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Sonntag, 1. Oktober 2023

Stevenson, Ronald - Klavierwerke

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Label/Verlag: Divine Art
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Murray McLachlan erweist sich als in jeder Hinsicht sattelfester Interpret der Klavierwerke von Ronald Stevenson.

Murray McLachlan könnte es sich wahrlich einfacher machen, als sich nachhaltig für eher unbekannte Komponisten einzusetzen. Aber ist es nicht gerade besonders spannend, das Schaffen eines Menschen zu erkunden, dessen Qualitäten man besser als viele andere kennt, mit dem man vielleicht auch persönlich bekannt oder befreundet ist? Je näher man an einem Komponisten ‚dran’ ist, umso besser versteht man (hoffentlich) dessen musikalisches Denken, auch wenn man vielleicht gelegentlich eine Position vertritt, mit der man eine gewisse Distanz wahrt, oder anders gesagt Eigenprofil einbringt. Schließlich geht es nicht um Hofberichterstattung, sondern um die angemessene Vermittlung eines nicht genügend Bekannten oder vielleicht sogar Verkannten.

2013 feierte Ronald Stevenson seinen 85. Geburtstag. Der aus Lancashire Stammende, seit den 1950er-Jahren in Schottland Lebende gehört zu jenen wichtigen Pianisten-Komponisten, derer es gerade in Großbritannien eine ganze Reihe gegeben hat (wichtige Vorgänger oder Zeitgenossen sind etwa Benjamin Britten oder John McCabe). Stevenson hat sich nicht nur als Pianist (nachhaltig dokumentiert u.a. durch Einspielungen von Musik von Busoni oder seiner eigenen heute schon legendären Passacaglia über die Initialen Schostakowitschs) einen Namen gemacht, er ist auch ein profilierter Schreiber von rund 500 Klavierkompositionen (von denen die bekannteste sicher die bereits genannte Passacaglia ist). Stevensons Bewunderung für die Pianisten-Komponisten der Vergangenheit spiegelt sich auch in seinen eigenen Werken, die zwischen Originalkomposition und Aneignung der Musik anderer nahezu nahtlos verlaufen. In dieser Hinsicht war Liszt sicher ein bedeutendes Vorbild; auch er konnte graduell zwischen Eigenkomposition und Transkription der Musik anderer sozusagen hin- und herschalten und so ein durchaus eigenes Profil bewahren. Die in der hier vorgelegten Hommage McLachlans an Stevenson scheint zunächst allzu stark den Konnex zu anderen Komponisten zu betonen, doch hört man der Musik zu, verspürt man schnell ihre Originalität im wahrsten Sinne des Wortes. Einer der Bereiche, mit denen sich Stevenson profiliert, ist die Musik von Purcell bis Mozart. Sei es der Zugang zu Bach, der aus dem Barock tief ins 20. Jahrhundert führt (opulente Variationen über die Choralbearbeitung 'Komm, süßer Tod' BWV 478 sowie eine Art hyperchromatische Fantasie mit dem Titel 'Prelude and Chorale'). Auch die Musik Henry Purcells wird durch Stevenson dem 20. Jahrhundert anverwandelt – zum einen 'Three Grounds' (drei Passacaglien) (1958 etc., rev. 1995), zum anderen eine (ausgesprochen umfangreiche, harmonisch kaum nach Purcell klingende) Toccata (1955) – in beiden Fällen verbindet Stevenson die besten Transkriptoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit der musikalischen Erfindung seiner Gegenwart. 'Little Jazz Variations on Purcell’s ‚New Scotch Tune‘' (1964, rev. 1975 & 1995) spiegelt den Einfluss des Jazz auf die britische Kunstmusik in einer überraschend späten Phase, 'Hornpipe' (1995) nach Purcells D-Dur-Suite nutzt diatonisch-polytonale Komponenten zur Vertiefung der originalen Komposition. 'The Queen’s Dolour (A farewell) ' (1959) lässt gar die Klaviertextur teilweise schon fast hinter sich – später bearbeitete Stevenson das Stück für Gitarre. Getragene Tempi verleihen Stevensons Transkription von Mozarts berühmter Fantasie KV 608 für mechanische Orgel (1952) eine Tiefe, an der es dem Originalwerk etwas mangelt. Dies ist zwar nicht mehr Mozarts Geist, aber im wahrsten Sinne eine genuine Nach-Schöpfung. Die Konzentration der kompletten Textur des langsamen Satzes von Mozarts Klavierkonzert d-Moll KV 466 auf jene eines reinen Klaviersatzes (2002) gelingt derart bruchlos, dass das originale Klanggewand selbst für den ausgewachsensten Mozartianer zur Nebensache wird – das ist kein ‚Klavierauszug’, auch keine Klavierfassung, das ist eine kongeniale Rekomposition.

