> > > Oelze, Christiane singt: Lieder von Mendelssohn, Brahms und Schumann
Mittwoch, 15. August 2018

Oelze, Christiane singt - Lieder von Mendelssohn, Brahms und Schumann

Im Dunstkreis des Kunstlieds


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Aribert Reimann, ein herausragender Musikdramatiker, ist zeitgleich ein Liedpartner von Weltrang zahlreicher Sängerinnen und Sänger. Da verwundert auch eine kompositorische Auseinandersetzung mit dem Kunstlied nicht, wenn sie auch befremdet.

Mit dem Album ‚Aribert Reimann: Lieder‘ legen die Sopranistin Christiane Oelze und das Leipziger Streichquartett ein Portrait des Liedbearbeiters Reimann vor. Fast ist man dazu verführt, von einer Platte zu sprechen, auf der alles passen will. Doch die Anverwandlungen des hochgeschätzten Komponisten, der mittlerweile 81 Jahre alt und weiterhin tätig ist, vermögen bis auf eine nur schwerlich zu überzeugen. Da können die Sängerin und ihre vier Begleiter tun was sie wollen.

Das offenkundige Problem liegt bei der alten Schwierigkeit des Bearbeitens. Im Detail liegt der Grund für die entstehende Unruhe sicherlich im zwar reizvollen, aber nicht befriedigenden Wechselspiel zwischen Originalkomposition und eingreifendem Akt vonseiten Reimanns. Im Fall von '…oder soll es Tod bedeuten?' (Acht Lieder und ein Fragment nach Gedichten von Heinrich Heine für Sopran und Streichquartett bearbeitet) und verbunden mit sechs Intermezzi von Aribert Reimann (1996) liegt dies schon mit dem Titel des Werkes auf der Hand. Die Einrichtung der Lieder driftet schon stark ins Banale ab, während die verstörenden Zwischenspiele den eigentlichen Reiz ausmachen. Gerade das 'Adagio' zum Gedenken an Robert Schumann, das wohl aus Verlegenheit zusätzlich eingespielt wurde, erweist sich in diesem Umfeld als der Höhepunkt der Aufnahme.

Was die Bearbeitung der Lieder so schlicht wirken lässt, ist, dass der Klaviersatz witzlos, möchte man sagen, auf die vier Streicherstimmen übergeht. Die Absicht ist deutlich, erweist sich aber als nicht glücklich gewählt. Um die fünf Ophelia-Lieder von Johannes Brahms ist es schön, dass sie einmal wieder ob ihres aphoristischen Charakters erklingen, sind sie doch Theatermusik des 19. Jahrhunderts, und die scheint heute nicht mehr vonnöten - sieht man einmal von den 'Peer Gynt'-Suiten Griegs ab, deren Verfälschung der Theatermusik aber nur wenigen bekannt ist. Auch die 'Sechs Gesänge' op. 107 des ‚späten‘ Schumann berühren zweifellos und machen deutlich, warum Hermann Danuser statt von Kunstlied von musikalischer Lyrik sprechen will, aber es ist wieder nicht das Verdienst von Reimanns Bearbeitung, das diesen Eindruck erweckt. Da hilft auch nicht die umsichtige Einführung durch Andreas Krause im Booklet und die komplett abgedruckten Liedtexte.

Was aber unangefochten sich als stimmig erweist, ist die in ihrer Einfachheit um stetige Authentizität bemühte Sopranstimme Christiane Oelzes, die man uneingeschränkt genießen darf. Berückend in der Wärme ihrer Stimme. Die Lieder sind bei ihr gut aufgehoben, durchweg gestaltet die Sängerin stimmig. Vor allem ihr Auftritt als Ophelia vermittelt zwischen Wahnsinn und Begierde auf spielerisch-nachtwandlerische Weise. Dem steht die Leistung von Stefan Arzberger, Tilman Büning, Ivo Bauer und Matthias Moosdorf in nichts nach. Ihr Spiel ist plastisch, was gerade dem 'Adagio' gut ansteht und die für ein Streichquartett ungewohnte Aufgabe des Begleitens meistern sie stupend. Letztlich ein Album, das mehr Lust macht, diese Besetzung zu hören, das aber nur wenig Lust auf die sonst so reizvolle Klangwelt von Aribert Reimann macht. Sehr schade eigentlich.



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Oelze, Christiane singt: Lieder von Mendelssohn, Brahms und Schumann

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
09.10.2015
EAN:

760623192123


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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