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Dienstag, 30. November 2021

Bach, Johann Sebastian - Sonate für Cembalo und Violine

In langer Reihe


Label/Verlag: Glossa
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Leila Schayegh und Jörg Halubek ist eine frische und luzide Deutung der 'Sei Suonate à Cembalo certato è Violino Solo' gelungen, dieses Sonatenwunderwerks von Bach. Nobel im Klang und bezwingend in der Geste setzten sie die lange Reihe der hochklassigen Interpretationen fort.

Von Johann Sebastian Bachs 'Sei Suonate à Cembalo certato è Violino Solo' BWV 1014 bis 1019 gibt es eine beeindruckende Zahl an Aufnahmen, in namhaften künstlerischen Konstellationen. Beispiele aus jüngster Zeit sind Lucy Russell und John Butt, Erich Höbarth und Aapo Häkkinen, Florian Deuter und Philippe Grisvard, Chiara Banchini und Jörg-Andreas Bötticher oder François Fernandez und Benjamin Alard. Schon früher haben Pablo Valetti und Céline Frisch, Simon Standage und Shalev Ad-El, John Holloway und Davitt Moroney oder Andrew Manze und Richard Egarr historisch informierte Akzente gesetzt. Wichtige Schritte in diese Richtung sind davor Sigiswald Kuijken und Gustav Leonhardt oder Alice Harnoncourt und Herbert Tachezi gegangen. Noch früher haben sich Eduard Melkus und Huguette Dreyfus, David Oistrach und Hans Pischner, Henryk Szeryng und Helmut Walcha oder Wolfgang Schneiderhan und Karl Richter um die sechs Sonaten Verdienste erworben. Diese viele Jahrzehnte umfassende, dennoch denkbar knappe Reihe markiert bei weitem nicht alle Einspielungen und macht doch deutlich: Bachs Sonaten haben potente Instrumentalisten mit ausgeprägtem Bewusstsein für qualitätvolles Repertoire früh und zu allen Zeiten fasziniert, in sehr verschiedenen ästhetischen Konzeptionen, mit sehr unterschiedlichen Zugängen.

Diese Faszination ist ungebrochen, das unterstreicht auch die aktuell vorliegende  Einspielung der Sonaten durch die Geigerin Leila Schayegh und den Cembalisten Jörg Halubek. Und es ist ja auch immer wieder neu erstaunlich, wie sehr verdichtet und zugleich ästhetisch klar, ja explizit Bachs Musik ist, hier in der überaus intrikaten Triosonatenanlage zwischen Violine sowie rechter und linker Hand des Cembalos sichtbar werdend. Man braucht auch heute, als Hörer mit einigem Vorlauf eine gewisse Sensibilität, um alles an Strukturen hörend fruchtbar zu machen, für sich zu entfalten. Zugleich bietet Bach auch hier eine Fülle berückend schöner, leicht fasslicher Momente von größter Unmittelbarkeit.

Die von Bach in dieser Sammlung gewählte Form der Sonata da chiesa führt mit ihrer Viersätzigkeit in der Abfolge langsam – schnell – langsam – schnell zu einer gleichwertigen Zahl an langsamen Sätzen. Und das sind besondere Schätze voller Empfindung und linearer Noblesse, eine große, beglückende Fülle. Auffällig ist, wie deutlich Bach für jeden Satz der Sonate nach einem individuellem Zugang sucht – formal, expressiv, linear, immer abseits schematischer Lösungen.

Meister ihres Fachs

Leyla Schayegh und Jörg Halubek sind versierte Solisten, zugleich bekannt aus manchem Ensemblezusammenhang – und sie erweisen sich als absolut souveräne Deuter dieser sechs Sonaten. Schayegh glänzt mit überaus noblem, stetigem Ton auf ihrer ‚Santa Teresia‘-Guarneri. Ihr Spiel zeugt von beherrschtem Zugriff und technischer Klasse, der Klang ist warm und bei aller Konzentration erfreulich expansionsfähig, voller Farben und nie eindimensional.

Jörg Halubek am Cembalo wirkt agil und spielfreudig, er ist ein plastischer Deuter des Continuo-Parts. Und er lässt ein erfreulich klar konturiertes Spiel in der rechten Hand hören, die er deutlich aus der Dichte des bloß Begleitenden der Oberstimme emanzipiert. Sein Hill/Schüler-Cembalo nach historischen Vorbildern ist klar und eher fein registriert, von überschaubarem Volumen, mit einem angenehm weichen Bass und einem hellen, aber nicht harten Diskant. Es wirkt insgesamt kammermusikalisch disponiert und entspricht damit ganz den Anforderungen der Kompositionen wie der interagierenden Violine. Nur sehr gelegentlich, zum Beispiel im prasselnd-virtuosen Schluss-Allegro der E-Dur-Sonate BWV 1016 keimt der Wunsch nach mehr kraftvoller Überzeugung im Cembaloklang auf.

Gemeinsam finden Schayegh und Halubek zu Tempi, die in bezwingenden Relationen gestaltet sind. Alle Möglichkeiten zu sinnvoller dynamischer Differenzierung werden auch dadurch genutzt, dass zum Beispiel die Violine mit verschiedenen Dämpfungen gespielt wird. Intonatorisch spielt Leila Schayegh blitzsauber, egal ob in ausgreifender Adagio-Kantilene, in avancierter Vivace-Rasanz oder in grifftechnisch komplexen Verläufen: Diese Brillanz gelingt nicht jedem Violinisten. Verziert wird mit Phantasie und Augenmaß, angemessen variant und doch erfreulich wenig vordergründig.

Das Klangbild wirkt kammermusikalisch versammelt, konzentriert, gleichwohl nicht ohne eine noble räumliche Korona. Vor allem bietet es eine überaus gelungene Balance der drei Stimmen – ein Umstand, der für ein wirklich gelungenes Abbild dieser instrumentalen und mehr noch der satztechnischen Disposition unbedingt erforderlich ist. Im Booklet wird in drei Sprachen überzeugend informiert, vor allem nimmt die klare, dezidiert schlichte Gestaltung für sich ein. Einzig kurze Porträts der Instrumente wären noch nützlich gewesen.

Leila Schayegh und Jörg Halubek ist eine frische und luzide Deutung der ‚Sei Suonate à Cembalo certato è Violino Solo‘ gelungen, dieses Sonatenwunderwerks von Bach. Nobel im Klang und bezwingend in der Geste setzen sie die lange Reihe der hochklassigen Interpretationen fort.

Interpretation:
Klangqualität:
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Booklet:





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    Bach, Johann Sebastian: Sonate für Cembalo und Violine

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Glossa
2
08.01.2016
Medium:
EAN:

CD
8424562235076


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Bach, Johann Sebastian


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Glossa

Spaniens renommiertestes Klassiklabel wurde 1992 von Carlos Céster und den Brüdern José Miguel und Emilio Moreno gegründet. Sein "Hauptquartier" hat es in San Lorenzo del Escorial in den Bergen nahe Madrid. Zahlreiche herausragende Künstler und Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik (z.B. Frans Brüggen und das Orchestra of the 18th Century, La Venexiana, Paolo Pandolfo, Hervé Niquet und sein Concert Spirituel u.v.a.) finden sich im Katalog des Labels. Doch machte GLOSSA von Anfang an auch wegen der innovativen Gestaltung und Produktionsverfahren von sich reden. Zu nennen wären hier die Einführung des Digipacks auf dem Klassikmarkt und dessen konsequente Verwendung, der Einsatz von Multimedia Tracks oder die Platinum-Serie mit ihrem avantgardistischen Design. Innerhalb der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte konnte GLOSSA so zu einem der interessantesten Klassiklabels auf dem Markt avancieren. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch dem Spiritus rector und Gesicht des Labels, Carlos Céster.


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