> > > Nielsens Footsteps: Werke für Bläserquintett
Montag, 24. Juli 2017

Nielsens Footsteps - Werke für Bläserquintett

Große Fußstapfen


Label/Verlag: Odradek
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit dieser Nachverfolgung von Nielsens Fußspuren hinterlässt das Ensemble Carion selbst große Fußstapfen. Es wäre zu wünschen, dass Nachahmer die Fährte aufnehmen.

Das Bläserquintett als feste kammermusikalische Formation bzw. Gattung eigenen Rechts hat es schwer. Im Gegensatz zu den Dimensionen der Reinheit und entmaterialisierten Kunstschönheit, die in der Geschichte dem Streichquartett zugeschrieben wurde, ist das ‚klassische‘ Bläserquintett als Verbindung von Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott und Horn bodenständiger, in gewisser Weise körperlicher. Der Reinheit des vierstimmigen Satzes steht die fünfstimmige Disposition gegenüber, der Einheit des Streicherklangs die starke Eigenfarblichkeit der Holzblasinstrumente samt Horn mit ihren je unterschiedlichen Obertonspektren, Anblasgeräuschen, Klangentfaltungen und Registereigenheiten.

Carion bringt Schwung in die Szene

So überschaubar wie die im heutigen Konzertleben präsenten Gattungsbeiträge der Geschichte sind auch die stehenden Formationen im Bereich des Bläserquintetts. Oft handelt es sich um projektweise zusammentretende Kammermusik-Auskopplungen aus Orchestern. Ein Ensemble jedoch macht seit einigen Jahren Furore auf dem Sektor der Bläserkammermusik: das Carion Bläserquintett, bestehend aus Musikern des skandinavischen und baltischen Raums (im Beiheft dieser Produktion bezeichnet es sich dezidiert als dänisches Ensemble). Das Ensemble Carion hat eine sehr ansprechende Debüt-CD bei Ars Produktion Schumacher vorgelegt und setzt nun bei Odradek Records mit einem zweiten Streich nach. Noch bei seinem Erstling wurde als Einschränkung wahrgenommen, dass man die Musiker nur hören, aber nicht sehen konnte. Dem entgeht vorliegende Einspielung, denn neben einer CD findet sich eine DVD, auf der der zentrale Programmpunkt als Mitschnitt zu erleben ist. Das ist ein unbedingtes Plus, da man das Ensemble eigentlich live erleben muss; erst dann erschließt sich die ganze Faszinationskraft seines musikalisch-‚szenischen‘ Vortrags, bei dem musikalische Gesten und Ausdruckswerte gleichzeitig in Bewegung umgesetzt werden, was dem Ensemble durch den Verzicht auf Notenpulte ermöglicht wird. Stimmen treten mal nach vorn, um die musikalische Rede ans Publikum zu richten, treten je nach musikalisch-struktureller Konstellation der Stimmen mal zu zweit oder zu dritt zusammen, postieren sich in Reihe – und bewegen sich dabei ständig im Raum. Für Puristen, die Musik in der Form eines Gottesdienstes genießen wollen, mag das ein Gräuel sein; wer sich öffnet für diesen Zugang, wird durch eine Vertiefung der ästhetischen Erfahrung belohnt. Der Genuss von Carl Nielsens Bläserquintett in der Aufführung des Ensembles Carion auf der DVD ist allerdings dadurch etwas eingeschränkt, dass die Ensemble-‚Choreographie‘ doch stark artifiziell anmutet, da bei der gefilmten Aufführung der Dialog mit einem Publikum fehlt (und die Szene etwas überbelichtet erscheint).

