> > > Schumann, Robert: Sonaten Nr. 1 - 3 für Violine & Klavier
Dienstag, 21. November 2017

Schumann, Robert - Sonaten Nr. 1 - 3 für Violine & Klavier

Kontrollierte Glut, Poesie und Strenge


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Christian Teztlaff und Lars Vogt legen eine sehr ungewöhnliche, aber außerordentlich schlüssige Aufnahme von Schumanns Violinsonaten vor.

Verhalten beginnt die Musik, mit wellenförmiger Dynamik breiten sich die beiden Instrumentalstimmen aus und steuern auf einen ersten Höhepunkt zu, den sie sofort wieder zurücknehmen, indem sie einen stark verflochtenen, klanglich flexibel bleibenden Dialog anstimmen, dessen Expressivität in hohem Maße kontrolliert erscheint. So beginnt der Kopfsatz von Robert Schumanns Violinsonate a-Moll op. 105 in einer bei Ondine erschienenen Einspielung von Christian Tetzlaff (Violine) und Lars Vogt (Klavier). Was die beiden langjährigen, in unterschiedlichen Besetzungen zusammen musizierenden Kammermusikpartner hier machen, ist symptomatisch für ihre gesamte Interpretation, denn sie haben eine sehr ungewöhnliche, über weite Strecken hinweg vorsichtig tastende Einspielung der drei Schumann’schen Sonaten festgehalten. Im ersten Augenblick ist man daher ein wenig verdutzt, weil man die brodelnde Leidenschaft anderer Aufnahmen vermisst und sich eher einer Strategie der Reduktion gegenübersieht, wodurch viele Vertrautheiten ins Wanken geraten. Die eigentliche Meisterschaft der Musiker liegt jedoch darin, dass sie gerade auf diese Weise der Musik eine außergewöhnliche Ausstrahlung verleihen.

Dies beginnt beim Umgang mit dem Klang: Mit minimalem Pedalgebrauch zaubert Vogt kantable Klänge aus dem Klavier, denen sich Tetzlaff mit seinen Phrasen perfekt anpasst. Demgegenüber wird das musikalische Drama kaum jemals auf der Außenseite der Musik ausgetragen und klingt höchstens in den Schlussabschnitten der Kopf- und Finalsätze ganz unmittelbar an. Stattdessen setzen die Musiker auf vielfach abgestufte und sorgfältig geformte klangliche Raffinessen im Piano oder Mezzoforte, wodurch gerade den langsamen Sätzen eine besondere Intimität und Introvertiertheit zuwächst. Zugleich profitiert die Musik von Vogts umfassender Kenntnis des Schumann’schen Klavierschaffens, da der Pianist in vielen Wendungen einen poetische Nachhall der frühen Zyklen aufblitzen lässt und so geschickt einen Bogen von den 1851 und 1852 entstanden Sonaten zum Schaffen der 1830er Jahre schlägt. Unterstrichen wird dies durch die Präzision eines Vortrags, bei dem jede kleinste Regung, jede minimale gestische Verzögerung in perfekter Übereinstimmung sitzt und dazu beiträgt, dass – wie in den Doppelgriffpassagen über der weichen Klavierbegleitung im langsamen Satz der Sonate d-Moll op. 121 – eine enorme klangliche Zartheit entsteht (hier allerdings zwischenzeitlich auch durch die eisigen ‚sul ponticello‘-Klänge der Violine eingetrübt).

Dass die drei Sonaten stellenweise gar eine gewisse Strenge ausstrahlen, lässt sie in völlig neuem Licht erscheinen: Was Tetzlaff und Vogt in den Introduktionen der d-Moll- und der posthumen a-Moll-Sonate WoO 27 andeuten, indem sie die Akkorde jeweils nur kurz anreißen und den Nachklängen Raum geben, offenbart sich im weiteren Verlauf als kontrollierter Zugang, der einer klaren Artikulation, verbunden mit einem Höchstmaß an Durchhörbarkeit, den Vorrang vor anderen Ausdrucksmitteln einräumt. Dabei legen die Musiker gerade in WoO 27 auch viel Wert auf die Herausarbeitung von Schumanns Kanonkünsten und verblüffen den Hörer mit einer Enthüllung ungewöhnlicher Bezüge – treten dadurch doch einige sonst eher vernachlässigte Aspekte zu Tage, insbesondere die Nähe zur zeitgleich entstandenen Klavierbegleitung zu Bachs Sonaten und Partiten für Violine solo und der darin kristallisierten Auseinandersetzung mit barocken Satzstrukturen.

Es wird sicher nicht jedem gefallen, was sich Tetzlaff und Vogt bei ihrer klugen Lesart der Schumann’schen Violinsonaten haben einfallen lassen; aber es ist in der Gesamtheit extrem spannend, weil sich die Einspielung einerseits gegen eingefahrene Hörerwartungen wendet, andererseits aber auch Schumanns frühe Arbeiten in den späten Werken spiegelt. Mit anderen Worten: eine großartige Aufnahme, die ein ganz genaues Anhören lohnt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Schumann, Robert: Sonaten Nr. 1 - 3 für Violine & Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
09.09.2013
EAN:

761195120521


Cover vergössern

Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Von Prof. Dr. Stefan Drees zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Kommunikation mit dem Hörer: Carolin Widmann und Dénes Várjon legen eine Aufnahme der Schumannschen Violinsonaten vor, wie sie packender kaum zu denken ist. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, 24.09.2008)
  • Zur Kritik... Intensität und Detailreichtum: Der Geiger Ulf Wallin lässt seiner Einspielung von Schumanns Werken für Violine und Orchester eine hervorragende Aufnahmen sämtlicher Violinsonaten mit dem Pianisten Roland Pöntinen nachfolgen. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, 05.03.2012)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Ondine:

  • Zur Kritik... Beethoven für Millennium Snowflakes: Nun also Lars Vogt im New Millennium Look, zusammen mit der Royal Northern Sinfonia aus Sage, Großbritannien. Das Orchester dirigiert er gleich selbst. Irgendwie selbstverständlich in unseren DIY-Zeiten. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
  • Zur Kritik... Land der 1000 Klänge: 100 Jahre Finnland, 100 Jahre Musik: Diese Kompilation bietet einen klugen Einstieg in weite nordische Klangwälder. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Kritik... Brahms-Dialoge: Das Label Ondine legt mit diesem neuen Album zwei Brahms-Bearbeitungen sowie eine Originalkomposition der jüngeren Vergangenheit vor. Besonders überzeugend gelingen dabei die solistischen Leistungen von Michael Nagy und Kari Kriikku. Weiter...
    (Vincent Fidomski, )
blättern

Alle Kritiken von Ondine...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Dr. Stefan Drees:

  • Zur Kritik... Eigenes in Eigenem: Die Pianistin Sabine Liebner überzeugt mit einer klugen und durchdachten Anordnung von Klavierstücken Mauricio Kagels. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Stillstellung der Zeit: Die neueste Produktion des Organisten Dominik Susteck bringt Werke mit ungewöhnlicher Zeitstruktur von John Cage und Toshio Hosokawa mit eigenen Orgelimprovisationen zusammen. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Trumpet Heroes: Håkan Hardenberger und das Gothenburg Symphony Orchestra unter John Storgårds glänzen mit zwei zeitgenössischen Trompetenkonzerten. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Dr. Stefan Drees...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Eigenes in Eigenem: Die Pianistin Sabine Liebner überzeugt mit einer klugen und durchdachten Anordnung von Klavierstücken Mauricio Kagels. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Stillstellung der Zeit: Die neueste Produktion des Organisten Dominik Susteck bringt Werke mit ungewöhnlicher Zeitstruktur von John Cage und Toshio Hosokawa mit eigenen Orgelimprovisationen zusammen. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Schwermütiger Liebestraum: Von 'La Rondine' gibt es alles andere als zu viele Aufnahmen, weshalb diese Neuerscheinung eine wirklich willkommene und gelungene Ergänzung darstellt. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2017) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (4/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Julian Prégardien im Portrait "Das ganze Projekt ist eine Reise durch die Musik"
Julian Prégardien macht die Aufführungsgeschichte großer Werke anschaulich - und setzt Impulse für die Zukunft

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich