> > > Luthers Laute: Vocalwerke von Luther, Grigalis, Senfl & anderen
Sonntag, 22. Juli 2018

Luthers Laute - Vocalwerke von Luther, Grigalis, Senfl & anderen

Reformationsmusik


Label/Verlag: Christophorus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Countertenor Franz Vitzthum und Lautenist Julian Behr haben Musik von Martin Luther und aus dessen Umfeld eingespielt. Ergänzt wird ihr Programm durch Neukompositionen des lettischen Sängers und Dirigenten Raitis Grigalis.

‚Luthers Laute‘ heißt das im September 2015 erschienene Album des Labels Christophorus in Kooperation mit Radio Bremen. Durch die Werkauswahl wird ein künstlerisches Porträt der Zeit des religiösen Umschwungs geliefert. Die teils als Motetten geschriebenen Werke wurden von dem Lautenisten Julian Behr selbst in Lautentabulatur gesetzt, länger ausgehaltene Töne werden durch Läufe und Verzierungen ergänzt. Dieses Prinzip der Vokalintavolation wurde auch schon im 16. Jahrhundert angewendet. Während der Klangreichtum eines Vokalensembles durch die Laute nicht wiedergegeben werden kann, liegt der Fokus viel stärker auf dem Text, welcher, von einer einzelnen Solostimme vorgetragen, deutlich und klar verständlich wird. Klarheit ist ein passendes Stichwort für Franz Vitzthums strahlenden Countertenor, der sich in dieser Überarbeitung angemessen profilieren kann. Julian Behr ist mit der Laute sowohl begleitendes Fundament als auch gleichberechtigter Partner. Das etwas ungewöhnliche Konzept geht durchaus auf.

Der singende Reformator

Musik spielte in Martin Luthers Leben eine wichtige Rolle. Seine eigenen Kompositionen, zu denen er oft auch selbst den Text schrieb, sind heute jedoch kaum bekannt. 'Frau Musica singt' eröffnet die Einspielung mit freudigem Schwung. Luthers Liebe zur Musik teilt sich unmittelbar mit. Natürlich bleibt auch die andere bedeutende Frau nicht aus; in 'Sie ist mir wert, die liebe Magd' besingt Luther die Gottesmutter Maria. Die andächtigen Klänge sind mit unterschwelliger Euphorie gepaart, die Vitzthum durch dynamisches Feingefühl deutlich macht. Mit Luthers 'Patrem zu deutsch' schließt das Programm, eine freie Übersetzung des Credo a-capella gesungen. Die dorische Melodieführung ist am gregorianischen Choral angelehnt. Diese Orientierung macht Luthers reformistische Idee deutlich: Der musikalische Stil ist gleich, die Sprache jedoch nicht Latein, sondern Deutsch – der Inhalt soll von allen verstanden werden.

Neues gedeiht, wo Altes besteht

Dass den Interpreten trotz altem Stoff an Neuerungen gelegen ist, zeigt die Einbeziehung zeitgenössischer Musik. Raitis Grigalis studierte unter anderem an der Schola Cantorum Basiliensis bei Andreas Scholl und hat durch seine aktive künstlerische Tätigkeit einen starken Bezug zu Alter Musik. Seine drei Kompositionen sind kurz und prägnant. 'Non moriar, sed vivam' und 'In pace inidipsum' werden den entsprechenden Vertonungen von Ludwig Senfl gegenübergestellt und schaffen so ein Spannungsfeld, das fünfhundert Jahre Musikgeschichte überbrückt. Senfls kontrapunktischen Sätzen ist der Ursprung in der Vokalpolyphonie deutlich anzumerken. Die Werke von Grigalis hingegen bilden sphärische Klangräume, die von der glatten, fkussierten Stimme Vitzthums getragen werden – hier wird die Laute zum umspielenden Akteur. Statische Atmosphäre bei Grigalis und gleichmäßiger Fluss bei Senfl finden ihre Vereinbarkeit in der Besetzung.

Zarte Lautenklänge

Auch Julian Behr kommt solistisch zum Einsatz. Neben einem weiteren Werk von Senfl enthält die Einspielung vier Kompositionen des Lautenisten Hans Newsidler aus dem 16. Jahrhundert. Der ruhige und leichtfüßige Charakter beruhigt und verbreitet eine meditative Stimmung. Darunter aber macht sich durchweg ein tänzerischer Duktus spürbar, welcher im 'Nunnentanz' komplett zur Entfaltung kommt. Die Mikrofone waren offensichtlich sehr nah platziert: Immer wieder ist Behrs Atmung zu hören, das suggeriert Nähe und Intimität – zweifellos Geschmackssache. Als störend wird es jedoch auch dem kritischen Ohr nicht aufstoßen.

Bekannte und Unerkannte

Auch vom niederländischen Meister Josquin de Prez steht eine Komposition auf dem Programm. Die Interpreten beweisen Sensibilität für den anmutigen melancholischen Satz und schaffen eine bezaubernde Atmosphäre, die den Text des Chansons widerspiegelt: ‚Tausend Mal bedaure ich, sie zu verlassen und ihrer Liebeskränkung zu entkommen‘. Ähnlich emotional wirkt 'Estans assis aux rives aquatiques' von Claude Goumel, einem Schüler Josquins. Die ersten und auch die letzten Verse werden a capella gesungen, sodass der begleitete Mittelteil von einem mystisch pendelnden Klang umfasst wird, bescheiden und abgeklärt im Vortrag.

Geradezu reißerisch hingegen ist 'Nun treiben wir den Babst hinaus' aus dem Jahre 1548. Verfasser: anonym – kein Wunder, bei diesem Text, in dem der Papst als ‚Antichrist, voll Lügen, Mords und arger List‘ beschimpft wird. Die Laute begleitet akkordisch und ähnelt damit moderner Gitarrenbegleitung. Mit Biss und Kraft bringen Vitzthum und Behr dieses Stückchen zum Erklingen, das mit seiner rebellischen Art schon an Rockmusik erinnert.

Insgesamt gelingt eine abwechslungsreiche Einspielung mit vielen innigen Momenten. Behr und Vitzthum bilden ein wunderbares Team, das aufeinander eingeht und die alte Literatur mit viel Bedacht zum Leben erweckt.

Konstantin Parnian Kurzkritik von Konstantin Parnian ,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Luthers Laute: Vocalwerke von Luther, Grigalis, Senfl & anderen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Christophorus
1
04.09.2015
EAN:

4010072773883


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Christophorus

Christophorus ist das älteste deutsche Plattenlabel mit dem Schwerpunkt "Geistliche Musik". Es wurde 1935 gegründet, um religiöse Inhalte mittels Schallplatten und Bücher auch während des Nazi-Regimes zu verbreiten. Heute - mehr als 75 Jahre später - stehen spirituelle Themen weiterhin im Mittelpunkt des Labels, mit besonderem Interesse für unbekannte Werke und historische Interpretation. Gregorianische Gesänge, geistliche Vokalmusik, Musik der christlichen Kirchen und die Gesänge aus Taizé sind im Katalog ebenso vertreten wie Musik des Mittelalters und der Renaissance. Mit diesem Repertoire gilt Christophorus heute als eines der wichtigsten unabhängigen Labels auf dem internationalen Klassikmarkt.


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