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Mittwoch, 18. Oktober 2017

Schubert, Franz - Die Winterreise

Eine neue 'Winterreise'


Label/Verlag: Challenge Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Christoph Prégardien und Michael Gees haben gemeinsam Schuberts 'Winterreise' aufgenommen. Eine in jeder Hinsicht hervorragende Interpretation dieses berühmten Liederzyklus.

Es ist vollbracht: Christoph Prégardien hat mit seiner neu aufgenommenen 'Winterreise' die Gesamtaufnahme der Schubert-Liederzyklen bei Challenge Classics abgeschlossen. Vorangegangen waren 'Die schöne Müllerin' mit Michael Gees am Konzertflügel (2007) und Schwanengesang mit Andreas Staier am Fortepiano (2008). Mit Staier hatte Prégardien bereits in den 1990ern zwei viel beachtete und mehrfach ausgezeichnete Aufnahmen der 'Müllerin' und der 'Winterreise' aufgenommen. Auf der kürzlich erschienenen 'Winterreise' ist – genau wie bei der jüngeren, ebenfalls ausgezeichneten Aufnahme der 'Schönen Müllerin' – erneut Michael Gees am Klavier zu hören. Und ohne dass die ältere Aufnahme als überholt gelten muss, darf dabei ohne Übertreibung wiederum erneut von einer Bereicherung gesprochen werden.

Prégardiens neue 'Winterreise'

Ein grundsätzlicher Unterschied zu den Aufnahmen mit Andreas Staier ist das begleitende Instrument: Staier spielt auf einem Hammerflügel, Gees auf einem modernen Konzertflügel. Zweifelsohne hat beides seinen Reiz und beide Aufnahmen sind in sich schlüssig und überzeugend, denn beide Pianisten verstehen es auf scheinbar mühelose Weise, ihren Instrumenten eine breite Palette an Klangfarben zu entlocken. Unter anderem dieser Aspekt war es, der die Aufnahme mit Andreas Staier damals so interessant machte, zählt sie doch zu den ersten Aufnahmen der 'Winterreise' mit Fortepiano. Doch auch Michael Gees gelingt auf dem Flügel eine immer wieder beeindruckend farbenfrohe Interpretation der Schubertlieder. Sein Klavierspiel ist äußerst differenziert und facettenreich in Klangfarbe und Anschlagskultur. Gees ist damit genau so nah am Text wie Prégardien und interpretiert den Klavierpart nicht weniger gesanglich als sein singender Kollege. Gemeinsam gelingt es Prégardien und Gees eine derartig intensive Interpretation von Schuberts 'Winterreise' vorzulegen, der man selbst als eingefleischter Schubertkenner und 'Winterreisen'-Liebhaber mit größter Spannung zuhört, als höre man eine völlig neue Komposition.

Vor allem wenn man Prégardiens ältere 'Winterreise' mit Staier am Hammerflügel gut kennt, ist bei der neuen Aufnahme sofort zu hören, dass die Reise dieses Mal etwas schneller geht. Zumindest beginnt sie mit einem deutlich schnelleren 'Gute Nacht'. Auf dem Papier dauert diese Reise unterm Strich knapp 71 Minuten und ist damit insgesamt gut drei Minuten kürzer als noch vor 16 Jahren. Dem etwas zügigeren Tempo kommt der direkte, ja fast plastische Klang entgegen, den man schon von Prégardiens letzten Produktionen bei Challenge Classics kennt. Gesang und Klavier treffen bei der Wiedergabe in einer perfekten Balance aufeinander, mit einer angenehm dezenten Portion Raumklang. Die Fokussierung auf den Gesang ermöglicht zudem eine noch bessere Textverständlichkeit. Die Tendenz, weg vom Einheitslegato hin zu einem verständlich artikulierten Text und einer musikalischen stringenten Deklamation, prägte bereits seine ältere 'Winterreise'. In der jüngeren Aufnahme ist dieses Prinzip nun noch stärker ausgeprägt, ohne dass sich die Darbietung ins Affektierte verliert. Selbst bei leisestem Gesang ist hier wirklich jeder Konsonant zu hören. In Anbetracht einer Aufnahme dieser Besetzung von großer klanglicher Transparenz zu sprechen, mag vielleicht abwegig klingen, aber das hier realisierte Aufnahmekonzept ist äußerst überzeugend und in seiner Art schlichtweg hervorragend umgesetzt. Eine so dynamische und gleichzeitig so intime 'Winterreise' ist höchstens im privaten Wohnzimmerkonzert zu erleben. Aufnahmen solcher Qualität offenbaren das oft verkannte, weil nur selten ausgeschöpfte Potenzial eines Tonträgers.

