> > > Knaifel, Alexander: Der Geist von Canterville
Samstag, 7. Dezember 2019

Knaifel, Alexander - Der Geist von Canterville

Ein russischer Geist


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Originelle und liebenswerte, etwas schrullige, aber sehr russische Kammeroper, die sich (auch wegen des Sujets) auf deutschen Bühnen sicher behaupten würde.

Der 1943 geborene russische Komponist Alexander Knaifel ist, trotz Glasnost und Wiedervereinigung, in West- und Mitteleuropa nach wie vor nahezu unbekannt. In den 1980er Jahren vom Bannstrahl der Zensur getroffen, blieb Knaifel dennoch halbwegs folgsamer Sowjetbürger und versuchte nie, wie etwa Edison Denisow und Alfred Schnittke, zu denen ästhetisch eine deutlich hörbare Verwandtschaft besteht, sein Glück auf dem westlichen Musikmarkt.

Die vorliegende Aufnahme widmet sich der Kammeroper 'Das Gespenst von Canterville' nach der berühmten Geschichte von Oscar Wilde. Knaifel konzipierte das Stück ursprünglich als monumentale Groteske in drei Akten mit 18 Solopartien. Die Uraufführung 1966 war allerdings nicht viel mehr als ein Achtungserfolg. In der auf die beiden Hauptfiguren reduzierten Kammerversion wurde das Stück 1974 zum Erfolg und ist in Russland bis heute recht populär. Die 50-minütige Oper hat den Charakter einer lyrischen Groteske und besteht aus fünf Teilen. Zwei Monologen des todessehnsüchtigen Geistes und einer Duett-Szene stehen zwei Instrumentalstücke gegenüber. Das erste beschreibt das lebensfrohe, vernünftige und sensible Mädchen Virginia, das einzige Mitglied der rationalistischen und materialistischen amerikanischen Schlossbesitzerfamilie, das Verständnis für die Nöte des Gespenstes hat. Das zweite Instrumentalstück, eine Passacaglia mit Orgel und zweifelsfrei der Höhepunkt der Kompensation, stellt die archaische, unnatürlich ausgedehnte Existenz des Geistes daneben.

Außergewöhnlich ist die Instrumentierung der sehr dynamisch angelegten Partitur. Auf der Suche nach ungewöhnlichen Klangfarben und -wirkungen verwendet Knaifel ungewöhnliche Percussioninstrumente und Pfeifeffekte. Leisen, fast meditativen Passagen, in denen etwa nur eine glissandierende Geige im Pianississimo zu hören ist, stehen unruhig schreiende, fast tuschartige Klanggebilde gegenüber. Die Rhythmen wechseln schnell und dominieren die Klanggestalten. Über die volle Distanz beweist diese Musik dramatische Substanz und reklamiert nachdrücklich und geradezu augenzwinkernd das Label ‚exzentrisch‘ als Charakteristikum für sich.

Die Aufnahme entstand 1990 in Moskau. Michail Jurowski und die Musiker des Orchesters des Forum Theaters hatten offensichtlich großen Spaß. Sie stürzen sich geradezu wollüstig auf die Klangeffekte und beleben die humoristischen Momente mit hervorragendem Timing. So ungewöhnlich und modern Orchesterpartitur und Instrumentierung wirken, so konventionell erscheint die Behandlung der Gesangspartien. Der Geist des profunden, klangschönen und expressiven Stanislav Suleimanov scheint direkt einer großen romantischen Oper entsprungen, einer anderen Zeit – und damit durchaus passend für einen Geist. Die Partie der Virginia wirkt glatt, konturenlos. Tatiana Monogarova verfügt über eine ‚typisch‘ russische Stimme: leicht säuerlich im Timbre, guttural geführt, expansionsfähig mit nicht unangenehmem Vibrato, aber im oberen Register etwas steif. Sie klingt nicht jung, nicht lebhaft und mitfühlend genug. Ob das aber eine Frage der Interpretation oder der Komposition ist, kann hier mangels Vergleichsmöglichkeiten nicht auseinandergehalten werden.

Die klangliche Gestalt der Aufnahme ist ordentlich. Das dynamische Pulsieren des Orchesters ist spannend abgebildet. Die für sich genommen attraktiv abgemischten Solisten wirken allerdings vom Orchester ein wenig abgetrennt. Das knappe Booklet bietet kurze, aber solide Informationen über Komponist, Werk und Interpreten und eine Übersetzung des Librettos, beides ausschließlich in englischer Sprache.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Knaifel, Alexander: Der Geist von Canterville

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
30.11.2012
Medium:
EAN:

CD
5029365929523


Cover vergössern

Brilliant classics

Brilliant Classics steht für hochwertige Klassik zu günstigen Preisen!

Mit den Veröffentlichungen von komplettierten Gesamtwerks- Editionen und Zyklen berühmter Komponisten, hat sich das Label erfolgreich am Musikmarkt etabliert. Der Klassikmusikchef, Pieter van Winkel, ist Musikwissenschaftler und selbst Pianist. Mit seinem professionellen musikalischen Gespür für den Klassikmarkt, hat er in den letzten Jahren ein umfangreiches Klassikprogramm aufgebaut. Neben hochwertigen Lizenzprodukten fördert er mit Eigenproduktionen den musikalischen Nachwuchs und bietet renommierten Musikern eine ideale Plattform.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Brilliant classics:

  • Zur Kritik... Erhellend: Liszts Sinfonische Dichtungen in der Fassung für zwei Klaviere. Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
  • Zur Kritik... Telemann all'italiana: Ein ungewohnter frischer Blick auf Telemanns Opus primum aus Italien. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Vorbildlicher Beginn: Bart van Oort fügt der Reihe der von ihm vorbildlich interpretierten Klavierkomponisten einen weiteren hinzu. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Brilliant classics...

Weitere CD-Besprechungen von Andreas Falentin:

  • Zur Kritik... Archaisch wild: Aulis Sallinens grandios eingespielte vierte Oper 'Kullervo' ist nichts für labile Naturen. Weiter...
    (Andreas Falentin, )
  • Zur Kritik... Wortmächtig: Honeggers 'Roi David' ist eine interessante Rarität, bei deren Wiedergabe die gesprochene Sprache die gesungene dominiert. Weiter...
    (Andreas Falentin, )
  • Zur Kritik... Eigenständig: Die Neuen Vokalsolisten Stuttgart bieten so außergewöhnliche wie eigenwillige experimentelle Vokalmusik – und noch dazu grandios gesungen. Weiter...
    (Andreas Falentin, )
blättern

Alle Kritiken von Andreas Falentin...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Schumann reloaded: Das groß angelegte Schumann-Projekt des Klavierduos Eckerle biegt auf die Zielgerade ein. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Luft nach oben: Auf einer neuen Naxos-Platte spielen Charles Wetherbee und David Korevaar die drei Violinsonaten von Paul Juon. Auf eine wirklich befriedigende Interpretation muss man weiter warten. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Ernüchternd: Dieser 'Freischütz' funktioniert zumindest auf musikalischer Ebene über weite Strecken. Aufnahmetechnisch gibt es nichts auszusetzen. Flair und Charme oder gar eine fesselnde Lesart sucht man aber vergebens. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2019) herunterladen (4454 KByte) Class aktuell (4/2019) herunterladen (4308 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Eugène Ysaÿe: Sonata No.1 in G minor - Grave. Lento assai

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich