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Freitag, 19. Juli 2019

Schubert, Franz - Octet

Raffiniert und klangvoll


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine neue Einspielung von Franz Schuberts F-Dur-Oktett weiß auf ganzer Linie zu überzeugen.

Franz Schuberts Oktett F-Dur D 803, entstanden im Jahr 1824, stellt die Interpreten vor einige besonders schwierige musikalische Aufgaben. Zunächst einmal ist da der Spagat zwischen den anspruchsvollen Sätzen voller Zwischentöne und den eher der Divertimentotradition entstammenden Werkteilen zu bewältigen. Dann aber ist das Werk auch rein technisch gesehen eine enorme Herausforderung, weil der Instrumentalsatz unter raffinierter Verwendung von Oktavierungen komponiert ist und jede noch so kleine Intonationsschwankung den Zusammenklang empfindlich stört. Der Reihe von mehr oder minder gelungenen Einspielungen es Werkes fügt die bei Genuin erschienene Produktion mit Markus Krusche (Klarinette), Daniel Mohrmann (Fagott), Christoph Eß (Horn), dem Amaryllis Quartett (Gustav Frielinghaus und Lena Wirth, Violine; Lena Eckels, Viola; Yves Sandoz, Violoncello) und Alexandra Hegstebeck (Kontrabass) ein neues Glanzlicht hinzu, das man uneingeschränkt weiterempfehlen kann.

Von Anfang an überzeugt der Detailreichtum der Aufnahme, der Blick für oft nebensächlich wirkende Tonrepetitionen, Begleitfiguren oder Haltetöne, die hier außerordentlich profiliert herausgearbeitet werden. Dadurch entsteht nach der akkordisch geprägten Einleitung im Allegro-Abschnitt des Kopfsatzes ein plastisches Geflecht von Vorder- und Hintergrundereignissen, dem durch die vorwärtstreibend artikulierten Synkopen in der Begleitung oder auch durch leichtes Hinauszögern von musikalischen Akzenten eine unterschwellige, kaum fassbare Unruhe eingeschrieben wird. Wie klangschön die Einspielung geraten ist, erfährt man allenthalten, kann man aber vor allem im 'Adagio' erleben: Hier reagiert der weiche und zarte Bläserklang, der unter Mitwirkung der Streicher immer anders eingefärbt wird. Gerade die leisen Passagen entfalten sich zu besonderer Intensität, die sich bis in die dialogischen Einsätze hinein fortsetzt. Eine wenig stärker hätte man bei den Trugschlüssen vielleicht noch auf eine leichte Verzögerung hinarbeiten können, wären hierdurch doch die harmonischen Umbrüche – etwa in der Coda – noch besser zur Geltung gekommen.

Zu den schönsten Teilen der Aufnahme gehört, von der hervorragenden klangtechnischen Umsetzung gestützt, der Variationssatz, der die Qualitäten der Interpreten ins allerbeste Licht rückt. Dazu tragen nicht nur die jeweils solistisch hervortretenden, teils von anderen Stimmen im Oktavabstand eingefärbten Instrumentalparts, sondern vor allem auch die sorgfältig zu einem flexiblen Gewebe geknüpften Begleitstimmen bei. Dem steht in den Tanzsätzen Scherzo und Menuett ein eleganter bis markanter, gelegentlich mit besonderer Herausarbeitung von Akzentsetzungen arbeitender Zugriff gegenüber, der auch im Finale zur Anwendung kommt, dort allerdings – vor allem in den durch dramatische Tremoli gekennzeichneten Passagen – noch ein wenig mehr Schroffheit hätte vertragen könne. Die Entscheidung der Interpreten für eine lichter wirkende Umsetzung dieses Teils ist jedoch nachzuvollziehen und führt das einstündige Werk zu einem runden Abschluss.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Bisherige Kommentare zu diesem Artikel

  1. Meine Meinung
    An Mozart kann ich mich gar nicht satthören, an Schubert aber auch nicht. Alles, was er auf Notenlinien schrieb, ist nicht nur seelenstreichelnd schön; es ist auch das klingende Ergebnis eines mutigen in die Zukunft weisenden und mit allerhand Musik-Parametern ungewohnt experimentierenden genialen Schöpfergeistes. Sein Oktett zeigt das bezwingend deutlich. Nach einer wahren Flut von Harmoniemusiken seit der Wiener Klassik hatte Beethoven 1799 mit seinem Septett op. 20 eine Erweiterung übers Gewohnte hinaus versucht, dabei aber den unterhaltsamen Serenadencharakter nicht unterdrückt. Fünfundzwanzig Jahre später ergänzte Schubert die Streichgruppe um eine weitere Violine, beließ es aber bei der auch schon von Beethoven gewählten Erweiterung der Bläsergruppe um die Oboe auf drei Bläser und bei der Bassverstärkung durch einen Kontrabass, der allerdings auch in den gewohnten Harmoniebesetzungen oft ad libitum das Fundament zu verstärken pflegte. Eine ganze Stunde lang werden wir von immer neuen Klang- und Instrumentenkombination überrascht, die das phantasievolle Melodiengeflecht aller sechs Sätze in der Verteilung auf die beteiligten Instrumente schier unerschöpflich einfallsreich immer wieder anders zuordnet, miteinander verschränkt, einzelne Soli einstreut und die Charakteristika der Instrumente fortwährend gegeneinander und auch wieder miteinander ausspielt.

    Selten wird dieses Hin und Her, dieses Auf und Ab, dieses Mit- und Gegeneinander, dieses Laut und Leise, dieses Wuchtige und Feine so bezwingend vermittelt wie in dieser Neuaufnahme mit jungen Solisten ? nur der Primgeiger des Amaryllis-Quartetts ist vor 1980 geboren, alle anderen später ?, alles Preisträger von ARD-Wettbewerben, die Bläser inzwischen alle meist in Leitungspositionen deutscher Orchestern, das Amaryllis-Quartett mit weiteren Preisen ausgezeichnet in vorderster Reihe internationaler Streichquartette. Das ungemein nuancenreiche Spiel dieser hochtalentierten Instrumentalisten sorgt mit abwechselnd zwischen zu verhauchenden Pianissimi gezähmtem und dann wieder in geballter Vehemenz losgelassenem Ungestüm für mitreißende Wirkung. Andauernd erhält ein Instrument einen solistischen Auftritt, sehr oft die melodieführende Klarinette, immer wieder das unendlich warm und geschmeidig klingende Horn, das in mancher Parallelführung mit dem sonoren Fagott dem Duoklang einen satten feinen Klangduft verleiht, während die Violine sich wiederholt vogelzwitschernd in hohen Figurationen aussingt.

    Der Stimmungsgehalt der so unterschiedlichen Sätze umfaßt zwischen strahlend entstehender Lebensfreude und fahlen Endzeit-Tremoli einen großen Bereich menschlicher Emotionen und es erstaunt und begeistert, wie die junge Musikmannschaft diesen musikalisch so weitgespannten Gefühlskosmos derart faszinierend in Klang zu verwandeln vermag. Diese Aufnahme setzt für Schuberts Oktett einen neuen Standard!

    DiStep, 26.11.2013, 14:20 Uhr
    Registriert seit: 03.10.2010

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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schubert, Franz: Octet

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
01.06.2013
Medium:
EAN:

CD
4260036252699


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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