Die dynamische Aufnahme bedienen Prégardien und Gees durch eine ebenfalls sehr dynamische Gestaltung. Dabei geht es jedoch niemals um Effekthascherei, sondern immer um die ausdrucksstarke Gestaltung des Notentextes, bei der Akzente niemals Selbstzweck sind. Im Vergleich zu den älteren Aufnahmen klingt Prégardiens Stimme inzwischen noch baritonaler. Es ist das kultivierte und niemals übertriebene Vibrato des lyrischen Tenors, das seine Stimme so sympathisch, so angenehm macht. Allerdings geht es ihm bei Schubert nicht um den bloßen Schönklang. Die Dramatik der Lieder lebt bei ihm im erzählerischen Moment. Verzierungen, wie er sie in seiner letzten Aufnahme der 'Schönen Müllerin' eingefügt hat, gibt es in dieser 'Winterreise' übrigens nicht.

Weniger Selbstmitleid, mehr Mut!

Besondere Momente der Interpretation finden sich unter anderem im berühmten 'Lindenbaum' oder etwa auch im 'Frühlingstraum'. Die Zeit scheint hier wie still zu stehen, wenn der Wanderer sich in die heile Welt seiner Vergangenheit zurückträumt. Umgeben von Eiseskälte und Einsamkeit wirken diese träumerischen Momente bei Prégardien und Gees durch größtmögliche Einfachheit und Einfühlsamkeit. In einem auf Videoplattformen im Internet zu findenden Trailer erzählt Chrisoph Prégardien, dass sich sein Verständnis des Zyklus im Laufe der Jahre verändert hat. Inzwischen versteht er Schuberts 'Winterreise' weniger als eine Geschichte voller Selbstmitleid; vielmehr steht für ihn nun der Kampf mit dem eigenen Schicksal im Vordergrund, an dessen Ende nicht unbedingt der Tod stehen muss. Wenngleich das Wirtshaus auch bei Prégardien und Gees bedrohlich kalte Stimmung ausstrahlt: Es endet mit einem ganz entschiedenen ‚nur weiter!‘, dem das folgende Lied 'Mut' quasi attaca folgt. Ein echter Überraschungseffekt, zumal in diesem strammen Marschtempo, vor Kraft strotzend. Der Mut des Wanderers entspringt hier nicht der Verzweiflung, sondern seinem Kampfgeist.

Eine dem nicht widersprechende Auslegung gibt Paul Korenhof im Booklet. In seinem klugen und lesenswerten Begleittext deutet er die 'Winterreise' als Selbstporträt Schuberts. Ohne sich dabei in Spekulationen zu verlieren, gelingt ihm eine äußerst differenzierte Darstellung. Darin beleuchtet er auch die prinzipiellen Unterschiede zur 'Schönen Müllerin', nämlich, dass es sich bei der 'Müllerin' um eine dramaturgisch stringente Geschichte handelt, bei der 'Winterreise' jedoch um eine Aneinanderreihung unterschiedlicher Stimmungsbilder.

Christoph Prégardien und Michael Gees setzten diese Stimmungsbilder mühelos in wunderschöne Musik um. Wie selbstverständlich gelingt ihnen eine bei aller Kälte doch ausgesprochen sympathische 'Winterreise', in der viel Neues zu entdecken ist. Eine wirklich erstklassige Aufnahme. Hervorragend!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schubert, Franz: Die Winterreise

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Challenge Classics
1
28.03.2013
EAN:

608917259629


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Challenge Classics

CHALLENGE RECORDS ist eine unabhängige Schallplattenfirma, die ihren Sitz in den Niederlanden hat. Sie setzt sich aus einer Gruppe von Musikenthusiasten zusammen, die mit großer Leidenschaft für den Jazz und die Klassische Musik internationale Produktionen kreieren.
Die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Ton Koopman, dem Combattimento Amsterdam, dem Altenberg Trio Wien, Musica Antiqua Köln u.v.a., gibt CHALLENGE CLASSICS ein eindeutiges Profil.
Neben den inhaltlichen Schwerpunkten im Bereich der Barockmusik und der Kammermusik, finden sich auch herausragende Aufnahmen im Liedgesang, in frühklassischer Sinfonik sowie Opern und Oratorien auf DVD-Video.


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