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Samstag, 27. Mai 2017

Schwitters, Kurt - Ursonate

Mit Humor und Klangverstand


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In ihrer zweiten Einspielung spüren die drei Künstler des SprachKunstTrios sprechbohrer den Facetten der dadaistischen Lautpoesie von Kurt Schwitters nach.

Mit einer neunzigminütigen Gesamtaufnahme der experimentellen Sprachkomposition 'Fa:m’ ahniesgwow' von Hans G Helms hat das Ensemble sprechbohrer vor drei Jahren eine sensationelle Platte vorgelegt (Wergo, 2011). Dass sich die drei Stimmkünstler Sigrid Sachse, Harald Muenz und Georg Sachse nicht umsonst als ‚phonetisch-musikalisches SprachKunstTrio’ bezeichnen, beweisen sie nun mit einer neuen, wiederum bei Wergo erschienenen CD, die sich auf ebenso kunstvolle wie originelle Art der Einspielung von Lautgedichten des Dadaisten Kurt Schwitters widmet. Im Zentrum steht – man muss schon sagen: selbstverständlich – die Interpretation der viersätzigen 'Sonate in Urlauten' (kurz: 'Ursonate', 1923–32), die ganz oder in Teilen zum festen Repertoire von Stimmkünstlern wie beispielsweise Jaap Blonk oder dem Trio exvoco gehört und dementsprechend oft ihren Weg auf Tonträger gefunden hat.

Die 'Ursonate'

Bei der Gestaltung dieses ‚lautpoetischen Opus Magnum’ (Florian Neuner) offenbart sich das ganze Können der drei Interpreten: Schon der Beginn macht deutlich, mit welcher Raffinesse das Ensemble die Textpartitur in mehrstimmige Klangstrukturen auflöst: Der eindimensionale Text wird so auf die drei Vokalisten verteilt, dass beim Vortrag ein durchbrochener Satz entsteht, der Imitationen ebenso enthält wie unterschiedliche Arten der Sprachverdichtung. Teilweise überschneidet sich dabei das von Schwitters in der Sukzession notierte, teils wird es zu klanglich-sprachlichen Unschärfen überlagert, die mit kurzen Soli der einzelnen Stimmen alternieren, und immer wieder trifft das durch eingestreute Vortragsanweisungen emotional eingefärbte Sprechen zudem auf gesungene Passagen. Das erklingende Sprachgebilde gewinnt durch diesen Zugriff eine permanent im Wandel befindliche Plastizität, die bei der Wiedergabe durch einen einzelnen Vokalisten überhaupt nicht realisierbar wäre.

Dieses Prinzip findet sich auch in den übrigen Sätzen: Im Largo treiben die Vokalisten den Gegensatz zwischen Sprache und Gesang weiter voran. Die Silben erklingen über allmählich immer tiefer absinkenden Haltetönen, wodurch sich Assoziationen an die Struktur einer Passacaglia ergeben. Im Scherzo wiederum konfrontiert das Ensemble die raschen Rahmenpassagen voller rhythmisch artikulierter Silben mit einem dreistimmig gesungenen ruhigen Mittelteil, in dem zudem geschickt mit vokalen Obertönen gearbeitet wird, so dass sich der Klang ständig verändert. Das Finale wiederum greift geschickt auf Elemente der Umsetzung zurück, die sprechbohrer in den vorangegangenen Sätzen verwendet hat, wobei das Trio durch die Dreistimmigkeit den Text zu räumlich artikulierten Strukturen formt.

Lautgedichte

Den Rahmen für die ausgedehnte Rezitation der 'Ursonate' bilden zahlreiche kurze, oftmals kaum länger als 30 Sekunden dauernde Lautgedichte von Schwitters. Deren phonetische Wiedergabe ist grundsätzlich nicht unproblematisch, da die Sprachkunstwerke vom optischen ins akustische Medium überführt werden und dabei in vielen Fällen ihre für die Lektüre wesentliche visuelle Gestalt – oftmals als grafische Partitur verstehbar – verloren geht. Es ist das Verdienst dieser Platte, dass sich die drei Vokalisten sehr gut überlegen, welche klanglichen und räumlichen Gestaltungsmittel sich für eine adäquate Vermittlung der grafischen Elemente nutzen lassen: So setzen die drei Sprecher im Simultangedicht 'kaa gee dee' ihre Stimmen mit unterschiedlichen Sprech- und Singintonationen gegeneinander, verwenden in 'boo' und 'naa' sowie im 'Nießscherzo' und im 'Husten Scherzo' Lautäußerungen jenseits der Sprache oder schaffen in 'so la so mi' gar unter Hinzunahme eines Klaviers einen leicht verfremdeter Klanghintergrund auf Basis des Weihnachtsliedes 'Stille Nacht, heilige Nacht'.

Insgesamt ist der Zugriff auf die poetischen Miniaturen nicht nur sehr originell, sondern auch extrem kurzweilig und voller erfrischendem Humor – auch wenn man zwischenzeitlich immer wieder bedauern mag, dass man die optische Komponente des Vortrags, nämlich das Agieren der Interpreten, nicht mitbekommt. Allerdings gibt es zur Abrundung noch einen ausgedehnten, lesenswerten Bookletessay von Florian Neuner, in dem sich allerlei Fundiertes über die Hintergründe von Schwitters’ lautpoetischem Schaffen erfahren lässt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schwitters, Kurt: Ursonate

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
12.09.2014
EAN:

4010228631623


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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