> > > Lehar, Franz: Der Göttergatte
Mittwoch, 29. Januar 2020

Lehar, Franz - Der Göttergatte

Zum Abgesang noch einmal Wiener Operette


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Veröffentlichung der historischen Rundfunkproduktion von Lehárs früher Operette 'Der Göttergatte' lässt noch einmal die große Operettentradition auferstehen.

Wann das Ende der klassischen Operette eintrat, darüber kann man sich trefflich streiten. Tatsache ist, dass die Gattung heute tot ist, gibt es doch seit Jahrzehnten keine neuen Operetten mehr. Ein bedauerlicher Umstand, denn zu seiner Blüte war das Genre höchst aktuell, subversiv, satirisch, kritisch und musikalisch modern. Für manch einen sicherlich schwer zu glauben angesichts des weithin harmlosen, schmalzig-rüschigen Nachlebens der Operette seit 1945.

Franz Lehár, der Höhepunkt und Ende der Operette miterlebte (und vermutlich auch mitprägte, wenn man seinen opernhaften Ausflügen und jene dem Naziregime dienstbaren letzten Werke ansieht), hat 1904 in Wien mit der dreiaktigen Operette 'Der Göttergatte' eine zwar nur in Maßen erfolgreiche, dafür aber höchst interessante Gattungsreflexion geschaffen. Im ersten Akt des 'Göttergatten', der ganz offenbachisch im Olymp bei den Göttern spielt, wird nämlich die Operette erfunden, als man auf der Suche nach einem ‚Kassa-Stück‘ ist. Das nämlich erbittet der bankrotte Theaterdirektor Maenandros von den neun Musen, diese wiederum wenden sich an den Göttervater Jupiter, seines Zeichens auch ‚Generaldirektor der Olymp-Company of Limited‘. Die Geburt der Operette aus dem Geiste des Geschäftssinns haben Lehár und seine Librettisten Victor Léon und Leo Stein da zeitsatirisch zugespitzt erdacht. Fehlt noch der Inhalt, der ‚Sache in drei Akten, wo die Damen in Musikbegleitung ihre Beine sehen lassen‘ Und schnell findet man die Lösung: ‚Irgendwas Pikantes – gewürzt mit einem kleinen Ehebruch‘. Was hier wie ein Prolog vor die dann folgenden Variante der Amphytrion-Geschichte gesetzt ist, die dann zwei Akte lang mit dem Personal aus dem Olymp genau das zeigt, was man dort als Erfolgsrezept ersonnen hat, sind höchst vergnügliche Beobachtungen über die Entwicklung der Operette am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Das Ganze wird noch etwas interessanter, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die im Rahmen der verdienstvollen Lehár-Reihe des Labels cpo erschienene Aufnahme eine im März 1945 (!) in Wien entstandene Rundfunkproduktion ist: eine Operetten-Produktion, wenige Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Eine Operetten-Produktion, die zum Abgesang auf eine große Wiener Operetten-Tradition geworden ist, bevor die Heile-Welt-Ästhetik und Satirefreiheit der Nachkriegsoperette den Untergang des Genres besiegelte.

Reiz und Qualitäten

Doch diese – nur um zwei musikalische Nummer gekürzte – Funkfassung hält erstaunlich librettotreu mit ihrer Dialekt-Tradition, ihrem Wortwitz, ihrem Timing, ihrer Textverständlichkeit und ihrem gekonnt ausgespielten Text-Musik-Bezug noch einmal fest, was Reiz und Qualitäten der Operette ausmachten. Man fühlt sich bestens unterhalten (bei aller Gespensterhaftigkeit, die mitschwingt, wenn man sich das von beständigen Bombenangriffen erschütterte Wien des März 1945 dazu denkt). Die Musik wird pfiffig und auf Pointe hin präsentiert, ohne einen gewissen Zeitgeschmack in der Interpretation, den wir heute etwa noch aus Ufa-Filmen kennen, zu verleugnen. Man begegnet mit dem einst bekannten Wiener Operetten-Tenor Franz Borsos (Jupiter), dem von Lehár zu Gesangsausflügen überredeten Burgschauspieler Fred Liewehr (Sosias), der als Soubrette gefeierten Henny Herze (Alkmene) oder der mehrfach begabten Liesl Andergast (Juno) einer verlorenen Tradition des Operettendarstellers, der Text und Musik zu präsentieren versteht – Wiener Schmäh inklusive. Wehmütig schaut man da auf heutige zumeist in sprachlich international besetzte Stadttheaterensemble, die eben auch Operette machen müssen – und schnell wird klar, wo Gründe für den Niedergang des Genres auch zu finden sind. Dazu kommt in dieser Produktion mit lyrischem Tenorschmelz der junge Anton Dermota (Amphitryon), der am Beginn seiner großen Karriere steht und bald einer der ersten Mozarttenöre sein wird. Bemerkenswert ist auch die humorvolle und natürlich wirkende Dialogregie Lothar Riedingers, die man heutzutage bei vergleichbaren Produktionen vergeblich sucht.

