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Sonntag, 21. April 2019

Lasso, Orlando di - Musica Reservata

Klingendes Bild


Label/Verlag: Pan Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Einige der Bußpsalmen von Orlando di Lasso, von einem nach zeitgenössischer Darstellung geformten Ensemble sehr differenziert und farbenreich geboten.

Präzises über die Musik früherer Jahrhunderte, deren Aufführungspraxis, über die Ausführenden, über verwendete Instrumente, genutzte Spieltechniken zu erfahren, ist nicht immer einfach. Gerade für Zeiten, in denen auf Dauer angelegte Verschriftlichung kein selbstverständliches Ziel war, gilt das, etwa für die Renaissance. Am ehesten geben Rechnungen, Verträge oder Urkunden besonderer Ereignisse manchen Aufschluss. Um aber aus dem Reichtum gelebten Lebens schöpfen zu können, sind historische Musikforscher auch auf andere Felder verwiesen, etwa die Ikonografie. Nicht selten liefern zeitgenössische Darstellungen glaubhafte Argumente für bestimmte Annahmen, exemplarisch nachzuvollziehen in Andrew Parrotts Erwägungen zu Johann Sebastian Bachs Chor.

Auch für die aktuelle vorliegende Platte der beiden Formationen Profeti della Quinta und dolce risonanza hat das einigen Belang: Für ein exklusives Programm mit einigen der großen Bußpsalmen von Orlando di Lasso hat Bernhard Rainer sich eine bildliche Darstellung genauer angesehen, die der Münchner Hofmaler Hans Mielich zu jener Prachthandschrift beigesteuert hat, in der Herzog Albrecht V. Orlandos edle Musik für Jahrzehnte als von den Zeitgenossen allenfalls von Ferne bewunderte Musica Secreta bewahrte. Solcherlei Darstellungen lassen sich bei entsprechender Expertise mit Gewinn danach befragen, wie es denn gewesen ist. Welche Instrumente erklangen, in welchen Konstellationen, was geben typische Haltungen über Spielweisen preis, kann man gar auf das der bildlichen Darstellung zugrundeliegende Repertoire schließen? Gewiss, in manchem der Punkte wird  man vermutlich nie letzte Sicherheit erlangen. Aber diese Vorgehensweise hilft doch, besonders plausiblen Lösungen näherzukommen.

Das gilt gerade in einem Repertoire, das heute als einigermaßen vertraut angesehen werden kann und das im 20. Jahrhundert seinerseits eine gewisse Tradierung in der Rezeption erfahren hat. Das hieß im Fall der Bußpsalmen ganz überwiegend: Einige Größe und klangliche Pracht waren feste Parameter. Bernhard Rainer und der künstlerische Leiter des Ensembles dolce risonanza, Florian Wieninger, wenden sich zunächst von übergroßen sakralen Räumen ab und spielen die Musik dort, wo sie historisch hingehört – in einem kammermusikalisch dimensionierten Saal. Dann werden, im Zusammenspiel der Informationen aus Mielichs Bild und den schriftlichen Überlieferungen eines Altisten der Münchner Hofkapella aus der fraglichen Zeit, die wahrscheinlichen instrumental-vokalen Konstellationen geformt: Fünf Streicher stützen die Vokalstimmen; hinzu tritt ein ‚stilles Consort‘ aus stillem Zink, Traversflöte, Cornamuse – ein Windkapselinstrument mit indirekt angeblasenem Doppelrohr –, Bassblockflöte und Bassposaune. Passagen mit ausgewählten Stimmen, den ‚scelte voci‘, werden von Laute und Virginal unterstützt. Die Schlusswirkungen werden, auch das ist der Anordnung der bildlichen Darstellung zu entnehmen, um den Klang eines krummen Zink, einer weiteren Violine und eines Racketts bereichert. Auch letzteres ein hochinteressantes Instrument: Als direkt angeblasenes Doppelrohrblattinstrument von äußerst überschaubarer, büchsenähnlicher Form erreicht es seine klangliche Wirkung im Wesentlichen dadurch, dass die Luftsäule auf Grund der Windungen im Innern des Instruments neunfach verlängert ist. Michael Praetorius empfiehlt das Rackett in seinem ‚Syntagma musicum‘ als charmante Beimischung eines vielgestaltigen Bassklangs, was tatsächlich einen feinen Effekt ergibt, wie die klingenden Ergebnisse der aktuellen Platte zeigen.

Eine Theorie, die in der Praxis bestens funktioniert

Man ahnt es: Orlando di Lassos Bußpsalmen erzielen, so instrumentiert, einen ganz besonderen Reichtum an Farben. Das explizieren die famosen Instrumentalisten von dolce risonanza ganz vorzüglich, beweglich in der linearen Gestaltung, durchsichtig im Ensembleklang, agil, ja behände. Ein Eindruck, der noch dadurch verstärkt wird, dass dem Geschehen ein betont ruhiger musikalischer Puls zugrundeliegt, der freilich an keiner Stelle zu Langeweile führt. Denn Florian Wieninger gibt den Instrumentalisten immer wieder Raum zu filigraner Auszierung, zu spielerisch in die Linien integriertem Schmuck. Das geschieht unaufdringlich, so tatsächlich bereichernd, nie überladen wirkend. Auch die sechs Vokalisten der Profeti della Quinta sind immer wieder aufgefordert, sich auf diese freie Weise den musikalischen Raum zu erobern – was freilich nicht in allen Stimmen gleichermaßen überzeugend gelingen will, ist die technische Basierung dieser gestischen Behändigkeit doch enorm herausfordernd. Von diesem kritischen Befund abgesehen ist eine bemerkenswerte Formation zu erleben. Die sechs Herren formen vom Diskant bis zum Bass ein charaktervolles Ensemble mit interessanten, durchaus individuellen Einzelstimmen. Besondere Erwähnung verdienen die Diskantisten Doron Schleifer und David Feldman, die sich nicht nur mit klarem Glanz, sondern auch mit bemerkenswerter, perfekt intonierter Leichtigkeit positionieren und in ihrer klanglichen Anmutung tatsächlich gelegentlich an Frauenstimmen gemahnen. Der Bassist Elam Rotem scheint dagegen in manch großer Schlusswirkung sein körniges Organ eins mit dem wirklich charmanten Rackett werden zu lassen.

Das Klangbild der in der Bernardikapelle des österreichischen Stifts Heiligenkreuz entstandenen Einspielung ist dem kammermusikalischen Ideal des Ansatzes hörbar verpflichtet, ist klar, durchscheinend, ein feines Abbild der vielen instrumentalen Farben. Bei schlanker Disposition ist es sehr gut balanciert und gestaffelt. Im Booklet informieren Florian Wieninger und Bernhard Rainer überzeugend über Musik und interpretatorisches Konzept, begleitet von einer Reihe angesichts der Vielfalt der erklingenden Instrumente durchaus instruktiven Fotos.

Orlando di Lassos großartige Bußpsalmen goutieren diesen reflektierten Zugriff nicht nur, sie scheinen an Farbigkeit und Vielschichtigkeit im Vergleich mit größer dimensionierten Ansätzen noch dazuzugewinnen. Eine nicht nur musikalisch, sondern auch in ihrem bemerkenswerten Ansatz sehr erfreuliche Platte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lasso, Orlando di: Musica Reservata

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pan Classics
1
05.01.2015
EAN:

7619990103238


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Pan Classics

Gegründet 1992 vom Musikhaus Pan in Zürich, wurde das Label 1997 von den Tonmeistern Clement Spiess und Koichiro Hattori übernommen. 2011 entschloss man sich zu einem radikalen Neuanfang: Der umfangreiche Katalog wurde gelichtet und die verbliebenen Aufnahmen erhielten ein neues, attraktives Erscheinungsbild. Den CDs wird so ein unverwechselbares Äußeres mit einem hohen Wiedererkennungswert verliehen. Geblieben sind dagegen die Vorliebe für außergewöhnliches Repertoire und der Anspruch, mit renommierten Musikern und Ensembles einen künstlerisch hochwertigen Katalog zu schaffen. Zu diesen Künstlern zählen Namen wie die Hammerklavier-Spezialisten Edoardo Torbianelli und Arthur Schoonderwoerd, der Tenor Jan Kobow u.v.a.


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