> > > Beethoven, Ludwig van: Klaviersonaten op. 106 & 111
Samstag, 24. August 2019

Beethoven, Ludwig van - Klaviersonaten op. 106 & 111

Das rechte Verständnis abgerungen


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dina Ugorskajas nachdenkliche Herangehensweise an Beethovens riesenhafte "Hammerklaviersonate" B-Dur op. 106 und ihre feinnervige Darstellung der zweisätzigen c-Moll Sonate op. 111 faszinieren in jeder Hinsicht.

Nach Einspielungen der zweistimmigen Inventionen Bachs und der Préludes op. 28 von Chopin, von aufsehenerregenden Suiten Händels und einer schlechthin Furore machenden Aufnahme von Schumanns 'Kreisleriana' hat sich die Pianistin Dina Ugorskaja jüngst Beethovens letzten Klaviersonaten zugewandt. Erschienen sind bei dem Label Cavi-music nun die ‚Hammerklaviersonate‘ B-Dur op. 106 und die c-Moll Sonate op. 111.

Die B-Dur-Sonate, so war es Beethovens erklärter Wille, sollte der Ausdehnung nach seine größte Klaviersonate werden. Die wahrlich gigantisch geratene ‚Hammerklaviersonate‘, an der Beethoven über zwei Jahre arbeitete, geriet unter solcher Prämisse zum grandiosen Nachweis, was der klassische Formenkanon immerhin noch alles hergibt, ein wahres Monstrum, und dazuhin spieltechnisch verteufelt schwer. Doch Dina Ugorskaja vermag diesen musikalischen Kosmos höchst überzeugend zum Klingen zu bringen. Im Kopfsatz beweist sie in der lebendigen Auseinandersetzung mit Beethovens musikalischer Sprache eine unendliche Bandbreite an Ausdruckswerten. Das forsche Motto zu Beginn etwa stellt sie anschließend gleich wieder infrage, die unterschiedlichen Charaktere und Stimmungen werden nicht abgezirkelt gegeneinander gesetzt, sondern verschmelzen in ihrer geistigen Annäherung in einem entwickelnden Prozess. Niemals gerät ihr der Ausdruck zu plakativ, zu auftrumpfend und zu robust, stets geht sie hoch sensibel und äußerst genau und delikat auf die vielen Wechselfälle des musikalischen Ausdrucks ein. Sie weiß ein reich verästeltes Gespinst zu schaffen, ungemein facettenreich und voller analytischer Durchdringung, sie vermag Disparates in eine Ordnung und auseinander driftende Entwicklungsverläufe ins Lot zu bringen, ja, sie versteht es, dem Unverständlichen das rechte Verständnis abzuringen und das Unergründliche aus sich selbst heraus verständlich werden zu lassen. Auf den Punkt gebracht: Dina Ugorskajas Lesart von Beethovens ‚Hammerklaviersonate‘ kommt einer wahren Offenbarung gleich!

Nach dem bodenständig geprägten knappen 'Assai vivace', in dem Dina Ugorskaja die Durchsichtigkeit und Plastizität aber zuweilen auch verlässt und dem Notentext geheimnisvoll verblendete ‚Klangflächen‘ abgewinnt, bekommt man das auf über 18 Minuten gedehnte 'Adagio sostenuto' von Dina Ugorskaja so recht vergeistigt zu hören. Sie arbeitet hier mit spannungsreicher Agogik und sensiblen Farbwerten, baut auf eine dynamisch fein abgestufte und runde Bogenbildung, setzt feinste Schattierungen, zu denen ihre hohe Anschlagskultur verhilft. Mit ihrer feinnervigen Klangsuche weiß sie einen lebendigen Organismus zu schaffen, dessen fragilen Mikrokosmos sie unter subtiler Spannung hält. Hochsensibel greift Dina Ugorskaja auch die musikalische Materie im Finalsatz auf, die gegensätzlichen Entwicklungen, die rhythmischen Konstellationen, die strukturellen Eigenheiten und -artigkeiten. Sie versteht es, schwer Darstellbares ins rechte Gewand zu kleiden, wobei sie nie ins Draufgängerische und nur Vordergründige abgleitet, sondern immer feingeistig abgehoben die vielfältigsten Sphären berührt und diese immer, auch im größten Gegensatz, wie selbstverständlich wirken lässt und dabei letztlich Bilder von größter Klarheit hervortreten lässt.

Für ebensolche Faszinationskraft sorgt Dina Ugorskaja auch mit ihrer Darstellung der c-Moll Sonate op. 111. Wie in der ‚Hammerklaviersonate‘ weiß sie auch hier mit ihrer subtilen Anschlagskultur dem musikalisch soeben mit Überzeugungskraft Postulierten doch gleich auch wieder eine gewisse grüblerische Nachdenklichkeit nachzuschieben. Sie vermag dergestalt eine hoch spannende emotionale Intensität des Ausdrucks aufzubauen und wahrt dabei doch immer eine klare Transparenz von Textur und Architektur. Ihre manuelle Technik setzt ihr dabei keinerlei Begrenzungen beim Herausarbeiten der Konturen des Stimmenverlaufs und bei der hoch geschmeidigen Abrundung der klanglichen Bögen, die immer einen klaren Zielpunkt im Auge behalten. Feinnervig weiß Dina Ugorskaja die Variationen der finalen 'Arietta' zu reihen, plastisch deren Struktur herauszuarbeiten, hoch inspiriert die vielfältigen Ebenen des musikalischen Ausdrucks auszudeuten. Biegsam und atmend und mit gleichsam schwerelosen Trillerketten gibt sie der dynamischen Linearität dabei Maß und Rundung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludwig van: Klaviersonaten op. 106 & 111

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
CAvi-music
1
14.09.2012
Medium:
EAN:

CD
4260085532568


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CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


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