Max Schönherr, traditionsreicher Wiener Kapellmeister, Lehár-Freund und einer der Pioniere der Rundfunkmusik leitet Chor und Orchester des Wiener Rundfunks so mitreißend wie es die Partitur erlaubt. Lehár, der das Material der schnell vergessenen Operette später mehrfach wiederverwendet hat, gelingen einige wunderbare Nummern. Gattungsgeschichtlich liegt Lehárs früher 'Göttergatte' an der Übergangsphase der klassischen Wiener Operette à la Strauß, Millöcker oder Suppé hin zu einer neueren Form, deren erster Vertreter Lehár werden soll. Schon der Kritiker der Wiener Zeitung hatte nach der Uraufführung festgestellt: ‚Alle im richtigen Operettenstil gehaltenen Nummern verdienen unbedingtes Lob, insbesondere eine reizende Gavotte, ein Zankduett, eine Art Madrigal ein pantomimisches Duo und ein frisches Marschlied, minder erwärmen konnte man sich für einige lyrische Nummern (…).‘ Diese Vielfalt der musikalischen Nummern und Stile wird Lehár knapp zwei Jahre später mit seinem Welterfolg der 'Lustigen Witwe' zu einer neuen Synthese führen. Im 'Göttergatten' jedenfalls sorgen sie für reichlich musikalische Abwechslung und enthalten so manchen lohnenden Fund.

Ergänzt wird der 90minütige 'Göttergatte' um seltene Lehár-Aufnahmen der Kriegsjahre, mit Titeln wie 'An der Saar und am Rhein' von 1939 oder 'Wien, Du bist das Herz der Welt', ein Wienerlied mit Marschrhythmus, 1942 zum 100. Geburtstag der Wiener Philharmoniker geschrieben. Raritäten mit Werner Schmidt-Boelcke, Esther Réthy, Richard Tauber und Otto Dobrindt als Interpreten und aus einer Zeit Franz Lehárs, die noch manche nicht beantwortete Frage birgt, die auch das ansonsten kundige Beiheft von Stefan Frey nicht beantwortet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Frank Fechter,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lehar, Franz: Der Göttergatte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
2
20.12.2012
Medium:
EAN:

CD
761203702923


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Lehár, Franz
 - Der Göttergatte - Ouverture
 - Der Göttergatte - Vorspiel im Olymp (1. Bild)
 - Der Göttergatte - Nr. 1 Introduction: Wir armen, armen Musen
 - Der Göttergatte - Dialog: Wir brauchen kein Variete
 - Der Göttergatte - Nr. 2 Duett: Bonjour, mon ami!
 - Der Göttergatte - Dialog: Jupiter, ich rate dir
 - Der Göttergatte - Nr. 3 Duettino: Ich harre dein
 - Der Göttergatte - Dialog: Fix Sapperlot, is das ein Weiberl!
 - Der Göttergatte - Nr. 4 Finale: Alle sind informiert
 - Der Göttergatte - Nr. 5a: Melodram
 - Der Göttergatte - Nr. 6 Entree und Serenade: Heute Nacht ist es besonders finster
 - Der Göttergatte - Dialog: Sosias


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Dirigent(en):Schönherr, Max
Orchester/Ensemble:Wiener Rundfunkorchester & Chor
Interpret(en):Schönherr, Max


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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