass sie aufeinander eingespielt sind und in herrlicher Weise miteinander harmonieren, muss wohl nicht extra herausgestellt werden. Während die beiden frühen Sonaten spielfreudig, virtuos und mit lebendigen Klangeffekten aufwarten, zeichnet sich das spätere Werk durch eine sehr bildhafte Tonsprache aus, welche die zehn Charakterstücke miteinander verbindet. Die Sonaten sind zudem dreisätzig konzipiert und der langsame Mittelsatz wird von zwei lebhaften Sätzen eingerahmt – ein zeitloses Vorbild.

Den fulminanten und packenden Einstieg bildet die Sonate Nr. 1 op. 2. Von Beginn des 'Allegro vivo' an stellt das Duo sein musikalisches Gespür unter Beweis. Das Spiel ist intensiv und spannungsreich, auch wird mit Verve musiziert. Tararas Pizzicati sind hart und klangvoll, dennoch nicht zu scharf. Am Klavier gelingt es Vakova-Tarara mühelos, vom zurückhaltenden Begleiten lyrisch in den Vordergrund zu treten und wieder ins zweite Glied zurückzutreten. Bei diesem Duo macht es Spaß, der in bestem Sinne wilden und lebendigen Interpretation zu folgen. Abwechslungsreich und mit einer enorm schattierten dynamischen Abstufung kommt hier ein sehr kontrastreicher Enescu zu Gehör. Die lyrischen Momente stahlen eine sanfte Ruhe aus, die immer wieder anfangen kann zu brodeln. Auch das 'Allegro' des op. 2 gelingt zupackend und akzentuiert. Tarara gestaltet seinen Violin-Part plastisch, aber vergisst darüber die große Linie nicht. Vakova-Tararas Anschlag passt sich seinem Spiel an und behält dennoch ihre gestalterische Eigenständigkeit bei. Ihr hartes Anspiel gibt zudem der kräftigen Gestaltung des Violin-Parts mehr Tiefe. Mühelos wechseln beide von Begleitung zu melodiöser Führung. Bei dieser insgesamt so fesselnden Interpretation mag man über seltene und nur minimale intonatorische Ungenauigkeiten – insbesondere in dieser ersten Sonate – gerne hinwegsehen.

Der erste Satz der zweiten Sonate 'Assez mouvemente' besticht durch herrliche Stimmungseinfärbungen, die von nachdenklich und melancholisch bis verträumt reichen. Der leise murmelnde Beginn steigert sich zügig, und die hohen Gesänge in der Violine werden vom Klavier in sanft perlenden Läufen untermalt. Auch hier ist die Gesamtlinie äußerst stimmig, und die beiden erklimmen immer wieder kleine Höhepunkte. Das 'Vif' des op. 6 erstrahlt in einer drängenden Leidenschaftlichkeit, die durch feinsinnige dynamische Abstufungen noch zusätzlich an Lebendigkeit gewinnt.

Im solistischen 'Ménétier' der 'Impressions d‘enfance' zeigt Stefan Tarara endgültig seine ganze virtuose Klasse. Die 10 Miniaturen sind farbenfroh und detailreich, voller vielfältiger spieltechnischer Angaben, experimenteller Klanggebungen und Vortragsanweisungen, die vor allem zur starken Differenzierung des Violinspiels beitragen sollen. Das Duo weiß die von Enescu hier entwickelte eigene Klangwelt anzufassen und wiederzugeben – und zwar ohne falsche Zurückhaltung. Im 'L‘oiseau en cage et le coucou au mur' klingen der Violinpart und die tonmalerische Gestaltung fast wie beiläufig, sodass man wirklich meint, ein Vogel flöge vorbei. Oder auch im 'Vent dans la cheminée', in dem der tosende Charakter des Windes sich im 'Tempete au dehors, dans la nuit' zu einem bedrohlichen Sturm entwickelt, den die beiden hier mit kräftigen Farben malen. Im 'Lever de soleil' gelingt der Klang zu Beginn hingegen wunderbar silbrig und teilweise schwebend – ein enormes Kontrastbild.

Um ein paar kritische Worte zum Layout kommt man bei dieser CD (leider) nicht herum. Inhaltlich gut und reich an Informationen, führt die graphische Umsetzung diese Linie leider nicht fort. Das Cover wartet mit einer kindlichen und bunten Schriftgestaltung auf (dies mag Geschmackssache sein, wirkt hier allerdings eher wie ein Mid- oder gar Low-Price Produkt), die beiden Musiker blicken ernst in unterschiedliche Richtungen und haben keinerlei optischen Berührungspunkte. Für ein Kammermusikduo ein zweifelhaftes Statement – vor allem auf dem Cover. Auch die restlichen Bilder sind von ernsten Gesichtern und einer eher düsteren Stimmung geprägt. Denken die beiden vielleicht nicht gerne an ihre Kindheit zurück? Bleibt letztlich nur zu hoffen, dass Violinist die auf dem Bild im Inlay hochgeworfene Geige auch wieder sicher aufzufangen weiß. Schade wäre, wenn nicht. Denn vom Musikalischen her darf man auf die nächste Einspielung des Duos gespannt sein.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Enescu, George: Childhood Impressions

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ARS Produktion
1
08.04.2016
Medium:
EAN:

SACD
4260052382127


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Enescu, George


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