> > > Ensemble Cordevento spielt: Werke von Falconieri, Corbetta, Storace u.a.
Freitag, 5. März 2021

Ensemble Cordevento spielt - Werke von Falconieri, Corbetta, Storace u.a.

Spielfreude


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Spanische Instrumentalsätze in kleiner Besetzung, aber vom Ensemble Cordevento mit viel musikantischem Elan geboten.

Spanien wird in der musikhistorischen Betrachtung spätestens für die Epochen seit dem späten Barock kaum mehr als kraftvolles und innovatives Zentrum gesehen. An dieser Perspektive mag bei aller Zweifelhaftigkeit generalisierender Betrachtungen etwas sein. Dass Spanien in der davorliegenden großen Zeit der Vokalpolyphonie eine wichtige und auch in der Gegenwart wahrgenommene Größe war, ist aber gleichfalls unstrittig. Und Spanien hatte in jener frühen Zeit des Barock mit an volksmusikalischen Traditionen orientierten Tanzmodellen zudem echte musikalische Exportschlager, die als spanische Pavanen oder Folía ihren Weg durch Europa nahmen und reiche kompositorische Früchte trugen. Das taten sie dank der enormen Ausdehnung der spanisch-habsburgischen Herrschaft einerseits nach Norden direkt bis in die spanischen Niederlande, andererseits über die südliche Verbindung in das bis Anfang des 18. Jahrhunderts gleichfalls spanisch beherrschte Königreich Neapel, von dort weiter nach Rom und bis über die Alpen.

Diesem Weg spanischer Instrumentalmusik folgt das niederländische Ensemble Cordevento auf seiner aktuellen Platte. Dabei haben Erik Bosgraaf (Blockflöten), Izhar Elias (Gitarren) und Alessandro Pianu (Cembalo und Orgel) charakteristische Formenmodelle ebenso im Blick wie typische Instrumente oder die ästhetischen Ideale der spanischen Diminutions- und Variationstechniken. Sie konzentrieren sich nicht auf die großen ‚Schlachtfelder’ der Musikgeschichte – die allmähliche formale Ausdifferenzierung von Oper, Sonate, Kantate, Konzert oder Suite findet keine Beachtung. Vielmehr widmen sich die drei Instrumentalisten den spieltechnisch und affektiv hochattraktiven Nebenlinien, die im schon angesprochenen Grenzbereich von volks- und kunstmusikalischer Tradition angesiedelt sind.

Auch unter dieser Einschränkung liest sich die Liste der vertretenen Komponisten eindrucksvoll, sind doch Andrea Falconieri, Bartolomé de Selma y Valverde, Jan Pieterszoon Sweelinck, Bernardo Storace, Jacob van Eyck, Gaspar Sanz oder Antonio de Cabezón vertreten. Sie zeigen, dass voll entwickelte Form in der Musik nicht alles ist, dass auch freie, variative Gestalten kompositorische Kraft und musikalische Invention zu voller Blüte führen können.

Erfrischender Zugriff

Erik Bosgraaf überzeugt also mit einer geschickten, natürlich in diesem riesigen Repertoire nicht erschöpfenden Programmauswahl. Hörbar wird der vielseitige Flötist, der mit seinen hier gespielten fünf Ganassi-Flöten im Wesentlichen zwei affektive Sphären bedient: Einerseits entfaltet er eine emotional erwärmte Linearität, abwechselnd damit bewegt er sich souverän in den Sphären höchster Virtuosität – und beides gelingt meisterlich. Bosgraafs stupende Geläufigkeit zeigt einen dank enormer Finger- und Zungenfertigkeit hervorragend artikulierenden Künstler. In intensiver Interaktion mit den beiden anderen Herren wird dieses Feld generell durch akzentuiertes Spiel reich gestaltet, treten etliche klar voneinander getrennte Sphären prägnant hervor.

Daran sind auch die anderen Instrumentalisten maßgeblich beteiligt. Izhar Elias bringt mit seinen gitarristischen Beiträgen etlichen dynamischen Schwung in das Geschehen ein, zeigt sich souverän im Akkordischen ebenso wie in stärker ausdifferenzierten Passagen. Spätestens einige beeindruckende Soli Elias’ lassen Zweifel daran aufkommen, ob die zeitgenössische Aussage des 16. Jahrhunderts, wonach die in Mode kommende Gitarre – wohl vor allem im Vergleich zu den als deutlich nobler begriffenen Instrumenten der Lautenfamilie – so leicht wie eine Kuhglocke zu spielen sei, denn so ganz zutreffend sein kann. Schließlich grundiert Alessandro Pianu ruhig und solide, präsentiert sich aber auch mit Beiträgen, die sein solistisches Format mehr als nur aufblitzen lassen. Die gewählten Tempi sind durchaus variant und nutzen die sehr differenzierte affektive Anlage der Sätze gelungen für eine intensive Deutung. Auch dynamisch zeigt sich das Tableau erstaunlich deutlich gestuft, wofür die angesichts der schmalen Besetzung bemerkenswert farbigen Registrierungen verschiedener Flöten und Gitarren mit Cembalo und Orgel sorgen.

Kammermusikalisch und doch lebendig – so zeigt sich das in der Summe zutreffende Abbild des kleinen Ensembles. Meist ist die Darstellung luftig und klar, dank der Gitarren immer wieder auch mit einer feinen perkussiven Note versehen. Wenn Orgel und tiefere Blockflöten erklingen, gerät das klingende Ergebnis gelegentlich allzu dicht, auch die generelle Höhenlastigkeit des Programms ist nicht ganz ohne Komplikation, das solistische Cembalo wirkt, verglichen mit der harmonischen Ensemblekonstellation, etwas zu pauschal. Bemerkenswert ist die Solidität, mit der Brilliant Classics das Booklet dieser Eigenproduktion ausgestattet hat: Der einführende Text ist inhaltlich ergiebig und argumentiert beziehungsreich, die Informationen zu Instrumenten und Interpreten genügen den grundlegenden Anforderungen, die fotografische Gestaltung ist gediegen. Allenfalls die englische Einsprachigkeit mag einen Einwand von Gewicht liefern.

Erik Bosgraaf und seine Mitstreiter präsentieren sich als energische, temperamentvolle Formation von sprühender Musizierlust. Dabei entfalten sich ihre manuellen und ästhetischen Fähigkeiten ganz offenkundig in idealem Repertoire. Und die drei Instrumentalisten nutzen auch sehr knappe Sätze überzeugend zu pointierten Deutungen voller Frische und Beweglichkeit.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Ensemble Cordevento spielt: Werke von Falconieri, Corbetta, Storace u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
30.03.2012
Medium:
EAN:

CD
5028421943527


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