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Mittwoch, 18. September 2019

Strauss, Johann - Die Fledermaus

Lustig trällert die Eule


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Galavorstellung ist eine Joan Sutherlands Abschiedsvorstellung an Covent Garden. Dass sie gegenüber mancher Kollegin vokal nicht (mehr) bestehen kann, ändert nichts an der historischen Bedeutung dieses Mitschnitts.

Was für die deutschsprachigen Operettenbühnen Johann Strauss‘ 'Fledermaus' ist, das sind für die englischsprachigen die herzzerreißend lustigen Operetten von William Schwenck Gilbert und Arthur Sullivan. Zu den besten britischen Dirigenten, die sich der leichten Muse (der Opéra comique und dem Ballett gleichermaßen) gewogen gefühlt haben und fühlen, zählt sicher Richard Bonynge – im vorliegenden Fall als ‚Mr. Joan Sutherland‘ zu bezeichnen, gibt Dame Joan doch ihre Abschiedsvorstellung an Covent Garden in der Galasequenz des zweiten Aktes. Bonynge versteht das Wesen der Operette bestens. Die Musik fließt wie ein lebhafter Strom von Champagner dahin, nur an ein paar Fermaten hält er (wie viele) etwas zu lange inne, wählt gelegentlich etwas überraschend bedächtige Tempi, und die ewig üblichen Kürzungen öffnet auch er nicht und bietet statt der originalen Ballettmusik die immer wieder bemühte 'Donner und Blitz'-Polka (in einer eigens für diesen Abend einstudierten Choreographie von Sir Frederick Ashton) und später den 'Frühlingsstimmen'-Walzer (letzterer wirkt in Folge der Galasequenz mit einer Stimme im Herbst der Karriere denkbar unglücklich gewählt).

Leider entspricht die orchestrale Darbietung nicht ganz dem Standard, den man in Österreich auch mit den Wiener Symphonikern zur Hand gehabt hätte. Der Orchesterklang ist warm, die Musiker vermitteln den Charme der Musik, sprechen in allen Instrumentalgruppen gut an (herausragend u.a. der Piccoloflötist), während die Violinen gelegentlich etwas dünn klingen und das Blech etwas zu derb. Vor allem aber gibt es allzu viele Wackler, auch für ein königliches Opernorchester. Da hätte man sich vom damaligen Chefdirigenten Bernard Haitink mehr Orchesterdisziplin gewünscht.

John Mortimer hat das bekannte Libretto von Carl Haffner und Richard Genée unaufdringlich ins Englische übertragen (mit allerdings nur wenig Reimen, die einem als Deutschem fast natürlich im Ohr liegen, dafür mit brillanten Dialogen), Regisseur John Cox hingegen hat für seine Inszenierung 1977 die Handlung mehr oder minder nach England verlegt, was allein schon bei der Namensgebung der Charaktere wenig überzeugend ist – nur der musikalisch gelegentlich zwar beeinträchtigte, aber stark charakterisierte Gefängnisdirektor Frank von Eric Garrett bringt so etwas wie wienerischen Charme in die Handlung, nicht erst mit den Worten ‚keine Nacht dir zu lang‘ unmittelbar bevor er im Gefängnis am Schreibtisch einnickt.

Die Sängerbesetzung der Haupthandlung ist durchwachsen. Judith Howarth ist eine dramatisch witzige, musikalisch allerdings eher mittelmäßige Adele. Hier gibt es keinen Schmelz, die Koloraturen sind bemüht, der Sprachduktus klingt mehr nach Musical denn nach Oper, ein wenig wie eine Music-Hall-Sängerin der Zeit um 1880. Darstellerisch wie musikalisch mangelt es Nancy Gustafson als Rosalinde im ersten Akt an jugendlicher Ausstrahlung; weit besser wirkt sie im Verlauf des Abends. Lärmend und etwas vulgär klingt Louis Otey als Gabriel von Eisenstein, ist aber darstellerisch herrlich präsent. Wunderbar profiliert spielt Jochen Kowalski den Prinz Orlofsky (leider nicht mit allzu viel Wortverständlichkeit im Singen) – viel überzeugender als nahezu jeder Mezzo (was auch an der englischen Textfassung und der Regie liegen mag). Musikalisch am erfreulichsten (und auch darstellerisch sehr überzeugend) sind Anthony Michaels-Moore als Dr. Falke (mit herrlichen Spitzentönen) und Bonaventure Bottone als Alfred[o] (mit noch herrlicheren Spitzentönen). John Sessions ist ein erfreulich unalkoholisierter Frosch, John Dobson ein chargierender Dr. Blind, der geradezu aus dem Old Bailey gestolpert zu sein scheint.