Im 19. Jahrhundert wurde es beliebte Gepflogenheit, Lieder und Arien für Klavier solo zu bearbeiten. Ein berühmter Exponent dieser Tradition war Sigismund Thalberg, dem Stevenson mit seinen bislang zwei veröffentlichten Heften 'L‘Art nouveau du chant appliqué au piano' Hommage erweist. Die von Stevenson gewählten Vorlagen überraschen vielfach (hierzulande kennt wohl kaum jemand die Lieder Samuel Coleridge-Taylors, Maud Valerie Whites, Sergej Rachmaninoffs oder Frank Bridges, die Arie aus Meyerbeers 'Huguenots' oder Unterhaltungsgesänge von Ivor Novello oder Sigmund Romberg), die für Stevenson Ausgangspunkt für ganz eigene Kompositionen sind, die zwar aus der Ferne bekannt vorkommen, aber doch ganz eigen sind. Dabei vergewaltigt Stevenson seine Vorlagen nie durch atonale, hörbar gewollte neue Dimensionen, sondern gestaltet aus den Vokalkompositionen genuine Klavierwerke, mit immer wieder hochinteressanten Texturen und spannenden neuen Farben, die den Originalsätzen durchaus im Sinne der jeweiligen Entstehungszeit beigefügt werden.

Vier ganz unterschiedliche Kompositionen der Edition widmen sich dem Geist oder der Musik Frédéric Chopins – von der nahen Anverwandlung bis hin zur hochkomplexen freien Phantasie unter Verwendung von Rimsky-Korsakows berühmtem 'Hummelflug', die eines wichtigen Komponisten des 20. Jahrhunderts würdig ist. Mit 'Le Festin d’Alkan' leistet Stevenson seine Hommage an jenen Komponist, der heute zwar viel bekannter ist als noch vor zwanzig Jahren, dem aber immer noch Mythen anhängen und dessen Musik (nicht zuletzt wegen ihrer Komplexität) weiterhin der nachhaltigen Erkundung harrt. Stevensons Komposition erkundet – in Form der freien Transkription, der freien mehrfachen Variation und der freien Komposition (den drei Grundpfeilern seines Schaffens überhaupt) – den Geist wie die Musik Alkans auf ganz eigene Weise, ohne irgendwo ins bloße Imitieren zu verfallen. Äußerst delikat wiederum ist die 'Canonic Caprice on ‚The Bat‘', eine technisch höchst anspruchsvolle bitonale Studie über den 'Fledermaus'-Walzer. Ganz besonderer Art ist die Auseinandersetzung Stevensons mit Eugène Ysaÿe: Seine Bearbeitungen der sechs Violinsolosonaten sind nahezu Neukompositionen, in denen er die originalen Linien verdichtet, das vorhandene Material klanglich pianistisch umgestaltet und ganz eigene Texturen entwickelt. Wer Ysaÿes Sonaten nicht kennt, wird die Musik kaum wiedererkennen, ohne dass Stevenson der Musik brutal Gewalt angetan hätte.

Neben diesen Aneignungen unterschiedlichen Grades zeigt sich Stevenson doch auch auf ganz unterschiedliche Weise auch als durch eigenständiger Komponist, etwa in seiner Scottish Ballad Nr. 1 (1973) – zwar auch basierend auf Fremdmaterial (nämlich dem Volkslied 'Lord Randal'), aber harmonisch und auch sonst kompositorisch in ganz eigenem Gewand. Ganz anderer Natur ist die 'Norse Elegy' (1976-9) für eine norwegische Freundin – in feinen Klangfarben schattiert, den Vornamen der Widmungsträgerin als Themenmaterial eingewoben. Ähnlich ganz eigener Art ist Stevensons 'Melody on a ground [bass melody] of Glazunov' (1970), eine durchaus typisch britische Gattung, die aus der Ferne Purcell die Reverenz erweist, aber stark erweiterte Tonalität nutzt und in starker Poesie tiefen Eindruck hinterlässt. Diese Tendenz verfolgt auch 'Ricordanza di San Romerio (A pilgrimage) ' (1987), mit kargen, teilweise nur ein- oder zweistimmigen Texturen, die aber besonders den meditativen Charakter der Musik betonen. Zwei kurze 'Music Portraits' (1965) bezeichnete Stevenson als das Äquivalent für Zigarettenkarten berühmter Filmstars: kurze Miniaturen, die, technisch nicht übermäßig schwer, klare Charakterzeichnungen präsentieren, ganz ähnlich wie die 'Three Elizabethan Pieces after John Bull' (1950). Hier verschwimmen Originalkomposition und innerliche Aneignung bis zur Unkenntlichkeit.

Murray McLachlan, der schottische Pianist, der in Manchester lehrt (dort, wo Stevenson seinerzeit studiert hatte), bleibt der komplexen Materie so gut wie nichts schuldig. Seine virtuosen Fähigkeiten stehen außer Frage (schon vor zwanzig Jahren legte er Stevensons Klavierkonzerte auf CD vor), auch und vor allem aber sein Verständnis für das Idiom Stevensons. In wenigen Fällen hätte man sich noch mehr Extreme, noch mehr Exuberanz vorstellen können, doch ist das Geschmackssache und vielleicht Stevensons Intentionen etwas ferner als die hier einen Hauch ‚understatete’ Edition. Sehr verdienstvoll auch der ausführliche Booklettext (nur auf Englisch), mit dem McLachlan äußert hilfreich in die Materie einführt. Die Aufnahmetechnik lässt Stevensons Musik atmen und bringt die Interpretationen bestens zur Geltung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Stevenson, Ronald: Klavierwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Divine Art
3
04.11.2013
Medium:
EAN:

CD
809730137228


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Divine Art

Divine Art wurde von Stephen Sutton 1993 gegruendet und ist in den letzten Jahren schnell gewachsen mit einem Repertoire von klassischer Musik (und jetzt auch ?mow Swing?, leichte Musik und Jazz) jeglicher Art, von Mittelalter über Barock, Klassik, Oper bis zur heutigen Moderne. Anfang 2009 wurde Heritage Media in Divine Art integriert, eine Firma, die sich auf klassische Radio Programme und Dramen mit den berühmtesten Britischen und Amerikanischen Film- und Theater Schauspielern der 1940 und 1950iger Jahre spezialisiert. Diese Werke werden bald per Katalog und per download für Divine Art Kunden zu kaufen sein.

Divine Art spezialisiert sich auf die Entdeckung und Aufnahme unbekannter Werke von wichtigen Komponisten wie beispielsweise Mozart, Schubert und einige der wichtigsten Britischen Komponisten. Hauptserien schliessen alle 90 Pianosonaten von B. Galuppi, die neulich entdeckte Orchester- und Kammer-Musik von dem in Newcastle upon Tyne geborenen Charles Avison und Weltpremieren von Musik für Piano Duo, ein

Innerhalb Divine Art umfasst die ?Diversions? - Niedrigpreis Serie viele neue Aufnahmen wie auch Neu-Ausgaben von historischen Aufnahmen. Unsere ?Historic Sound? Serie von alten Klassikern, 2005 gegruendet, hat Preise fuer besondere Restaurationsqualitaet gewonnen. Seit 2008 verfügt Divine Art über eine Zweigstelle in den USA.


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