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Donnerstag, 22. November 2018

Dark/Rooms - Nikodijevic, Marko

Spiel mit Masken


Label/Verlag: col legno
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Porträt-CD mit Orchester- und Ensemblewerken von Marko Nikodijevic setzt die bei col legno erscheinende Reihe mit Veröffentlichungen zu den Preisträgern der Ernst von Siemens Musikstiftung fort.

Hört man sich die Porträt-CD von Marko Nikodijevic an, als Neuveröffentlichung in der exzellent aufgemachten Reihe mit Förderpreisträgern der Ernst von Siemens Musikstiftung bei col legno erschienen, erkennt man sofort eine wesentliche kompositorische Strategie des 1980 in Serbien geborenen Komponisten: Er versteckt sich hinter Masken und arbeitet auf der Folie stilistischer Eigentümlichkeiten, indem er auf bestimmte, historische genau lokalisierbare Werke oder kompositorischen Kennzeichen zurückgreift und diese von innen heraus auflöst bzw. ihnen ein verändertes Profil verschafft. Was andere Zeitgenossen mehr oder minder erfolgreich durch digitale Manipulation von Soundfiles am Computer zelebrieren, versetzt Nikodijevic wiederum ins Medium der Notenschrift und verleiht der Musik dadurch weitaus deutlicher den Anschein eines Palimpsests. Das tut er sehr gekonnt, indem er der eigenen Kreativität gerade durch den Umgang mit dem Orchester oder Ensemble zum Durchbruch verhilft.

Ganz deutlich tritt dieses Verfahren in 'cvetić, kućica …/ la lugubre gondola' zu Tage, einer ‚Trauermusik für Orchester nach Franz Liszt‘ (2009), die von Liszts berühmtem Klavierstück ausgeht und dessen Texturen auf unterschiedliche Weise durchbricht. In der Umsetzung durch das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Leitung von Jonathan Stockhammer prallen dabei unterschiedliche, zum Teil auch sehr herbe und klanglich abgedunkelte Farbfäden aufeinander. Im Ensemblestück 'music box/selbstportrait mit ligeti und strawinsky (und messiaen ist auch dabei)' (2000.01/2003/2006) besinnt sich Nikodijevic auf das mittlere Stück aus György Ligetis 'Monument – Selbstportrait – Bewegung' für zwei Klaviere (1976) und bedient sich ähnlicher Verfahren, um auf musikalische Vorbilder und Einflüsse zu verweisen. Hier zeigt der Komponist, dass er auch zupacken kann und sich nicht nur in leisen Klängen ergeht. Entsprechend plastisch wirkt die exzellente Umsetzung durch das Nieuw Ensemble unter Leitung von Micha Hamel.

Hat man dieses Verfahren erst einmal verstanden, ergibt sich der Zugang zu den übrigen Stücken wie von selbst: Im Ensemblestück 'chambres de ténébres/tombeau de claude vivier' (2005/2007-2009/2012) setzt sich Nikodijevic mit den Klangwelten des kanadischen Komponisten Claude Vivier auseinander. Das Ensemble musikFabrik geht unter Leitung von Leitung Clement Power bei der musikalischen Umsetzung dieses Werkes stellenweise heftig zur Sache. In 'gesualdo dub/raum mit gelöschter figur' (2012), einem Konzert für Klavier und Ensemble, tritt zu diesem Gespann noch der Pianist Benjamin Kobler hinzu. Hier lassen sich leise, mitunter sehr zarte Klänge vernehmen, zwischen Solist und Ensemble hin und her bewegte Akkorde, die zuweilen den Eindruck von Bewegungsgesten hinterlassen, aber auch in den Raum schneidende Aktionen, in denen die Klänge massiv gebündelt werden.

Den Abschluss bildet das wilde, manchmal geradezu hemmungslose Orchesterstück 'GHB/tanzaggregat' (2009/2011), wiederum vortragen vom ORF-Symphonieorchester unter Stockhammer, in dem der Komponist vor allem mit vorwärtstreiben rhythmischen Elementen arbeitet und sich auf Verfahren aus der elektronischen Tanzmusik bezieht. Hier wie in den übrigen Fällen pendeln Ergebnisse zwar zwischen Bekanntem und Neuformuliertem; dass Nikodijevic es sich jedoch bei seiner Arbeit nicht einfach macht, verdeutlichen allein schon die häufigen Überarbeitungen seiner Stücke – der Umstand also, dass er sich dem einmal durchdachten Thema wieder und wieder widmet, um die Auseinandersetzung damit zu modifizieren und in eine endgültige Form zu bringen. Dass man dies gedanklich gut nachvollziehen kann, dafür sorgen auch das ganz hervorragende Booklet und der außerordentliche Klang der Produktion.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dark/Rooms: Nikodijevic, Marko

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
col legno
1
14.06.2013
EAN:

9120031341062


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col legno

Welche Produktion von col legno Sie auch vor sich haben, eines ist gewiss: bunt wird sie sein und außergewöhnlich. Wir widmen uns herausragender Musik der Gegenwart und den Visionen ihrer Protagonisten.

col legno bedeutet "mit dem Holz". Jeder Streicher weiß, was zu tun ist, wenn er diese Spielanweisung in seinen Noten liest: Er nimmt den Bogen, dreht ihn um und schlägt mit dem Holz auf die Saiten. Einst unerhört! Heute noch überraschend. Mit dieser spielerischen Offenheit dem Instrument gegenüber wurde die Klangvielfalt erweitert. Dieselbe Offenheit widmet col legno der Musik.

col legno veröffentlicht Neue Musik - umfassend und zeitgemäß. Das Label steht für die Vielseitigkeit der Gegenwart und aufregende Interpretationen von Musik der Vergangenheit. Unsere Hörer haben viel mit uns gemein: Sie heißen Neues willkommen, wechseln Perspektiven, genießen eine Prise Humor und lieben das Kribbeln beim Genuss kreativer Inspiration.

col legno nutzt die jeweils für die Produktionen optimalen Tonträger und Formate - von der CD über Multichannel Medien bis hin zu gänzlich neuen Entwicklungen. Dabei bieten wir unseren Hörern immer "state-of-the-art" Technik und beste Audioqualität.

Die künstlerische Leitung des Labels wurde 2005 von Andreas Schett und Gustav Kuhn übernommen. Unter ihrer Führung hat sich der Katalog kontinuierlich und in klaren Zügen erweitert. Seit 2015 ist Andreas Schett alleiniger Inhaber des Labels.

col legno - new colors of music

 


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