> > > Gobbi, Tito: 100th Anniversary Edition
Sonntag, 1. August 2021

Gobbi, Tito - 100th Anniversary Edition

Mehr als nur eine Stimme


Label/Verlag: ICA Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Verbeugung vor einem der größten Sänger des 20. Jahrhunderts mit erstmals auf DVD präsentiertem Material.

Am 24. Oktober wäre der Bariton Tito Gobbi 100 Jahre alt geworden. Er galt als hervorragender Gesangstechniker und außergewöhnlicher Charakterisierungskünstler. Untypisch für einen italienischen Sänger, feierte er auch große Erfolge abseits des genuin italienischen Repertoires, beispielsweise mit Bergs 'Woyzeck' oder 'Don Giovanni'. Dennoch lag der Schwerpunkt seiner Arbeit auf den großen italienischen Baritonpartien.

Das britische Label ICA ehrt den Jubilar durch erstmals auf DVD veröffentlichte Ausschnitte dreier berühmter Rollenportraits. Quelle ist eine Fernsehreihe der BBC namens ‚Great Characters in Opera‘ aus dem Jahre 1966. In sieben einstündigen Sendungen wurden Hauptwerke des Opernrepertoires vorgestellt in einem Mix aus Erläuterungen und im Opernstudio eingespielten Szenen. An drei Folgen war Gobbi beteiligt. Das komplette szenische Material mit ihm ist auf der DVD zu sehen.

Die Optik ist konventionell verstaubt und auf antiquierte Weise künstlich. Das beginnt bei den Perücken, findet einen Höhepunkt in Rigolettos Schaumstoffbuckel, der aussieht wie die Rückenflosse eines besonders plumpen Fisches, und endet bei der bei fast allen Darstellern statisch-pathetischen Gestik noch lange nicht. Wenn man das sieht, versteht man, warum kein Regisseur genannt wird.

Dennoch faszinieren diese Ausschnitte, und zwar nicht durch die wenigen gelungenen Ausstattungsdetails, sondern einzig und allein durch die Performance Tito Gobbis, der als Rigoletto, Gianni Schicchi und Scarpia zu sehen ist. Seine Wandlungsfähigkeit darf als einzigartig bezeichnet werden und entsteht keinesfalls nur durch seinen exzessiven Gebrauch von Nasenkitt.

Gobbi war als fanatischer Arbeiter bekannt, der sich tief in die Partituren hineinwühlte, sich in Komponistenbiographien und historisches Umfeld versenkte, gleichsam mit seinem ganzen Leben in die Rolle kroch. So fand er für jede seiner Figuren eine unverwechselbare Signatur, einen speziellen Gestus des Singens, individuelle Farben, dazu passende Dynamik und Linienführung. Dazu kommen ausgefeilte Gesichtsmimik und Körperlichkeit.

Tito Gobbi hatte nicht einmal eine besonders schöne Stimme. Sie war für einen dramatischen Bariton ein wenig hell, hatte viel Spitze, viel Kraft, aber wenig Breite. Wo es ihm die Partituren nicht erlaubten, sich über das Orchester zu erheben, schnitt er hindurch, fast wie ein Diamant. Dennoch hat sein Rigoletto eine sanfte Seite. Gobbi singt entspannt, unexaltiert, lässt aber die Angst, die Zerbrechlichkeit des Narren immer mitschwingen, ohne Seufzen und Stöhnen, ohne Mätzchen und Unarten. Sein Gianni Schicchi ist bauernschlau, fast mürrisch, eigentlich überhaupt nicht sympathisch, ein perfekter, griesgrämig-hinterfotziger Schauspieler, eine Mischung aus Karl Valentin, W.C. Fields und einer Mafia-Großmutter. Er scheint etwas schwerfällig zu singen – eine weitere Maske, die er nur momentweise fallen lässt. Bei diesem kurzen Stück ist es besonders schmerzlich, es nicht ganz zu sehen, zumal Gobbi hier mit Sängern wie Michael Langdon oder Yvonne Minton, vor allem aber mit der entfesselten Elisabeth Bainbridge als Zita angemessen starke Partner hat.

