> > > Schwitters, Kurt: Ursonate
Dienstag, 17. Oktober 2017

Schwitters, Kurt - Ursonate

Mit Humor und Klangverstand


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In ihrer zweiten Einspielung spüren die drei Künstler des SprachKunstTrios sprechbohrer den Facetten der dadaistischen Lautpoesie von Kurt Schwitters nach.

Mit einer neunzigminütigen Gesamtaufnahme der experimentellen Sprachkomposition 'Fa:m’ ahniesgwow' von Hans G Helms hat das Ensemble sprechbohrer vor drei Jahren eine sensationelle Platte vorgelegt (Wergo, 2011). Dass sich die drei Stimmkünstler Sigrid Sachse, Harald Muenz und Georg Sachse nicht umsonst als ‚phonetisch-musikalisches SprachKunstTrio’ bezeichnen, beweisen sie nun mit einer neuen, wiederum bei Wergo erschienenen CD, die sich auf ebenso kunstvolle wie originelle Art der Einspielung von Lautgedichten des Dadaisten Kurt Schwitters widmet. Im Zentrum steht – man muss schon sagen: selbstverständlich – die Interpretation der viersätzigen 'Sonate in Urlauten' (kurz: 'Ursonate', 1923–32), die ganz oder in Teilen zum festen Repertoire von Stimmkünstlern wie beispielsweise Jaap Blonk oder dem Trio exvoco gehört und dementsprechend oft ihren Weg auf Tonträger gefunden hat.

Die 'Ursonate'

Bei der Gestaltung dieses ‚lautpoetischen Opus Magnum’ (Florian Neuner) offenbart sich das ganze Können der drei Interpreten: Schon der Beginn macht deutlich, mit welcher Raffinesse das Ensemble die Textpartitur in mehrstimmige Klangstrukturen auflöst: Der eindimensionale Text wird so auf die drei Vokalisten verteilt, dass beim Vortrag ein durchbrochener Satz entsteht, der Imitationen ebenso enthält wie unterschiedliche Arten der Sprachverdichtung. Teilweise überschneidet sich dabei das von Schwitters in der Sukzession notierte, teils wird es zu klanglich-sprachlichen Unschärfen überlagert, die mit kurzen Soli der einzelnen Stimmen alternieren, und immer wieder trifft das durch eingestreute Vortragsanweisungen emotional eingefärbte Sprechen zudem auf gesungene Passagen. Das erklingende Sprachgebilde gewinnt durch diesen Zugriff eine permanent im Wandel befindliche Plastizität, die bei der Wiedergabe durch einen einzelnen Vokalisten überhaupt nicht realisierbar wäre.

Dieses Prinzip findet sich auch in den übrigen Sätzen: Im Largo treiben die Vokalisten den Gegensatz zwischen Sprache und Gesang weiter voran. Die Silben erklingen über allmählich immer tiefer absinkenden Haltetönen, wodurch sich Assoziationen an die Struktur einer Passacaglia ergeben. Im Scherzo wiederum konfrontiert das Ensemble die raschen Rahmenpassagen voller rhythmisch artikulierter Silben mit einem dreistimmig gesungenen ruhigen Mittelteil, in dem zudem geschickt mit vokalen Obertönen gearbeitet wird, so dass sich der Klang ständig verändert. Das Finale wiederum greift geschickt auf Elemente der Umsetzung zurück, die sprechbohrer in den vorangegangenen Sätzen verwendet hat, wobei das Trio durch die Dreistimmigkeit den Text zu räumlich artikulierten Strukturen formt.

Lautgedichte

Den Rahmen für die ausgedehnte Rezitation der 'Ursonate' bilden zahlreiche kurze, oftmals kaum länger als 30 Sekunden dauernde Lautgedichte von Schwitters. Deren phonetische Wiedergabe ist grundsätzlich nicht unproblematisch, da die Sprachkunstwerke vom optischen ins akustische Medium überführt werden und dabei in vielen Fällen ihre für die Lektüre wesentliche visuelle Gestalt – oftmals als grafische Partitur verstehbar – verloren geht. Es ist das Verdienst dieser Platte, dass sich die drei Vokalisten sehr gut überlegen, welche klanglichen und räumlichen Gestaltungsmittel sich für eine adäquate Vermittlung der grafischen Elemente nutzen lassen: So setzen die drei Sprecher im Simultangedicht 'kaa gee dee' ihre Stimmen mit unterschiedlichen Sprech- und Singintonationen gegeneinander, verwenden in 'boo' und 'naa' sowie im 'Nießscherzo' und im 'Husten Scherzo' Lautäußerungen jenseits der Sprache oder schaffen in 'so la so mi' gar unter Hinzunahme eines Klaviers einen leicht verfremdeter Klanghintergrund auf Basis des Weihnachtsliedes 'Stille Nacht, heilige Nacht'.

Insgesamt ist der Zugriff auf die poetischen Miniaturen nicht nur sehr originell, sondern auch extrem kurzweilig und voller erfrischendem Humor – auch wenn man zwischenzeitlich immer wieder bedauern mag, dass man die optische Komponente des Vortrags, nämlich das Agieren der Interpreten, nicht mitbekommt. Allerdings gibt es zur Abrundung noch einen ausgedehnten, lesenswerten Bookletessay von Florian Neuner, in dem sich allerlei Fundiertes über die Hintergründe von Schwitters’ lautpoetischem Schaffen erfahren lässt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Schwitters, Kurt: Ursonate

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
12.09.2014
EAN:

4010228631623


Cover vergössern

WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag WERGO:

  • Zur Kritik... Elegische Ströme: Atvars Lakstigala und das Liepaja Symphony Orchestra spüren den Spannungswellen der drei hier aufgenommenen Orchesterwerke von Peteris Vasks feinfühlig nach. Allerdings überzeugt nicht jedes Werk gleichermaßen. Weiter...
    (Florian Schreiner, )
  • Zur Kritik... Lob des orchesterbegleiteten Gesangs: Die Sopranistin Juliane Banse glänzt mit drei orchester- und ensemblebegleiteten Gesänge aus den vergangenen sechs Jahrzehnten. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Gezimmerte Klänge: Walter Zimmermann, Jahrgang 1949, gehört zu den wichtigsten Klavierkomponisten der Neue-Musik-Szene. Seine Klavierwerke der Jahre 2001 bis 2006 sind nun von Nicholas Hodges eingespielt worden. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle Kritiken von WERGO...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Dr. Stefan Drees:

  • Zur Kritik... Erkundung klanglicher Zwischenbereiche: Marco Fusi widmet sich auf seiner neuesten CD den solistischen Werken für Violine und Viola von Salvatore Sciarrino. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Bernd Alois Zimmermann im Fokus: Eine aus drei SACDs bestehende Anthologie des Labels Cybele widmet sich in Klang und Wort den späten Werken des Komponisten Bernd Alois Zimmermann. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Würdigung eines wichtigen Komponisten: Pünktlich zum zehnten Todestag von Günther Becker veröffentlicht das Label Cybele eine Anthologie mit drei SACDs, die sich in Klang und Ton dem 2007 verstorbenen Komponisten und seiner Klaviermusik widmet. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Dr. Stefan Drees...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Elspeth Wyllie & Friends: Ein Debüt-CD wie eine Küchen-Party: Eine schottische Pianistin lädt ihre Freundinnen ein, und jede bringt etwas anderes mit. Nicht alles ist gleich gut gelungen, manches aber hervorragend. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Chiffren: I Bassifondi vernachlässigen keinesfalls das Zarte, Zerbrechliche, kosten aber insbesondere die süffigen Harmonien bis zur Neige aus. Vor allem aber sind es fünfzig außerordentlich temperamentvolle und kurzweilige Minuten. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Seelenwispern: Diese Mahler-Lieder-Einspielung ist etwas Besonderes. Und es bleibt zu wünschen, dass sie auf dem Klassikmarkt als eine solche viele Zuhörer findet. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuel (3/2017) herunterladen (0 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (10/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Feliks Nowowiejski: Quo Vadis - Come, brothers, come, and sing to the Lord!

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich