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Sonntag, 1. August 2021

Mahler, Gustav - Sinfonie Nr. 1 & 8

Solidaritätsaktionen


Label/Verlag: ICA Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Musiker und der Mensch Hartmut Haenchen kommen gleichermaßen zum Vor-schein bei dem Projekt der Aufführung von Mahlers Achter. In Verbindung mit der Ersten von Mahler ein Glückwunsch zum 70. Geburtstag des Dirigenten.

Das Hochwasser an zahlreichen Flüssen in Süd- und Ostdeutschland, das auch dieser Tage wieder Medien und Gedanken der Menschen beschäftigt und zu vielfältigen Hilfsaktionen führt, war Hartmut Haenchen im Jahr 2002 Anlass, Mahlers Achte, mit der er sich gerade aus Amsterdam verabschiedet hatte, in Dresden zugunsten der Flutopfer aufzuführen. Auf andere Weise solidarisch hatte sich Haenchen durch seinen Weggang aus Amsterdam gezeigt, den er als Protest gegen die Streichung von Musikerstellen bei den Niederländischen Philharmonikern verstanden wissen wollte.

Jubiläum

Ein Mitschnitt dieser Produktion sowie ein Mitschnitt der Ersten Sinfonie Gustav Mahlers aus dem Jahr 1999 sind nun auf einer Doppel-CD des Labels ICA Classics zusammengefasst worden, offensichtlich und ohne, dass dies ausdrücklich vermerkt worden wäre, aus Anlass des 70. Geburtstags von Hartmut Haenchen im März dieses Jahres.

Aus Dresden stammend und in der DDR aufgewachsen und ausgebildet, wurde Haenchen 1985 Chefdirigent der Niederländischen Philharmonie und im Jahr darauf Generalmusikdirektor der Niederländischen Oper. Neben der langjährigen Leitung dieser Ensembles gastierte er an zahlreichen Häusern und sorgte für eine breitgefächerte, umfangreiche Diskographie.

Mahler-Verständnis

Hartmut Haenchen ist nicht unbedingt als Mahler-Dirigent bekannt; bekannter sind seine fiktiven Briefe Mahlers an einen unbekannten ‚Freund‘. Sie entstanden als eine besondere Form der musikalischen Einführung in die Musiksprache Mahlers und enthalten sowohl gelungene als auch – das muss man wohl so sagen – eher banale und unpassende Abschnitte. Haenchens erhobener lehrerhafter Zeigefinger, mit dem auf die musikalische Faktur einzelner Werke hingewiesen wird, ist ganz unmahlerisch und störend. Der Sprachstil, der aus Mahlers etwa zweitausend erhaltenen edierten Briefen bekannt ist, die als Musikerbriefe vermutlich überdurchschnittlich gut rezipiert werden, ist bei weitem nicht immer getroffen. Das ungewollt Gewollte an diesen fiktiven Briefen hinterlässt einen faden Beigeschmack. (Noch schlimmer ist, dass bisweilen aus ihnen unter Hinweis auf die angeblich originale Autorschaft Mahlers zitiert wird, sogar in eigentlich ‚seriöser‘ musikwissenschaftlicher Literatur.) Das Booklet bietet als Beispiel einen Brief Haenchens zur Achten Sinfonie, gewissermaßen als Einführung. Die Erste wird unter Hinweis auf ihr ursprüngliches, an Jean Pauls ‚Titan‘ angelehntes Programm vorgestellt, ohne darauf hinzuweisen, dass Mahler sich schon recht bald gegen jede Art der inhaltlichen Festlegung seiner Musik verwahrte.

Das 16-seitige Booklet liefert kurze Einführungen zu den Werken und eine kurze Vita des Dirigenten. Durch die dreisprachige Wiedergabe fehlt der Platz für eine Präsentation der Gesangstexte, was den Mahler-Kenner weniger stören dürfte. Liest man das Booklet vor dem Hören der Einspielung, ist man als zeitgenössischer Mahler-Hörer, der die Entwicklung der Mahler-Rezeption und -Interpetation verfolgt, voreingenommen, da die Art und Weise wie auch der Inhalt der Einführung in die Musik dieser CD doch reichlich antiquiert erscheinen.

Dirigentenqualitäten

Haenchens Interpretationen der Ersten und Achten Sinfonie sind dann aber doch auf einem anderen Niveau anzusiedeln. Der ganz große Bogen fehlt zwar und man hält kaum einmal den Atem an, weil etwa hier und da eine ganz neue Sicht auf Mahlers Musik vorgestellt würde. Die Aufführungen beider Sinfonien sind aber dennoch gediegen und gut. Visionär sind sie nicht. Manche drohende Längen verhindert Haenchen gerade noch rechtzeitig, ehe sich der Eindruck von Langeweile einstellt. Es gibt aber einfach zu viele herausragende Interpretationen zum Beispiel der Ersten von Mahler, als dass sich Haenchen hier in die Riege der ersten Zehn einreihen könnte.

Insbesondere Mahlers Achte wirkt allein durch die Masse der beteiligten Musiker, durch die emphatische Vertonung des Pfingsthymnus und die ausgefeilte, komplexe musikalische Darstellung der Schlussszene aus Goethes ‚Faust II‘. Die Achte aufzuführen ist immer ein Ereignis, ein seltenes noch dazu, trotz des großen europäischen Musikbetriebs mit internationaler, vielfältiger Vernetzung. Eine überdurchschnittliche oder gar stilbildende Interpretation dieser Sinfonie zu schaffen, liegt dabei aber noch lange nicht auf der Hand.

Haenchen hat seine Leute aber gut im Griff und weiß, was er will und wie er es erreicht. Die Rubati und Tempowechsel sind organisch und durchdacht – und akkurat ausgeführt. Das Niederländische Philharmonische Orchester erweist sich als ausgewogener, musikalischer und professioneller, hervorragend funktionierender Klangkörper. Die Chöre führt Haenchen geschickt und mit viel Sinn für den dramatischen Aufbau; wunderbar gelingt die Steigerung des Chors ‚Dir, der Unberührbaren‘. Die Solisten sind ihren Partien meistens gewachsen, wobei die Sopran- und Mezzosopran-Solistinnen insgesamt überzeugender abschneiden als ihre männlichen Kollegen. Da es sich um Mitschnitte handelt, sind einige stimmliche Schwächen wie gestemmte oder falsch angesetzte Töne, Zwischenatmungen mitten im Wort und Konditionsschwächen im Durchhalten großer Linien nicht zu verbergen. Solo- wie Chor-Tenor haben die Tendenz zum Forcieren. Auch manche klangliche Mängel wie etwa Unausgewogenheiten zwischen Orchester und Chor sind der Live-Situation geschuldet.

Dass Hartmut Haenchen Musik über ihre professionelle Präsentation hinaus auch noch als verbindendes Element der Menschen- wie Völkerverständigung begreift, zeigt die Zusammenstellung der Ausführenden, unter denen Chöre aus der Ukraine und aus Dresden sind, die sich in der Musik mit Haenchens Niederländischen Philharmonikern und einer internationalen Riege von Solisten treffen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 1 & 8

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ICA Classics
2
04.03.2013
Medium:
EAN:

CD
5060244550940


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ICA Classics

Mit ICA (International Classical Artists) entstand im Jahr 2011 das erste DVD- und CD-Label einer Künstleragentur. ICA bietet in seinem Katalog unter dem Label Legacy sowohl wertvolles Archivmaterial, das aus Quellen der BBC, des WDR Köln oder des Boston Symphony Orchestra stammt, als auch die in renommierten Konzertsälen entstandenen Aufnahmen der hauseigenen Künstler, die unter dem Label Live präsentiert werden. Die meisten der ICA-Titel erscheinen erstmals auf DVD oder CD. Alle historischen Aufnahmen sind nach dem neuesten Stand der Technik liebevoll und fachmännisch restauriert worden.

Für diese einmaligen Aufnahmen wurde das Label ICA bereits mit bedeutenden Preisen - wie dem Toblacher Komponierhäuschen, dem Internationalen Mahler Preis und mehreren Diapasons d'Or geehrt. Zu den besonders erfolgreichen Titeln gehören die 1986 entstandene Aufnahme von Mahlers Dritter mit Klaus Tennstedt und dem London Philharmonic Orchestra sowie die DVD mit dem Royal Philharmonic Orchestra und dem BBC Symphony Orchestra unter Rudolf Kempe mit Musik von Dvorak und Richard Strauss.

Das Team von ICA, dem auch die in der Musikindustrie erfahrenen Experten Stephen Wright und John Pattrick angehören, war in den vergangen Jahren am Erfolg von zahlreichen CD- und DVD-Produktionen beteiligt. Dazu gehören beispielsweise The Art of Conducting, The Art of Piano, The Art of Violin sowie die DVD-Serie Classic Archive. Darüber hinaus entstanden in Koproduktion Dokumentationen über Richter, Fricsay, Mravinsky und Toscanini. Das bereits 1998 gegründete BBC Legends Archiv-Label umfasst mittlerweile mehr als 250 CDs. Für EMI Classics entstand die CD-Serie Great Conductors of the 20th Century.


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