> > > Berlioz, Hector: Of Madness and Love
Mittwoch, 18. September 2019

Berlioz, Hector - Of Madness and Love

Englische Dramatik in französischer Musik


Label/Verlag: Sinfonieorchester Basel
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Als Hector Berlioz die Werke von William Shakespeare kennenlernte, war er sofort begeistert. Inspiriert von dessen dramatischen Figuren entstanden imposante Orchesterwerke, von denen nun das Sinfonieorchester Basel eine Kostprobe präsentiert.

‚Shakespeare, der mich so unvorbereitet traf, schmetterte mich zu Boden.‘ So schilderte Hector Berlioz seinen Theaterbesuch 1827 in Paris. Von einer englischen Theatergruppe dargeboten versetzte ihn die Aufführung von ‚Hamlet‘, von der er gleichwohl kein Wort verstand, in große Erregung. Inspiriert von weiteren Werken Shakespeares, dessen erzählerische Größe und Wucht ihn geradezu gefangen nahmen, komponierte er einige Jahre später die 'Grand Ouverture du Roi Lear' sowie 'Roméo et Juliette', eine ‚Symphonie dramatique‘.

‚Of Madness and Love‘ heißt die CD, die vor kurzem im Eigenlabel des Sinfonieorchesters Basel erschienen ist und die sich einer Auswahl an dramatisch inspirierten Werken von Hector Berlioz widmet. Interpretiert wird die Musik vom Sinfonieorchester Basel unter Ivor Bolton sowie den Solistinnen Vesselina Kasarova (Sopran) und Soyoung Yoon (Violine).

Die 'Grand Ouverture du Roi Lear' eröffnet die CD und wird vom Ensemble so strahlend und gewaltig dargeboten, dass an dem schicksalhaften Gestus des Stückes kein Zweifel mehr bestehen kann. Die hervorragende Qualität der Aufnahme und die nahe Mikrofonierung, die an manchen Stellen in den Streichern die Geräusche der Bögen auf den Saiten hörbar macht, verstärken den Eindruck eines imposanten Klangkörpers. Leider wirken Piano-Stellen hier im Gegensatz zum Forte oft eher glanzlos und beiläufig; ihnen hätte ein bisschen mehr Spannung gutgetan. Dass das Imposante zeitweise etwas ins Brachiale kippt, wäre nicht nötig gewesen, ist aber angesichts der eindrucksvoll abgestimmten Unisono-Passagen des Orchesters, das sich hier wie aus einem Guss präsentiert, schnell wieder vergessen.

Für diese Einspielung verwendeten die Musiker des Sinfonieorchesters Basel Naturhörner, Naturtrompeten, Naturposaunen und eine historische Pauke. Dadurch werden sämtliche Töne der Blechbläser über die Naturtonreihe bzw. gestopfte Töne gespielt, was eine Klangfarbe schafft, die dem von Berlioz gewünschten Klang näher kommt als die Verwendung von Ventilinstrumenten. Auch für die Pauke hatte Berlioz sehr genau definiert, wie diese gespielt werden müsse (u.a. mit drei verschiedenen Schlägeln). Gerade in der Ouvertüre kommen die klangliche Pracht und Berlioz’ einzigartige Orchestrierung durch diese exakte Umsetzung des Originals besonders gut zum Vorschein.

Die 'Scène d’amour' aus 'Roméo et Juliette' offenbart ebenfalls die Eigenarten, die Berlioz in seiner Instrumentierung und Orchestrierung ausmachen. Spannende Kontraste, beispielsweise ein zartes Wechselspiel zwischen Flöte und Violoncello, und eine gefühlvolle, weiche Grundstimmung, die das Orchester gekonnt umsetzt, machen das Stück zu einem sehr angenehmen und interessanten Hörereignis.

So weich interpretiert, als sei es die Fortsetzung der Liebesszene, ist das folgende Stück, 'Rêverie et Caprice' für Violine und Orchester. Soyoung Yoon verleiht der Musik durch ihr ausdrucksstarkes Spiel emotionale Tiefe, ohne es zu übertreiben, verwendet zwar viel, aber nicht zu viel Vibrato. Auch wenn sie mit ihrer selbstbewussten Interpretation die Entwicklungen der Musik anleitet, führt sie das Orchester dennoch weich und ohne unangenehm hervorzustechen, eher als Primus inter Pares.

Einen würdigen Abschluss der CD bildet 'La mort de Cléopâtre', eine ‚Scène lyrique‘ für Sopran und Orchester. Vom ersten Teil ('Allegro vivace con impeto') an blüht das Orchester, das sich gerade noch Soyoung Yoon untergeordnet hatte, wieder auf und strahlt in Höhen und Tiefen schöner als zuvor, ohne jedoch den Gesang zu überdecken. Vesselina Kasarova setzt sich mit ihrer Stimme gut im Gesamtklang durch, meistert schwierige Passagen scheinbar ohne Anstrengung und zeigt auch mit ihrer Interpretation des zweiten Teils ('Méditation'), der etwas modernere Klänge anschlägt, ihr solistisches Können und ihre musikalische Reife.

Alles in allem ist diese CD gerade wegen ihres in Teilen vom literarischen Drama beeinflussten Repertoires sehr hörenswert. Das Booklet enthält viele interessante Informationen zu den Werken, zu ihrem Urheber und allen Interpreten und gibt dem Dirigenten Ivor Bolton die Gelegenheit, im Interview ein paar Sätze zu den Werken und dieser Einspielung zu sagen, die das Hörvergnügen noch bewusster erlebbar machen.

Miriam Thaler Kurzkritik von Miriam Thaler,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Berlioz, Hector: Of Madness and Love

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Sinfonieorchester Basel
1
13.04.2015
Medium:
EAN:

CD
4260313810086


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Berlioz, Hector


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Sinfonieorchester Basel

Es gibt viele gute Gründe für eine Reise nach Basel – ein ganz besonderer ist sein Sinfonieorchester. Das Sinfonieorchester Basel ist eines der ältesten und zugleich innovativsten Orchester der Schweiz. In der Nordwestschweiz verankert, geniesst es eine starke überregionale und internationale Ausstrahlung. In seinen eigenen Konzertreihen, im Theater Basel sowie bei Gastspielen im In- und Ausland beweist es immer wieder aufs Neue seine hohe Klangkultur. Chefdirigent ist seit 2009 der renommierte amerikanische Dirigent und Pianist Dennis Russell Davies.

Die Gründung des Orchesters geht auf das Jahr 1876 zurück. Sie fällt damit in das Baujahr des akustisch hervorragenden Musiksaals im Basler Stadt-Casino, der auch heute noch die Spielstätte des Ensembles ist.

Unter den Dirigenten, die dem Sinfonieorchester Basel eng verbunden waren oder es noch sind, finden sich Namen wie Johannes Brahms, Felix Weingartner, Gustav Mahler, Wilhelm Furtwängler, Antal Dorati, Gary Bertini, Walter Weller, Armin Jordan, Horst Stein, Otto Klemperer, Nello Santi, Pierre Boulez, Marko Letonja, Valery Gergiev und Mario Venzago.Eine ganze Reihe bedeutender Werke des 20. Jahrhunderts – unter anderem von Béla Bartók, Arthur Honegger und Bohuslav Martinů – wurden vom Sinfonieorchester Basel uraufgeführt.

1997 fusionierte das Basler Sinfonie-Orchester mit dem Radio Sinfonieorchester Basel. Dabei wurde für das Ensemble der heute gültige Name gefunden: Sinfonieorchester Basel. Ein weiterer Meilenstein in der Geschichte des Orchesters war 2012 die Ablösung von der langjährigen Veranstalterin AMG (Allgemeine Musikgesellschaft Basel) und der gleichzeitige Aufbau einer eigenen Abonnement-Reihe.

Das Repertoire des Sinfonieorchesters Basel ist breit gefächert: Es reicht von der Wiener Klassik über die Romantik bis hin zu Kompositionen der jüngsten Moderne. Gezielt werden auch neue Konzertformen gesucht und Koproduktionen mit Jazz-, Rock- oder Techno-Acts realisiert. Unter Dennis Russell Davies baut das Orchester seine Stärken und sein Repertoire laufend aus. Schwerpunkte sind unter seinem Dirigat nebst Klassikern der Moderne auch Werke von schweizerischen und amerikanischen Komponisten. Davies und das Sinfonieorchester Basel pflegen eine enge Zusammenarbeit mit der Paul Sacher Stiftung Basel.

Zahlreiche international beachtete und zum Teil preisgekrönte CD-Produktionen dokumentieren das Schaffen des Sinfonieorchesters Basel. Gegenwärtig widmet sich das Orchester unter seinem Chefdirigenten Gesamteinspielungen der Sinfonien von Franz Schubert und Arthur Honegger.

Seit ein paar Jahren zeigt das Sinfonieorchester Basel vermehrt auch internationale Präsenz. So führte beispielsweise 2010 eine Tournee das Sinfonieorchester Basel nach China, und im Herbst 2012 gab das Orchester zwei gefeierte Gastspiele in St. Petersburg und Moskau. Im Frühling 2014 spielte das Orchester im Rahmen einer ausgedehnten England-Tournee Konzerte in London, Cambridge, Basingstoke, Coventry und Cardiff. Für den Frühling 2015 ist eine Tournee nach Südkorea und China geplant.


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