Ein Schlüsselwerk und drei Raritäten

Aber auch wenn man das Carion Bläserquintett auf der CD nur hörenderweise erlebt, stellen sich vor dem inneren Auge Bewegungen ein, beginnt die Musik unweigerlich zu tanzen, entfaltet eine Konturenschärfe, als handle es sich um eine Choreographie im musikalischen Raum. Denn die fünf Musiker erfüllen die Musik mit einem mitreißenden Schwung. Das gilt auch für vorliegende Werke, die in Carl Nielsens Bläserquintett op. 34 ihren Ausgang nehmen und jüngere Werke skandinavischer Komponisten präsentieren, die von Nielsens Quintett beeinflusst und inspiriert sind: Das Bläserquintett op. 16 von Kai Helmer Senstius, das Quintetto op. 74 von Jens Laurson Emborg sowie 'Une amourette' von Svend Simon Schultz – Werke von Komponisten, die selbst in ihrem Heimatland vergessen sind. Nielsens Bläserquintett gehört zu den ‚klassischen‘ Gattungsbeiträgen des 20. Jahrhunderts, die anderen Werke folgen seinen Fußstapfen, worauf der Titel der Produktion verweist.

Launig

Schon der Beginn von Nielsens Bläserquintett zeichnet ein Relief, das plastischer und feiner gearbeitet ist als in vielen anderen Deutungen. Man kann die solistische Linien und die anschließenden musikantischen Wiederholungsgesten als großen Bogen auffassen und das Kantable betonen oder ihr Zusammengesetztsein aus kleinen bedeutungstragenden Gesten hervorkehren. Treffsicher verbindet das Carion-Quintett beide Ansätze, spielt ‚auf Linie‘ und lässt trotzdem die kecken Akzente wie trotzig widerständige Rustikalitäten einfließen. Dieser Beginn ist beispielhaft für den überzeugenden musikalischen Zugang des Ensembles, der das gesamte Programm durchdringt und zu einem musikalischen Hochgenuss macht. Details werden von den Musikern mit Feingefühl in Bezug auf dynamische Abschattierung, Agogik und Stimmengewichtung herausgearbeitet, ohne aber den musikalischen Fluss zu hemmen. So gewinnen die Charaktervariationen im letzten Satz des Bläserquintetts von Nielsen hohe Plastizität; die einzelnen Temperamente und Gemüter – angeblich habe Nielsen hier die Charaktere der Uraufführungsmusiker, sämtlich gute Bekannte aus dem Kopenhagener Opernorchester – kann man sich lebhaft vorstellen.

Die übrigen Werke nehmen die Spur Nielsens auf, zeichnen sich durch handwerkliche Solidität aus, sind kurzweilig und unterhaltsam und erweisen sich als idiomatisch in Bezug auf die Behandlung der Blasinstrumente. Senstius erkundet mit modalen Einschlägen die Gebiete etwas spröder Polyphonie, zeigt aber im zentralen Variationensatz auch einigen Humor. Emborgs fünfsätziges, kleinteiliger gearbeitetes Quintett ist da deutlich launiger und schließt weiter auseinander liegende Ausdrucksbereiche auf, die von den Musikern sensibel ausgeschritten werden. Unter den Raritäten noch am bekanntesten (zumindest in Dänemark) ist Schultz‘ 'Une amourette' (1943), die vom Ensemble Carion mit einigem Augenzwinkern geboten wird.

Direkter Klang

Die klanglich feinsinnige Deutung wird klanglich sehr direkt wiedergegeben. Manchmal sind gar die Klappengeräusche zu hören. Wer nicht hören mag, wie die Musik produziert wird, wird dies vielleicht als störend empfinden; meiner Ansicht nach ist diese das Handwerkliche nicht ausschließende Vermittlungsform absolut angemessen, zumal der Klangraum (aufgenommen wurde in einer Kirche) den Instrumenten genügend Entfaltung bietet. Erfreulich ist die mehrsprachige Präsentation des Einführungstextes. Leider ist die deutsche Übersetzung ein wenig holprig geraten. Mit dieser Nachverfolgung von Nielsens Fußspuren hinterlässt das Ensemble selbst große Fußstapfen. Es wäre zu wünschen, dass Nachahmer die Fährte aufnehmen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Nielsens Footsteps: Werke für Bläserquintett