Der Scarpia in 'Tosca' war Gobbis Paraderolle. Er sang ihn über 900 mal auf der Bühne sowie auf der berühmten EMI-Aufnahme mit Maria Callas. Den Scarpia legt er überraschend aristokratisch an, mit guten Manieren, Eitelkeit und Standesdünkel, aber nicht pathologisch. Das Böse an sich holt er ‚nur‘ aus Musik und Textdurch noble Tongebung, aber kantige, schmucklose Phrasierung. Diese Normalität vergrößert die Figur. Jede Fingerbewegung hat eine Bedeutung. Marie Collier im Kostüm a la Callas ist Gobbi – wie vorher die blutjunge Renata Scotto als Gilda – eine Partnerin von Rang. Angesichts dieser sängischen Leistungen scheint der berühmte Satz angebracht: Wir werden seinesgleichen nimmer hören noch sehen. Zum Glück gibt es diese DVD.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Regie:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Gobbi, Tito: 100th Anniversary Edition

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ICA Classics
1
11.11.2013
Medium:
EAN:

DVD
5060244551183


Cover vergössern

ICA Classics

Mit ICA (International Classical Artists) entstand im Jahr 2011 das erste DVD- und CD-Label einer Künstleragentur. ICA bietet in seinem Katalog unter dem Label Legacy sowohl wertvolles Archivmaterial, das aus Quellen der BBC, des WDR Köln oder des Boston Symphony Orchestra stammt, als auch die in renommierten Konzertsälen entstandenen Aufnahmen der hauseigenen Künstler, die unter dem Label Live präsentiert werden. Die meisten der ICA-Titel erscheinen erstmals auf DVD oder CD. Alle historischen Aufnahmen sind nach dem neuesten Stand der Technik liebevoll und fachmännisch restauriert worden.

Für diese einmaligen Aufnahmen wurde das Label ICA bereits mit bedeutenden Preisen - wie dem Toblacher Komponierhäuschen, dem Internationalen Mahler Preis und mehreren Diapasons d'Or geehrt. Zu den besonders erfolgreichen Titeln gehören die 1986 entstandene Aufnahme von Mahlers Dritter mit Klaus Tennstedt und dem London Philharmonic Orchestra sowie die DVD mit dem Royal Philharmonic Orchestra und dem BBC Symphony Orchestra unter Rudolf Kempe mit Musik von Dvorak und Richard Strauss.

Das Team von ICA, dem auch die in der Musikindustrie erfahrenen Experten Stephen Wright und John Pattrick angehören, war in den vergangen Jahren am Erfolg von zahlreichen CD- und DVD-Produktionen beteiligt. Dazu gehören beispielsweise The Art of Conducting, The Art of Piano, The Art of Violin sowie die DVD-Serie Classic Archive. Darüber hinaus entstanden in Koproduktion Dokumentationen über Richter, Fricsay, Mravinsky und Toscanini. Das bereits 1998 gegründete BBC Legends Archiv-Label umfasst mittlerweile mehr als 250 CDs. Für EMI Classics entstand die CD-Serie Great Conductors of the 20th Century.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag ICA Classics:

  • Zur Kritik... Besonderes Erlebnis: Auf ihrem Debüt-Album kann Moné Hattori ihr immenses Talent voll ausspielen. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Perfektionismus unter Live-Bedingungen: Beecham war ein Jahrhundert-Dirigent. Diese 4-CD-Box macht mit bislang unveröffentlichten BBC-Mitschnitten von Konzert-Aufführungen wichtiger Werke seines Kern-Repertoires aus den letzten Jahren bekannt. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Gipfeltreffen der Cello-Legenden: Jacqueline du Pré und Mstislaw Rostropowitsch spielen die Cellokonzerte von Schumann und Dvořák in bisher nicht veröffentlichten Konzertmitschnitten von 1962. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
blättern

Alle Kritiken von ICA Classics...

Weitere CD-Besprechungen von Andreas Falentin:

  • Zur Kritik... Archaisch wild: Aulis Sallinens grandios eingespielte vierte Oper 'Kullervo' ist nichts für labile Naturen. Weiter...
    (Andreas Falentin, )
  • Zur Kritik... Wortmächtig: Honeggers 'Roi David' ist eine interessante Rarität, bei deren Wiedergabe die gesprochene Sprache die gesungene dominiert. Weiter...
    (Andreas Falentin, )
  • Zur Kritik... Eigenständig: Die Neuen Vokalsolisten Stuttgart bieten so außergewöhnliche wie eigenwillige experimentelle Vokalmusik – und noch dazu grandios gesungen. Weiter...
    (Andreas Falentin, )
blättern

Alle Kritiken von Andreas Falentin...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (1/2021) herunterladen (2500 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2021) herunterladen (3560 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich