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Dienstag, 7. April 2020

Shostakovich, Dmitri - Michelangelo - Suite

Nachtschwärze


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gerald Finley findet für die Schostakowitschs Liedern verdichteten Gehalte des Aufbegehrens, der Trostlosigkeit, Wut, Ergebenheit und traurigen Schwärze einen durch Intimität umso ergreifender wirkenden Ausdruck.

Superlative werden allzu gerne zu Marketingzwecken eingesetzt; es wimmelt vor Weltersteinspielungen und ähnlichen Ausnahmeproduktionen. Daher sei in Bezug auf vorliegende Schostakowitsch-Einspielung des finnischen Labels Ondine nüchtern vermerkt, dass es sich bei zweien der drei aufgenommenen Stücke um Weltersteinspielungen handelt. (Es ist Ondine hoch anzurechnen, dass auf diesen Umstand nicht marktschreierisch auf dem Titel hingewiesen wird, sondern auf der Rückseite und dezent im Beiheft.) Die 'Sechs Romanzen' op. 62 sind freilich längst bekannt und selbst mit englischem Text bereits eingespielt – allerdings in der meist zu hörenden Fassung für Singstimme und Klavier. Schostakowitsch hat jedoch auch eine Orchesterversion der Lieder (op. 62a) hergestellt, von der der Dirigent Thomas Sanderling zwar wusste, die aber bislang als verschollen galt. Nun tauchte sie, offensichtlich falsch katalogisiert, wieder auf. Daher kann die Kombination von englischer Textgrundlage und Orchesterbegleitung als Weltersteinspielung gelten. Auch die zweite Weltpremiere besteht nicht in einem brandneu entdeckten Werk, sondern in einer Fassung der sogenannten Michelangelo-Suite op. 145a, bei der die von Schostakowitsch vertonte russische Übersetzung der italienischen Verse durch das italienische Original (wenn man aufgrund der ungesicherten Quellenlage der Poesie von Michelangelo Buonarotti von ‚Original‘ sprechen kann) ersetzt wurde – verantwortlich zeichnet dafür der fabelhafte Sänger vorliegender Aufnahme, Gerald Finley, der – nebenbei bemerkt – die etwas dürren Werkinformationen im Beiheft durch einen Blick in die Werkstatt des Textarbeiters ergänzt. Einen reizenden Übergang zwischen den beiden Liederzyklen bietet die von Schostakowitsch 1944 orchestrierte schottische Ballade 'Annie Laurie'.

Aber nicht die Tatsache, dass es sich hier Weltpremieren handelt, hebt diese Einspielung besonders heraus, sondern die fabelhafte musikalische Umsetzung – und zwar aufseiten des intelligenten und geschmackvollen Gestalters Gerald Finley als auch in Bezug auf die orchestrale Begleitung: Das exzellent disponierte Philharmonische Orchester Helsinki ist unter der einfühlsamen Leitung des Schostakowitsch-erfahrenen Dirigenten Thomas Sanderling eher Partner und Mitgestalter denn bloßer Begleiter. Sanderling entlässt die Kräfte, die, im Untergrund schlummernd, den Sänger stützen, an den entsprechenden Stellen an der Oberfläche eruptieren. Die große Orchestrierungskunst Schostakowitschs, der in beiden Zyklen ein großes Orchester einsetzt, die Mittel aber sehr ökonomisch nutzt, um Stimmungen großer Eindringlichkeit zu schaffen, kommt bestens zur Geltung. Die mit wenig Aufwand generierten Färbungen wissen Thomas Sanderling und das Orchester in großartiger und hochspannender Weise in musikalischen Ausdruck zu überführen.

Im Mittelpunkt steht freilich der kanadische Bass-Bariton Gerald Finley, der nicht nur in den 'Sechs Romanzen' idiomatisch mit der Textgrundlage umgeht, sondern auch die italienischen Michelangelo-Verse glasklar und butterweich gestaltet. Finleys charaktervoller Bass erinnert ein wenig an Bryn Terfel, ersetzt aber dessen Fülle durch stärkere Fokussierung und ein etwas kernigeres Grundtimbre. Mit wunderbar dunkler Farbe trifft er die Nachtschwärze, die beide Liederzyklen durchzieht. Register bruchlos verbindend wählt Finley den Zugang eines lyrischen Lied-Sängers. Der unerbittlichen Dramatik und Wucht manch russischer Sänger stellt er einen eher vokal gerundeten, auf Zwischentöne und den intimen Dialog mit dem Orchester setzenden, geschmackvollen, aber ungemein eindringlichen Zugriff. Finley hat aber durchaus dramatische Reserven, wie er in 'Ira' aus der Michelangelo-Suite unter Beweis stellt, auch ein zwischen kindlicher Unschuld und Sarkasmus changierender Tonfall ('Jenny') steht ihm zur Verfügung. Man wird Gerald Finley als vollauf überzeugenden Schostakowitsch-Sänger aber vor allem für seine intelligente, kultivierte Phrasierung und die Zwischentöne und -farben unbedingt positiv in Erinnerung behalten, mit denen er unvermittelt denselben Worten einen anderen Inhalt zu geben versteht. Finley findet für die in der Michelangelo-Suite verdichteten Gehalte des Aufbegehrens, der Trostlosigkeit, Wut und Ergebenheit einen durch Intimität umso ergreifender wirkenden Ausdruck.

Positiv zu Buche schlägt auch die sehr gute Klangqualität. Dass es sich um Mitschnitte handelt, merkt man kaum, Nebengeräusche sind minimal. Angenehm direkt ist Gerald Finley eingefangen, so dass jede Schattierung unmittelbar weitergegeben wird; auch die zartesten Farben im Orchester sind klar und deutlich – dies zeigt wieder einmal, dass es in den Händen der richtigen Toningenieure nicht eines hochaufgelösten Audioformats bedarf, um Klangdetails sorgfältig abzubilden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Shostakovich, Dmitri: Michelangelo - Suite

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
07.04.2014
Medium:
EAN:

CD
761195123522


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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