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Odradek
2
25.09.2015
EAN:

855317003219


Cover vergössern

Odradek

Odradek Records ist keine beliebige neue Plattenfirma. Es ist der erste Schritt eines größeren Projekts, welches es sich zur Aufgabe gemacht hat, klassische Musik neu zu produzieren und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wir sind der Meinung, daß die derzeitige Struktur der Musikwelt das wahre Wesen der Musik verkennt und ihr nicht die gebührende Bedeutung beimisst. Die Welt der klassischen Musik dreht sich im Wesentlichen um wenige, berühmte Namen, einige große Konzerthäuser und ein Repertoire, welchem - eingeschränkt durch die Fesseln der Popularität - wenig Spielraum gelassen wird. Nachwuchskünstler werden zumeist im musikfeindlichen Labyrinth der Wettbewerbe gefunden, wobei der große Erfolg dort nicht selten enger mit Extravaganz und Theatralik als mit der Genauigkeit und Feinheit der Interpretation verknüpft ist. Solch ein System, welches den Gesetzen der freien Marktwirtschaft ausgesetzt ist, zwingt die große Mehrheit der Künstler immense Summen für eine CD Aufnahme aufzubringen, deren Gewinn größtenteils wieder an die Plattenfirma zurückfließt. Dadurch bleibt vielen guten Musikern die Möglichkeit einer professionellen Aufnahme verwehrt. Solch ein System hat sich nicht nur schon weit von der Kunst entfernt, es ist ein System, das in sich selbst in einer großen Krise steckt.

Idealerweise sollte Musik, genau wie andere Primärgüter, nicht vom Markt abhängig sein. Uns ist klar, dass dies streng genommen eine utopische Vision ist. Aber gerade dieses Streben nach dem Unerreichbaren ist ein grundlegender Antrieb für die Dynamik unseres Projekts.

Odradek Records ist eine nicht an Profit orientierte Plattenfirma. Nach Deckung aller Produktions- und Vertriebskosten gehen alle Erlöse an den Künstler. Die zwei maßgebenden Kriterien zur Auswahl der Künstler sind einerseits höchste musikalische Qualität und andererseits die Attraktivität des vorgeschlagenen Programms. Wir wollen nicht ausschließen, sondern mit einbeziehen: Es ist nicht von Bedeutung ob jemand einen wichtigen Wettbewerb gewonnen oder schon in großen Konzerthallen gespielt hat. Ebenso interessieren uns weder Alter und Herkunft eines Künstlers, noch ob er bei einer großen Plattenfirma unter Vertrag ist. Das einzig relevante Kriterium ist die musikalische Qualität des Künstlers. Wir interessieren uns für Aufnahmen von Chopin und Co., genauso wie für Aufnahmen von Stücken von Berio, Scelsi, Copland, Carter, Webern, Schönberg, Ligeti, Kurtag, Ives u.v.a.

Odradek Records produziert nicht nur CDs. Wir sind überzeugt, daß Musik in ihrer Ganzheit erst im Konzert voll zur Geltung kommen kann. Aus diesem Grund organisieren wir regelmäßig Musikfestivals in verschiedenen Städten, um unsere CDs und die Musik zu fördern.

Zu guter Letzt noch ein Wort zu unserem Namen, den wir einer Kurzgeschichte von Kafka entliehen haben. Ebenso wie der Familienvater in Kafkas Geschichte, sind auch wir besorgt. Besorgt, dass Musik immer mehr ein ?Odradek? wird; ein undefinierbares und unverständliches Wesen, dessen Stimme künstlich klingt ? wie die Stimme eines Menschen ?ohne Lungen?; ein Wesen ohne Form, das auf beängstigende Weise all das kopiert was jemals lebendig war und von jenen, die über die notwendigen Instrumente der Macht und Kontrolle verfügen, in jede Form gepresst werden kann. Wir hoffen, dass das käfigähnliche Geländer, das den Mann in Kafkas Bildern umgibt, sich in ein Instrument verwandelt ? wir möchten unser Gefängnis in Freiheit verwandeln.

Wir möchten dazu beitragen, dass Musik wieder ausschließlich als Kunstwerk wahrgenommen und die ursprüngliche Funktion musikalischer Interpretation wiederhergestellt wird ? die einzige, die eine mögliche Zukunft eröffnet: ein Feld der Forschung.

Willkommen beim Projekt Odradek!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Von Dr. Tobias Pfleger zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Odradek:

  • Zur Kritik... Rachmaninoff in südlich-warmem Gewande: Der portugiesische Pianist Artur Pizarro veröffentlicht bei Odradek Rachmaninoffs gesamtes Œuvre für Soloklavier. Sieben CDs voll individuellem Stil – zwar nicht unbedingt stilechte, aber durchaus gelungene Interpretationen. Weiter...
    (Anne Zehrt, )
  • Zur Kritik... Zersplitterte Musik: Das monochrome Cover sollte einen nicht glauben machen, hier würde bloß Grau in Grau geboten. Mariann Marczi stellt ein ebenso fesselndes wie einheitliches Programm ungarischer Klaviermusik des 20. Jahrhunderts vor. Weiter...
    (Sebastian Rose, )
  • Zur Kritik... Unausgeglichen: Das Klavierduo Miho und Masumi Hio bringt die Zeitgenossen Ravel und Strawinsky zusammen und interpretiert deren Orchesterwerke auf dem Klavier. Weiter...
    (Robert Puzik, )
blättern

Alle Kritiken von Odradek...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Tobias Pfleger:

  • Zur Kritik... Wissend und fühlend: Auch die dritte Folge des Rachmaninoff-Zyklus von Dmitrij Kitajenko ist zugleich von hoher Spannkraft und gelöster Klangentfaltung bestimmt. Eine in allen Belangen so tiefenscharfe Lesart findet sich in unserer heutigen Interpretationskultur nur selten. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Klangsinnlich und süßlich: Andrew Littons neuerliche Rachmaninoff-Lektüre greift idiomatische Ausdrucksmittel auf, neigt dabei aber zur Übertreibung. Das verleiht dieser grandiosen Sinfonie eine sentimentale, überzuckerte Note. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Dunkel und brütend: Gergiev nähert sich Rachmaninoffs Dritter Sinfonie mit bedächtigen Tempi, sentimentaler Agogik und verpasst kraftlos die Höhepunkte. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Tobias Pfleger...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Dokumentation mit viel Mystery, aber wenig Voice: Die Privatperson Pilar Lorengar ist mit vorliegender Dokumentation ein wenig der geheimnisumwitterten Aura entrissen. Eine Pilar Lorengar-Dokumentation, die ihre Kunst und vor allem ihre Stimme thematisiert und detailliert beleuchtet, steht noch aus. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Schein und Wahrheit: Diese Aufnahme macht mit frühen Werken von Mátyás Seiber bekannt, die noch in Ungarn entstanden sind. Sie sind von inspiriertem Geist erfüllt, kurzweilig und dicht. Nur leider hört das Vergnügen schon viel zu bald wieder auf. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Finnische Romantik: Diese Aufnahme dreier Klarinettenquartette Bernhard Crusells ist nicht nur ein bedeutender diskographischer Beitrag, sondern aufgrund des bemerkenswerten Stilgefühls der Musiker auch interpretatorisch äußerst gelungen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2017) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (2/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Carl Friedrich Abel: Sonata C-Dur A4:1 - Allegro

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Julian Prégardien im Portrait "Das ganze Projekt ist eine Reise durch die Musik"
Julian Prégardien macht die Aufführungsgeschichte großer Werke anschaulich - und setzt Impulse für die Zukunft

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich