> > > Monteverdi in Mantua: The Genius of the Vespers
Freitag, 28. April 2017

Monteverdi in Mantua - The Genius of the Vespers

Musikalischer Baedeker und Making-Of


Label/Verlag: Coro
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Produktion der BBC ist primär für den englischen Markt ausgelegt. Die Dokumentation ist nicht ganz rund und auch die musikalischen Anteile von The Sixteen sind stilistisch nicht genau getroffen.

Im Guten wie im Schlechten sind die Briten in ihrer kulturellen Ausrichtung (gerade was die bildnerischen Künste, das Ballett und die Musik angeht) ausgesprochen europaphil (um einen bislang nichtexistenten Begriff zu verwenden). Ihr Einsatz für die Kulturen anderer europäischer Staaten ist vorbildlich (und glücklicherweise gibt es auch Nischenbereiche, in denen sie nicht sich selbst vergessen), und so ist die vorliegende einstündige BBC-Produktion aus dem Jahr 2014 (nicht 2015, wie auf dem Cover behauptet) Pflege europäischer Kultur im bestmöglichen Sinn. Die ‚informierte‘ Erhellung der historischen Settings in Art eines ‚musikalischen Baedeker‘ ist Fernsehen für Bildungsbürger, wie wir es in Deutschland gerade in Sachen Musik meist so schmerzlich vermissen. Doch die Einführung in Monteverdis Leben und Schaffen ist nur ein Teil des Films, sozusagen der Rahmen für das Hauptthema: ‚the genius of the Vespers‘. Und hier kommen The Sixteen (hier als zwanzigköpfiger Chor antretend) ins Spiel. Das Faszinierende der Komposition wird durch die Musiker ausführlich erörtert, man erhält einen Blick hinter die Kulissen, landet sozusagen im Making Of der CD-Produktion der 'Marienvesper' durch The Sixteen.

Dennoch bleibt der Rezensent skeptisch: Denn auch wenn The Sixteen blitzsauber singen, perfekt phrasieren und imaginativ Stimmungen erzeugen mögen – dem eigentlichen ‚Monteverdi-Klang‘ steht der Chor im Grunde noch ferner als John Eliot Gardiners Monteverdi Choir. Die einzelnen Sänger weisen eine gewisse Portion Vibrato auf (die nicht hierher gehört), was durch die klare Aufnahmetechnik (quasi unter der Lupe) noch vergrößert wird; statt historisch gemäßer Verzierungen erleben wir eine im Grunde eher freie, postmoderne Monteverdi-Lesart, die nicht einmal als ‚historistisch‘ bezeichnet werden könnte. Bedenklich stimmt die Begegnung der Musiker mit den originalen Notendrucken (die in acht sogenannten Stimmbüchern – für jede Stimme eine einzelne – vorgelegt wurden) in Bologna: Die mangelhafte Vertrautheit hiermit zeigt, dass die eigentliche Art des Musikmachens anno 1610 von kaum einem der Musiker auch nur ansatzweise internalisiert ist.

Die Madrigal-Interpretationen zeigen The Sixteen von ihrer schwächsten Seite – zwei Sängerinnen betonen in dem Film ihre Schwierigkeiten des Zusammenführens von schöner Linie, harmonischem Miteinander der Stimmen und Emotionalität, die in der Tat unüberhörbar sind, mangelt es ihnen (mindestens in diesem Film) doch offenkundig an Verve, Selbstvertrauen und Stilbewusstsein für den italienischen weltlichen mehrstimmigen Gesang der Zeit. Die Interpretation der Sätze aus der 'Marienvesper' überzeugt mehr, doch fehlen an manchen entscheidenden Stellen auch hier im Chor genügende historisch informierte Aufführungsweise (Bewusstsein um und Realisierungsfähigkeiten von Verzierungstechniken) und vor allem auch Chorknaben, die zur Gestaltung des Klangs mindestens empfehlenswert wären. Für manchen Zuschauer mag der Chor, für dessen Interpretationen der Film offenbar Vehikel und Werbemedium darstellen soll (was man im Bonus-Material leicht ablesen kann), der Perfekte sein – dem Rezensenten erscheint der Zugang durch die Sixteen gerade bei der Rückkehr an die Originalschauplätze ein deutliches Manko. So bleibt die Produktion (der jedwede fremdsprachige Untertitelung oder Synchronisierung fehlt) im Grunde eine Arbeit nahezu ausschließlich für den englischen Markt. Gerade bei Monteverdis Mehrchörigkeit fällt das Fehlen einer Surround-Tonspur in der BBC-Produktion naturgemäß besonders negativ auf.

Die Produktion verzichtet weitgehend auf die Einbeziehung von Fachleuten, sondern bietet als Reiseführer vornehmlich Simon Russell Beale auf, einen renommierten Shakespeare-Schauspieler und früheren Chorknaben an St. Paul‘s Cathedral London (der an einer Stelle auch probehalber mitsingt). Beale nimmt uns mit auf eine eher persönliche Reise durch Monteverdis Leben, nach Cremona, Mantua, Rom, Venedig, und dieser persönliche Zugang mag für den einen oder anderen Zuseher ganz besonderen Reiz haben. Für den Musikologen wird dieser Zugang immer wieder eher zur Qual. Beale (und nicht nur er) darf sich historischen Dokumenten scheinbar ganz unbeaufsichtigt nähern und sie teilweise sogar noch in die Hand nehmen, das vermittelt den Eindruck, als habe er selbst die vorgetragenen Erkenntnisse zusammengetragen; einmal hängt ein Originaldokument (bzw. seine Reproduktion) mit Heftzwecken (!) an der Wand. Die Rechercheabteilung der BBC hat gute Arbeit geleistet, die Regie (Andy King-Dabbs) bleibt eher schwach. Wenige weitere Sprecher (nur eine Italienerin) werden zur Ergänzung vor die Kamera bemüht (wohl um Untertitelungen oder Synchronisierungen zu vermeiden), was ein wenig den Eindruck vermittelt, außer der vorliegenden Produktion (bzw. der BBC) interessiere sich kaum jemand für das Thema.

Auch anderswo ist die Produktion weniger überzeugend als wir es von der BBC hätten erwarten können. Die Tontechnik lässt teilweise deutliche Unterschiede zwischen Beales Aufnahmen vor und hinter der Kamera unangepasst stehen, was bei den Off-Passagen fast den Eindruck vermittelt, hier sei ein anderer Sprecher am Werk. Es mag Geschmackssache sein, aber dem Rezensenten ist Beales Ton vielfach zu präsent, so dass gerade beim gleichzeitigen Erklingen von Musik und gesprochenem Wort das Wort den Vorzug erhält.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Features:
Regie:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Monteverdi in Mantua: The Genius of the Vespers

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Coro
1
04.09.2015
EAN:
828021613197

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Coro

CORO is the lively and successful record label of Harry Christophers and The Sixteen. Formed in 2001 Coro has re-mastered, re-packaged and re-issued recordings of The Sixteen that were for a short time available on Collins Classics and now releases most of the ensemble?s new recordings. The label also features artists such as The Hilliard Ensemble, Elin Manahan Thomas and Sarah Connolly as well as a ?Live? series and young artists focus. It has recently launched the Acoustic World series of discs which epitomize CORO?s values of excellence of performance, authentic instruments, brilliance of sound and world class musicians.

Celebrated releases include Allegri?s Mierere, Tallis?s Spem in Alium and the complete Eton Choirbook Collection. More recently CORO has released brand new recordings by The Sixteen of Handel?s Coronation Anthems and Fauré?s Requiem with the Academy of St Martin in the Fields. The ensemble?s recording of Handel?s celebrated oratorio, Messiah, with an all-star soloist line-up: Carolyn Sampson, Catherine Wyn-Rogers, Mark Padmore and Christopher Purves, was awarded the prestigious MIDEM Classical Award 2009.

The Sixteen is recognised as one of the world?s greatest ensembles. Comprising both choir and period instrument orchestra, The Sixteen's total commitment to the music it performs is its greatest distinction. A special reputation for performing early English polyphony, masterpieces of the Renaissance, bringing fresh insights into Baroque and early Classical music and a diversity of twentieth-century music, is drawn from the passions of conductor and founder, Harry Christophers.

At home in the UK, The Sixteen are "The Voices of Classic FM", TV Media Partner with Sky Arts, and Associate Artists of Southbank Centre, London. The group promotes an annual series at the Queen Elizabeth Hall as well as The Choral Pilgrimage, a tour of our finest cathedrals bringing music back to the buildings for which it was written. The Sixteen has recently featured in the highly successful BBC Four television series, Sacred Music, presented by actor Simon Russell Beale.

The Sixteen tours throughout Europe, Japan, Australia and the Americas and has given regular performances at major concert halls and festivals worldwide, including the Barbican Centre - London, Bridgewater Hall - Manchester, Concertgebouw - Amsterdam, Sydney Opera House, Tokyo Opera City and Vienna Musikverein and also at the BBC Proms, the festivals of Granada, Lucerne, Istanbul, Prague and Salzburg.

Bringing together live concerts and recording plans has allowed The Sixteen to develop a glittering catalogue of releases, containing music from the Renaissance and Baroque through to great works of our time.


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