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Sonntag, 24. März 2019

Ravel, Maurice - Bolero, La Valse

Akustischer Zaubergarten


Label/Verlag: Tacet
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Selten hat man das Glück, einer Aufnahme zu begegnen, die in sich so schlüssig ist: Interpretatorischer Zugriff, Klangtechnik und Beiheft stehen in enger Beziehung und beleuchten sich gegenseitig.

In unseren Zeiten mit heißer Nadel gestrickter Plattenproduktionen unter großem Zeitdruck ist es eine Seltenheit, einer Einspielung zu begegnen, die in sich so rund und schlüssig ist. Das fängt bei der musikalischen Darstellung an, geht über die klangliche Präsentation und hört mit einem erfreulich unkonventionellen Beihefttext nicht auf. Die genannten Elemente vorliegender Produktion sind aber nicht nur für sich genommen überzeugend – die erstaunliche ästhetische Rundung zeigt sich vielmehr darin, dass alle Elemente präzise aufeinander abgestimmt sind, untereinander enge Beziehungen ausprägen und sich gegenseitig beleuchten.

Die Rede ist von einer Produktion aus dem Hause Tacet. Das Stuttgarter Label bringt zwar nur selten Orchesteraufnahmen heraus – im Zentrum stehen seit Längerem Kammermusik- und Solo-Einspielungen –, allerdings sind diese Orchesterraritäten dann regelmäßig von überragender klangtechnischer Qualität. Das gilt auch für vorliegende Aufnahme, die an klanglicher Plastizität, räumlicher Klarheit, dynamischer Spannweite und klangfarblichem Schattierungsreichtum selbst im CD-Format zahlreiche SACDs in den Schatten stellt. Das zahlt sich freilich in den Orchesterwerken von Maurice Ravel, in denen die Klangfarbe neben dem Rhythmus ein Primärelement kompositorischer Erfindung ist, in ganz besonderer – und ganz besonders lohnenswerter – Weise aus.

Der italienische Dirigent Carlo Rizzi hat mit dem Nederlands Philharmonisch Orkest (Niederländischen Philharmonischen Orchester) ein überaus reizvolles Ravel-Programm aufgenommen, aus dem vor allem die fünfsätzige Orchestersuite 'Ma mère l’Oye' herausragt. Neben dem unvermeidlichen, aber in Rizzis Deutung attraktiven 'Boléro', der Rhapsodie für Violine und Orchester 'Tzigane' und der 'Pavane pour une infante défunte' zieht vor allem das einleitende choreographische Poem 'La Valse' die Aufmerksamkeit auf sich. An ihm lässt sich die Geschlossenheit dieser Produktion beispielhaft verdeutlichen.

In dem lesenswerten Beihefttext, der glücklicherweise nicht nur Entstehungsdaten herunterbetet, wird bei 'La Valse' etwa der geschichtliche Kontext, insbesondere der Nachklang des Ersten Weltkriegs, betont. Der Autor spricht von einem Totentanz – und trifft damit exakt den interpretatorischen Zugang von Carlo Rizzi, der sich hier als eigenständiger Ravel-Interpret zu erkennen gibt. Klanglich aus dem Nichts anhebend werden in der Anfangsphase verwaschene, trübe, dunkle Klangfarben in den Vordergrund gestellt, die große Trommel fügt dem Klang bedrohliche Untertöne bei. Später klart die Musik auf, aber im Gegensatz zu vielen anderen Deutungen, die sich dem Schwung der Walzer-Bewegung überlassen, um gegen Ende alles in einen katastrophalen Strudel hineinzuziehen, inszeniert Carlo Rizzi ein Stocken: diskontinuierliche melodische Verläufe, aber immer von einer kleinen Trommel im Zaum gehalten, die jedem entgrenzenden, vitalen Schwung militärisches Gleichmaß entgegenstellt. Die tiefen Holzbläser mit ihren dunklen, schnarrenden und ‚ungemütlichen‘ Klangfarben bestimmen das Klangbild und machen diese 'La Valse'-Deutung zu einem fulminanten Totentanz, der sich auch in der klanglichen Dynamik unglaublich stark entwickelt. Freilich gelingt auch das riesige Orchester-Crescendo des 'Boléro' in einer Aufnahme, die dynamische solche Register durchmisst, überzeugend.

Neben dem Klangfarbenreichtum von Gordan Nikolićs Solovioline in 'Tzigane', in der vor allem das knorrige, deftige ‚musikantische‘ Idiom hervorgekehrt wird, ist es für allem die fünfteilige Suite 'Ma mère l’Oye' (Mutter Gans), die im Hinblick auf den Nuancenreichtum des instrumentalen Timbres als Höhepunkt der Aufnahme gelten kann. Wie Carlo Rizzi (und die Tontechnik) die Streicher des Niederländischen Philharmonischen Orchesters eindunkeln und als bloßen Schatten den prominenten Holzbläsern beizumischen verstehen, ist schlichtweg große Klasse. In den fünf Stücken der Märchen-Suite öffnet sich ein klanglicher Zaubergarten, in dem sich allzu gerne verirrt. Sanftes Streichermurmeln, gläsern-körperlose Holzbläser, aufblitzende Triangel und sonstiges im Bühnenhintergrund (aber klanglich sehr präsentes) Schlagwerk, punktgenau agierendes Blech – das Niederländische Philharmonische Orchester lässt sich auf Carlo Rizzis eigenständige Ravel-Interpretation ein und macht sie zu einem nicht nur an Klangreizen überaus reichen Erlebnis: Auch minutiöse Ritardandi, mit denen melodische und harmonische Vertiefungen von Carlo Rizzi unterstrichen werden, flicht das Orchester so feinfühlig in den Strom ein, dass es eine wahre Freude ist.

Mit dieser Aufnahme gelingt gewissermaßen die Quadratur des Kreises: Ravels Instrumentierungskunst wird in einem runden, satten, verschmelzenden Orchesterklang erlebbar, der allerdings so subtil gestaffelt ist, dass Farbveränderungen und Betonungen besonderer Klanggruppen hervorragend vermittelt werden. Man dürfte das Ergebnis transparent nennen, wenn der Begriff nicht normalerweise für kühl sezierende Klangmechanik Verwendung fände. Homogenität, Klarheit und Farbenrausch – das hört man (in dieser Kombination!) nur selten bei Ravel.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ravel, Maurice: Bolero, La Valse

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Tacet
1
01.11.2012
EAN:

4009850020707


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Tacet

Das Wort TACET kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "er/sie/es schweigt". Es steht in den Noten, wenn ein Musiker für ein ganzes Stück nichts zu spielen hat. In einem solchen Fall steht in den Noten "TACET". Ein paradoxer Name für eine Plattenfirma?

Der Produzent des Labels, Andreas Spreer, liebt das Paradox. Im April 1989 gründete der Diplom-Tonmeister die Musikfirma TACET in Stuttgart/Germany. Seither produziert TACET Musik für höchste Ansprüche auf den verschiedensten Tonträgern (CD, LP, SACD, DVD-Audio, Blu-ray). Von Beginn an erhielten die Aufnahmen herausragende Rezensionen und höchste Auszeichnungen (u. a. mehrere Jahrespreise der deutschen Schallplattenkritik, Cannes Classical Award, Echo, Diapason d'or, Grammy-Nominierung und viele mehr; stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten), aber was noch wichtiger ist, sie erfreuen sich größter Beliebtheit beim Publikum. Dabei ist noch kein Ende abzusehen: Die Zahl der TACET-Fans wächst immer weiter. Woher kommt dieser langandauernde große Erfolg?

Vielleicht liegt es daran: TACET arbeitet konsequent an der Synthese von zwei Ebenen, die häufig als sehr unterschiedlich oder sogar gegensätzlich angesehen werden: dem musikalischen Gehalt und der aufnahmetechnischen Qualität.

Als Begriff, der sowohl die musikalischen als auch die aufnahmetechnischen Vorzüge der TACET-Aufnahmen umfasst, bietet sich das Wort "Klang" an. Klang entsteht in einem Instrument, der Musiker bringt ihn daraus hervor, doch ob gewollt oder nicht - die nachfolgenden Apparaturen und Personen beeinflussen den Klang auch. Wenn alle Beteiligten, Musiker, Instrumente, Raum, Aufnahmegeräte und "Tonbearbeiter" gut zusammenpassen bzw. zusammenarbeiten, wächst in der Mitte zwischen ihnen wie von selbst etwas Neues empor, das dem Wesen einer Kompositon sehr nahe kommt. Davon handelt unser Slogan "Der TACET-Klang - sinnlich und subtil".

"This is one of the best sounding records you'll ever hear" schrieb das US-Magazin "Fanfare" über die TACET-LP L207 "oreloB". György Ligeti äußerte über die Kunst der Fuge "... doch wenn ich nur ein Werk auf die "einsame Insel" mitnehmen darf, so wähle ich Koroliovs Bach, denn diese Platte würde ich, einsam verhungernd und verdurstend, doch bis zum letzten Atemzug immer wieder hören.". "Entscheidend aber ist die Gemeinsamkeit des Geistes. Die Auryn-Leute beseelt die gleiche Kunstgesinnung..." (Rheinische Post). Stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten oder noch besser hören Sie sich TACET-Aufnahmen an und überprüfen, was die Kritiker schreiben.

Bei uns darf Musik all das anrühren und ausdrücken, was das Leben ausmacht. Sie erlaubt dem Hörer Gefühle zu empfinden, ohne sentimental zu werden. Sie kann witzig sein und zum Lachen bringen. Sie kann auf ehrliche Weise "romantisch" sein, ohne den Hörer in einen Kaufhausmief von Wohlfühlklängen zu versenken. Sie darf in unendlichen Variationen geistreich sein. Sie darf zum Denken und zum Erkennen anregen, ohne musikalische Vorbildung zu erfordern. Sie darf effektvoll sein und um die Ohren fliegen, wenn es dem Wesen der Werke entspricht. Sie kann Revolutionen im Kopf auslösen, ohne ein einziges Wort. Sie kann widersprechen und korrigieren. Musik kann Verzweiflung wecken, aber auch trösten. Und und und. Die vollständige Liste wäre endlos.

Der TACET-Inhaber und -Gründer Andreas Spreer erhielt u. a. die Ehrenurkunde des Preises der deutschen Schallplattenkritik.


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