Die Galasequenz im zweiten Akt wird eröffnet mit dem Chor 'Rataplan' aus 'La forza del destino', gefolgt von dem Auftritt der drei Superstars Joan Sutherland, Luciano Pavarotti und Marilyn Horne. Pavarotti steuert 'È la solita storia' aus Cileas 'L‘Arlesiana' bei – der Tenor ist bestens bei Stimme, kann sich ganz auf den Gesang konzentrieren und bietet so einen mustergültigen Beitrag. Nicht mehr wirklich frisch klingt Sutherland in 'Serbami ognor sì fido' aus Rossinis 'Semiramide' – Horne singt sie mit Leichtigkeit an die Wand. Ein echtes Highlight ist Dalilas 'Mon cœur s‘ouvre à ta voix' – was für eine Wärme in der Stimme, welches Legato, welche Textverständlichkeit! Nur bei den Spitzentönen gerät ihre Stimme etwas spitz. Den Abschluss bilden 'Parigi o cara lasceremo' aus 'La Traviata' und Henry Bishops hier äußerst gefühlig dargebotenes 'Home, sweet home', mit dem sich Dame Joan vom Londoner Publikum verabschiedete. Ob diese Nummern für eine Galasequenz wirklich geeignet sind, muss diskutiert werden dürfen. Sicher hätte es passendere Stücke gegeben, doch hätten diese nicht unbedingt aus den ‚Signature Roles‘ der drei Stars gestammt. Dennoch eine kleine Spekulation: Warum nicht – gesungen von Dame Joan – eine andere ‚Wahnsinnsszene‘, die wunderbar schräge Szene von Mad Margaret aus der Gilbert & Sullivan-Operette 'Ruddigore', oder, was unter Karajan 1960 Giulietta Simionato und Ettore Bastianini zum besten gaben, 'Everything You Can Do, I Can Do Better' aus 'Annie Get Your Gun'. Jacques Offenbachs Operetten hätten ganze Dutzende von wunderbaren Einlagen geboten, die dem Geist der Gesamtproduktion angemessener gewesen wären. Aber so waren die Standing Ovations des ganzen Hauses natürlich mit weniger Arbeitsaufwand zu erreichen.

Während der Schlussvorhänge – man höre, sehe und staune – spielt das Orchester (unter Luftschlangen fast untergehend) weiter (nochmals 'Unter Donner und Blitz'), selbst als Richard Bonynge längst die Bühne zum Schlussapplaus betreten hat. Glitzerregen und Luftballons – was für ein Putzaufwand das im altehrwürdigen Royal Opera House Covent Garden am Neujahrstag gewesen sein wird. Sehr persönlich dankt Dame Joan ihrem Publikum, ihren Freunden, und gerade mit diesen Worten wird es denn doch ‚A Night to Remember‘.

Als Bonus bietet DVD 1 Ausschnitte aus 'Il trovatore', 'Lucia di Lammermoor' und 'Norma' aus Produktionen von Opera Australia, jeweils mit Joan Sutherland und Richard Bonynge, produziert 1994 (aufgenommen wann? offenkundig vor 1990). Die drei Szenen passen nicht recht zur 'Fledermaus'-Stimmung und sollten besser separat genossen werden.

Die Doppel-DVD ist insgesamt in sich schlüssig konzipiert, man darf aber fragen, warum englische und italienische Untertitel fehlen – also gerade jene Untertitel, mit denen man das Gesungene besser hätte nachvollziehen können. Das Booklet ist, wie bei Arthaus üblich, nicht genau fokussiert auf die Produktion, aber deutlich passender als häufig sonst.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Strauss, Johann: Die Fledermaus

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
2
27.11.2015
Medium:
EAN:

DVD
807280916195


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Strauß, jun., Johann


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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